1. Konnektivität und kurze Form
2. Foren des virtuellen Hasses
4. Tribunal- und Forumsästhetik
2. Die Beanstandung als Beschwerde
2. Klagen, Beschwerden und die gerechte Lastenverteilung
Beschwerde als Sprache des Ostens
1. Welcher »Osten«? Relation und Projektion
3. Beschwerden, Populismus, Komplizenschaft
4. Der Osten als Projektion und Projekt
4. Complaint is [not] a killjoy genre
»Everyone complains about bureaucracy«
2. Die Bürokratie und ihre Kritik
3. Die Beschwerde in der Bürokratie
Sich zu beschweren gehört zu den üblichsten Formen der Alltagssprache. Zugleich ist das Vorbringen von Beschwerden ein zentrales Element der Aushandlung sozialer Systeme. In beiden Fällen changieren Beschwerden zwischen konstruktivem Engagement und destruktivem Exzess. Die Beiträger*innen aus der Literatur- und Medienwissenschaft untersuchen die Strukturlogik des Beschwerdeführens in Literatur, Film und anderen Medien und decken auf, wie dessen grundlegende Ambivalenz die Verhandlung von Sachfragen bestimmt. Dabei liegt der Fokus nicht nur darauf, über was, sondern auch darauf, wie Beschwerde geführt wird.
Rupert Gaderer (PD, Dr. phil.) lehrt Medien- und Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Kulturtechnikforschung und Medienphilologie an der RuhrUniversität Bochum.Er ist Co-Leiter des Teilprojekts »Virtuelle Streitwelten.Foren und Tribunalisierungsdynamiken« am DFG Sonderforschungsbereich »Virtuelle Lebenswelten« der Ruhr-Universität Bochum.
Juliane Prade-Weiss (Prof. Dr.) ist Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Gemeinsam mit zwei Partnern leitet sie das Projekt »Discourses of Mass Violence in Comparative Perspective«. Sie forscht und lehrt zu europäischen und globalen Ost-West-Narrativen,der Verbindung von Sprache und Gewalt,zur Emotions-und Affekttheorie, Erinnerungskultur und -politik, Psychoanalyse, Literatur und Recht sowie Ecocriticism.
Rupert Gaderer, Juliane Prade-Weiss (Hg.)
Beschwerde führen
Systemkritik zwischen Engagement und Exzess
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 Lizenz (BY-SA). Diese Lizenz erlaubt unter Voraussetzung der Namensnennung des Urhebers die Bearbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung des Materials in jedem Format oder Medium für beliebige Zwecke, auch kommerziell, sofern der neu entstandene Text unter derselben Lizenz wie das Original verbreitet wird.
Die Bedingungen der Creative-Commons-Lizenz gelten nur für Originalmaterial. Die Wiederverwendung von Material aus anderen Quellen (gekennzeichnet mit Quellenangabe) wie z.B. Schaubilder, Abbildungen, Fotos und Textauszüge erfordert ggf. weitere Nutzungsgenehmigungen durch den jeweiligen Rechteinhaber.
Erschienen 2024 im transcript Verlag, Bielefeld © Rupert Gaderer, Juliane Prade-Weiss (Hg.)
Umschlaggestaltung: Maria Arndt, Bielefeld
Umschlagabbildung: Tanja Schuez, Hamburg Druck: Majuskel Medienproduktion GmbH, Wetzlar https://doi.org/10.14361/9783839466308
Print-ISBN: 978-3-8376-6630-4
PDF-ISBN: 978-3-8394-6630-8
Buchreihen-ISSN: 2703-013X
Buchreihen-eISSN: 2703–0148
Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier mit chlorfrei gebleichtem Zellstoff.
Einleitung
Rupert Gaderer und Juliane Prade-Weiss....................................... 7
Foren der Beschwerde
Zur populärästhetischen Gegenwart der Hassrede
Rupert Gaderer............................................................... 19
Wortprojektile
Manifeste zwischen Text und Tat
Davide Giuriato ............................................................. 45
Beschwerde im Kluge-Kosmos
Manuela Klaut................................................................ 77
Lastenausgleich
Zur Semantik der Schwere im Begriff der Beschwerde
Johannes F. Lehmann ....................................................... 99
Beschwerde als Sprache des Ostens
Diskursgeografie, Populismus und Komplizenschaft
Juliane Prade-Weiss......................................................... 127
Leichte Beschwerde
Fran Lebowitz in Martin Scorseses Pretend it’s a city
Linda Waack ................................................................ 159
»Everyone complains about bureaucracy«
Zur Beschwerlichkeit gegenwärtiger Verwaltungskritik
Burkhardt Wolf .............................................................. 175
Kurzbiographien der Beiträgerinnen und Beiträger........................ 195
Rupert Gaderer und Juliane Prade-Weiss
Sich zu beschweren gehört zu den üblichsten Formen der Alltagssprache, zugleich ist das Vorbringen von Beschwerden ein zentrales Element der Aushandlung sozialer Systeme. In beiden Fällen changieren Beschwerden zwischen konstruktivem Engagement und destruktivem Exzess: Sich gemeinsam über alltägliche Unwägbarkeiten wie das Wetter zu beschweren, wirkt sozial verbindend, wer indes hauptsächlich Beschwerden äußert, gilt als unleidlich und wird isoliert. Ebenso ist das Beschwerdeführen im gesellschaftspolitischen Diskurs zum einen ein fundamentales Element der Partizipation in demokratischen Prozessen, das öffentliche, politische und administrative Aufmerksamkeit auf bislang vernachlässigte Probleme lenken kann; auf diesem Weg werden das Zusammenleben mit Blick auf spezielle Gruppen gerechter gestaltet (z.B. durch das Einmahnen von Inklusion) beziehungsweise auf allgemeine Anliegen modernisiert (z.B. durch Forderung einer klimagerechten Politik). Zum andern aber kann die insistente öffentliche Beschwerde die für demokratische Gemeinschaften unabdingbare Kompromissbildung durch Überbetonung einer einzelnen Stimme und Sichtweise unterminieren und von der Sachfrage ablenken, wie es in Populismen geschieht.
Ziel des Bandes ist es, im interdisziplinären Dialog zwischen Literatur- und Medienwissenschaften öffentliche Beschwerden in Gegenwartsdiskursen auf ihre Strukturlogik zu untersuchen, um zu beschreiben, wie ihre grundlegende Ambivalenz die Verhandlung von Sachfragen bestimmt. Die Verhandlung von Beschwerden bietet einen exzellenten Ansatz für das Verständnis sprachlicher und medialer Dynamiken gesellschaftlicher Polarisierung in der Gegenwart, weil die »Beschwerde« sowohl die besprochene Last, Mühe oder Einschränkung bezeichnet als auch deren sprachliche Artikulation und mediale Übermittlung. Das Konzept des Bandes baut auf Arbeiten der Herausgeber zu zwei älteren Sprachformen auf, in denen Engagement und Exzess ebenfalls miteinander verbunden sind, und gegenwärtig aufgrund eben dieser Ambivalenz eher gemieden werden: zum einen rituelle Klagen als Form sozialer Reorganisation nach tiefgreifenden Einschnitten ins Gefüge sozialer Gemeinschaft wie Tod oder Exil;[1] zum anderen das Querulieren als Effekt bürokratischer Kommunikation und institutioneller Verordnungen in juristischen Dispositiven, psychiatrischen Falldarstellungen und Literatur.[2] Die Untersuchung der Rolle von Beschwerden in der Polarisierung öffentlicher Gegenwartsdiskurse ist ein Problem, das bis dato hauptsächlich von Sozialwissenschaften beschrieben wird. Der vorliegende Band soll nun eine dezidiert geisteswissenschaftliche Perspektive in die sozialwissenschaftlich bestimmte Analyse eintragen, indem er das Verständnis für die sprachlichen und medialen Dynamiken stärkt, die häufig als »bloße Rhetorik« oder »technische Spielerei« beiseitegelassen werden, tatsächlich aber die Verhandlung von Sachfragen maßgeblich bestimmen.
Die Polarisierung öffentlicher Diskurse, die sich in der Verhandlung von Beschwerden als entweder konstruktivem Engagement oder destruktivem Exzess zeigt – unlängst etwa zur Frage effektiver Pandemieschutzmaßnahmen –, rührt von vier Strukturproblemen der Sprachform und Medien des Beschwerdeführens her:
Erstens bemisst sich die Bewertung von Beschwerden nicht ausschließlich an der vorgebrachten Sachfrage, sondern ebenso sehr an der insistenten Form und Übermittlung der Äußerung, die Diskursordnungen stören will und nicht selten zurückgewiesen wird durch Zuordnung der Sprechenden zu einer bestimmten Interessengruppe,Ideologie oder Herkunft. Das Verständnis der Verhandlung von Beschwerden erfordert daher eine Analyse nicht allein von Sache und Wortlaut, sondern ebenso der Bezüge, in denen eine Beschwerde rezipiert und verhandelt wird. Die Analyse von Beschwerden leistet damit auch einen Beitrag zum Verständnis eines zentralen Moments der Rede, das in theoretischen Annäherungen an die Sprache meist im Hintergrund bleibt: Beschwerden rücken die Relationalität in den Vordergrund, die für alles Sprechen wichtig ist, das heißt die Richtung auf Gehör und Reaktion, die in je spezifischer Weise antizipiert wird. Der Blick wird so nicht lediglich darauf gerichtet, über was Beschwerde geführt, sondern auch darauf, wie Beschwerde geführt wird.
Zweitens können Beschwerden je nach Blickwinkel als Engagement oder Exzess gelten, weil diese durchaus heterogenen Gesten dennoch auf derselben Strukturlogik basieren: Beschwerden verlangen,dass über das Bestehende hinausgegangen werden muss, dass anderes und mehr notwendig ist. Bei alltäglichen Beschwerden etwa über das Wetter hat dies den Charakter des Wunsches; im gesellschaftspolitischen Bereich verspricht das Beschwerdeführen einzelnen Stimmen Handlungsmacht gegenüber komplexen Systemen und Verfahren, um Einspruch gegen konkrete Organisationsformen (oder deren Fehlen) zu erheben. Gerade dann aber, wenn Beschwerden Gehör finden, von etablierten Systemen aufgegriffen und verhandelt werden ‒ sei es als Rechtsbeschwerde im Rahmen des Verfahrensrechts, sei es als Kundenbeschwerde im complaint management von Unternehmen oder als gesellschaftspolitische Debatte in Massenmedien und in letzter Zeit verstärkt in sozialen Medien ‒, wird die Beschwerde an bestehende Systeme rückgebunden. Damit aber wird der Einspruch, Mehr und Anderes als das schon Bestehende sei nötig, strukturell unterlaufen. Daher sind Beschwerden mit einerVerhandlungvonSachgründenoftnichtbeizulegen,dennsieäußern sich nicht allein zu einer Sache, sondern zugleich auch zur Stellung und Stimme von Einzelnen in komplexen gesellschaftlichen Systemen und medialen Aushandlungsprozessen, das heißt zur Frage der Partizipation an demokratischen Strukturen.
Drittens benötig die Beschwerde etwas, das man als »Erscheinungsraum der Kritik« bezeichnen kann. Seit jeher sind unterschiedliche Foren jene Orte, die genutzt werden, um ein empfundenes Unrecht öffentlich vorzutragen. Diese Orte des Geschehens, die sowohl durch analoge als auch digitale Infrastrukturen ermöglicht werden, werden von Beschwerdeführenden in Anspruch genommen, weil es bei der Beschwerde darum geht, einen Weg zu den Augen und Ohren potentieller Entscheidungsträger zu bahnen. Dies trifft etwa auf die institutionelle Beschwerde zu, die unter der Berücksichtigung bürokratischer Regeln, Verfahren und Formate vollzogen wird. Neben dieser seit dem frühen 18. Jahrhundert von Verwaltungen mehr und mehr unterstützten und beförderten Beschwerdemöglichkeit gibt es genauso außerinstitutionelle Wege und Mittel der Beschwerde. Hier geht es darum, auf einem Forum seine Beschwerdeanliegen vorzutragen, jedoch ohne Verfahren, Spielregeln oder Normen, die von einer Institution vorgegeben werden. Der Vorteil der Beschwerde besteht also darin, dass sie an den unterschiedlichsten Orten geäußert werden kann: in obskuren Kleinstversammlungen oder öffentlichen Großdemonstrationen, in sozialen Medien oder papiernen Pamphleten, auf Hauswänden oder in bürokratischen Formularen. Diese mediale Situation der Beschwerde macht es möglich, die Funktion der Kommunikation und die dabei im Spiel befindlichen Kulturtechniken und Medien der Beteiligten zu beschreiben.
Viertens ist die Beschwerde ein Ort der ästhetischen Auseinandersetzung. Dies betrifft literarische Aufschreibesysteme genauso wie audiovisuelle Formate oder Artefakte der bildenden Kunst. Die künstlerisch-politische Auseinandersetzung mit der Beschwerde adressiert eine beobachtete Normalität oder Anormalität der Beschwerde, sie deckt Machtbeziehungen zwischen den Beteiligten auf oder reflektiert über die Räume und Zeiten der Beanstandung. Dabei geht es den Beiträgerinnen und Beiträgern dieses Bandes weniger um die Beschwerde im Film, die Beschwerde in der Literatur, die Beschwerde in der Fotografie oder die Beschwerde im Theater als ein Motiv unter vielen. Vielmehr liegt das Interesse in dem Verhältnis zwischen der Beschwerde und den im Spiel befindlichen sprachlichen und ästhetischen Verfahren. Dies ist deswegen relevant, weil die Beschwerde unter ihren medialen Bedingungen voneinander abweichende Formen des Auftritts zulässt und unterschiedliche epistemologische Zugänge entwickelt.
Ein interdisziplinärer Überblick über den Forschungsstand macht auf die Relevanz dieser vier Grundannahmen sowie die Forschungslücke aufmerksam, die die Beiträge des Bandes adressieren: Soziologische und politikwissenschaftliche Studien zur demokratischen Teilhabe und zur Polarisierung gesellschaftlicher Diskurse (von der Populismen zeugen) sind Legion.[3] Beschwerden werden jedoch meist nicht in diesem Rahmen betrachtet, sondern zuerst als individuelle Äußerung; das gilt für juristische Arbeiten zum Verfahrensrecht,[4] das formale Beschwerden von Rechtspersonen vorsieht, ebenso wie für Arbeiten im Bereich der Psychologie und Psychoanalyse, wo das Beschwerdeführen als eher abträglich gesehen wird: als kathartische »annoying behavio[r]«[5] beziehungsweise als Fixierung, die von einem Rückzug von der Realität anstelle der Akzeptanz eines Unangenehmen zeugt.[6] Aus philosophischer Perspektive urteilt Baggini, »grievance culture […] places law above ethics«,[7] sofern der Anspruch auf juridische Regulierung einer Beschwerde moralische Entscheidungen umgeht. Der literatur- und medienwissenschaftliche Ansatz zur Analyse von Beschwerden konzentriert sich nicht allein auf die Intention von Beschwerden als individuelle Äußerungen, sondern betrachtet diese im Zusammenhang der Funktion, die ihnen im gesellschaftspolitischen Diskurs zukommt. Eine solche Betrachtung der Beschwerde als soziale Interaktion steht weithin noch aus.[8] Beschwerden sind keine grammatisch oder syntaktisch identifizierbaren Äußerungen – zum einen sind sie relational auf ihre Rezeption hin konzipiert.[9] Diese Dynamik kennzeichnet auch andere gesellschaftspolitische Verhandlungen von Beschwerden. Zum anderen sind Beschwerden deshalb keine einfach zu identifizierende Redeformen wie Fragen oder Aussagen, weil sie sich historisch-kulturell spezifischer Konventionen bedienen, die in der Literatur- und Medienwissenschaft mit dem Begriff des Genres und des Formats beschrieben werden.[10]
Eine literatur- und medienwissenschaftliche Analyse von Beschwerden ist imstande, gesellschaftspolitische Debatten und Konflikte aus einem originären Blickwinkel zu beschreiben, weil literarische Texte und andere medial aufbereitete Inhalte die Relationalität der Rede mehr in den Vordergrund stellen als sachgeleitete Texte. Um lediglich ein prominentes Beispiel zu nennen, das hier als ein gemeinsamer Nenner dient: Romanfragmente und Erzählungen Franz Kafkas stellen oft den komplexen Zusammenhang von Liebesklagen und anderen Beschwerden mit justiziablen Einsprüchen und Beschwerden dar und zeigen, dass die Genregrenzen, die zwischen verschiedenen Formen der Rede gezogen werden, ob vom Verbrauch gezeichnet oder als querulierend ausgeschlossen, der Eindämmung der Frage nach Mitsprache und Gerechtigkeit in modernen Gesellschaften dienen.[11] Dieser Befund entwickelt deswegen eine Brisanz, weil Kafka als Konzeptbeamter der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag (AUVA) sich mit Verfahren und Medien der Beschwerdevermeidung und Dezimierung von Akten juristisch und bürokratisch auseinandersetzte.[12]
Auch dieses Beispiel zeigt,dass der Ertrag der Analyse des Beschwerdeführens für die Literatur- und Medienwissenschaft in der Einsicht in die Rolle der Relationalität und Medialität der Rede liegt. Beschwerden können nicht zuerst mit dem Aristotelischen Paradigma des Aussagesatzes erfasst werden, der in Prädikationen Urteile formuliert, die entweder wahr oder falsch sind;[13] Beschwerden entziehen sich dieser Bewertung in wesentlichen Teilen. Und obgleich Beschwerden oft stark performative Züge haben, fügen sie sich in wichtigen Punkten auch nicht dem moderneren Paradigma der Performativität, wie Judith Butler es formuliert: »performativity must be understood not as a singular or deliberate ›act‹, but, rather, as the reiterative and citational practice by which discourse produces the effects that it names.«[14] Einzelne Beschwerden zitieren und variieren in der Tat erwartete Formen und Wendungen, um als solche verständlich zu sein und sich Gehör zu verschaffen. Doch eben das Gehör, die eingemahnte Veränderung und die Partizipation, auf die es bei Beschwerden im gesellschaftspolitischen Kontext ankommt, können nicht von der Rede selbst produziert oder performiert werden: Sie bedürfen der Anerkennung durch andere. Die Rückmeldung solcher Anerkenntnis kann erfolgen oder unterbleiben, in jedem Fall gehört die Erwiderung unabdingbar mit zum Diskurs der Beschwerde; aus politikwissenschaftlicher Sicht beschreiben Cas Mudde und Cristóbal Rovira Kaltwasser dies als Kontrast zwischen politischer responsiveness gegenüber der Bevölkerung und responsibility gegenüber Institutionen und Verträgen.[15] Die (antizipierte) Bewertung als Engagement oder Exzess hat unmittelbare Rückwirkung auf die Beschwerde, wie Vöcklinghaus aus literaturwissenschaftlicher Perspektive auf die »Beschwerdefalle« in der meetoo-Debatte festhält: Wird der Beschwerde die Anerkenntnis versagt, reproduziert sie das Machtgefälle, gegen das sie sich richtet, und unterbleibt darum oft.[16]
Unter diesen Prämissen beschreiben die alphabetisch geordneten Beiträge des Bandes das Beschweren als eine Systemkritik zwischen Engagement und Exzess: Rupert Gaderer geht es in seinem Beitrag Foren der Beschwerde. Zur populärästhetischen Gegenwart der Hassrede um das exzessive Beschweren in sozialen Medien und dessen massive Auswirkung auf die Gesellschaft, insbesondere im Kontext des Theaterstücks Ode von Thomas Melle. In Ode, so verdeutlicht der Beitrag, wird die Macht juristischer Institutionen durch die Flut von Beschwerden geschwächt, wodurch rationale Argumente an Bedeutung verlieren. Virtuelle Stimmen formen Foren der Beschwerde, die Strukturen des Tribunals annehmen und Hassreden und Ideologien verbreiten. Dabei zeigt der Beitrag,inwiefern soziale Medien die unmittelbare Abgabe von Urteilen fördern, was zu einer neuen Form der Entscheidungsmacht führt, die auf Affekten, Algorithmen und ökonomischen Interessen basiert.
Davide Giuriato analysiert Manifeste als eine exzessive Beschwerdeform, in der sich Sprachhandeln und Gewalttat verbinden, da sie gemeinsam als Ausdruck einer radikalen Systemkritik verstanden werden möchten. Während vielen Manifesten des 20. Jahrhunderts das Potential zur Überschreitung sprachlicher hin zu physischer Gewalt innewohnt, wie etwa das Futuristische Manifest zeigt, verdeutlicht Giuriato in seinem Beitrag Wortprojektile. Manifeste zwischen Text und Tat den Nexus von Text und Tat, indem er zwei Manifeste genauer untersucht, die meist lediglich als Teil von Kriminalfällen betrachtet werden: dem Manifest des sogenannten Unabombers und dem SCUM Manifesto Valerie Solanas, die 1968 drei Kugeln auf Andy Warhol abgefeuert hat. An beiden Manifesten zeigt sich die Paradoxie, der Verständlichkeit halber in den Begriffen und zu den Exponenten just desjenigen Systems sprechen zu müssen, zu dessen tätiger Zerstörung die Manifeste aufrufen. Und wie die Manifeste der Avantgarden wohnt ihnen der logische Rekurs inne, in Überbietungsrhetorik zum Umsturz alles Bekannten aufzurufen und dabei den Krieg auszubuchstabieren, den »die Gesellschaft« oder »das System« doch längst erklärt habe, was eben den Umsturz erfordere.
Manuela Klaut untersucht in ihrem Beitrag Beschwerde im Kluge-Kosmos, inwiefern Alexander Kluge in seinen Texten und Filmen Beschwerden thematisiert, die sowohl rechtliche und verwaltungsorganisatorische als auch physische oder körperliche Aspekte betreffen. Dabei wird auf Kluges parodistische Elemente im Kontext von Überverwaltung, Störungen und Interferenzen der Verwaltungssysteme aufmerksam gemacht. Beschwerden werden bei Kluge als eine Form der Kritik an politischen Verhältnissen und als Versuch, die Ausdruckskraft des Einzelnen zu verteidigen, dargestellt. Im Zentrum steht dabei die Wahrheitsbedingung von Aussagen und der Prozess der Wahrheitsfindung als kontinuierlichen und literarischen Beschwerdeprozess, der das Gesetz in Bewegung hält und keine abschließenden Urteile zulässt.
Johannes F. Lehmann erkundet in seinem Beitrag Lastenausgleich. Zur Semantik der Schwere im Begriff der Beschwerde die sozialen Ordnungsvorstellungen, die sich in der Semantik der Schwere artikulieren, von der das Wortfeld der Beschwerde im Deutschen geprägt ist. Lehmann zeigt, dass aller politischer und institutioneller Veränderungen unerachtet Vormoderne und Moderne verbunden sind in der Vorstellung, eine Ordnung sei dann gerecht, wenn sie für eine eben geordnete und nicht lediglich willkürliche Verteilung von Lasten und Beschwernissen sorge. An Texten Heinrich von Kleists verdeutlicht Lehmann, dass die Idee des Lastenausgleichs darum im Zentrum der Imagination von Herrschaft steht. Diesem Lastenausgleich dienen die immer wieder novellierten Verfahren der Beschwerde, an deren utopischen Horizont das Gegenstück zur Schwere steht: Erleichterung, Leichtigkeit und Freiheit als Abwesenheit von erdrückender Last.
Juliane Prade-Weiss untersucht in ihrem Beitrag Beschwerde als Sprache des Ostens. Diskursgeografie, Populismus und Komplizenschaft eine symbolische Geografie, die politische, mediale, akademische und literarische Diskurse prägt: Die Sprache lästiger Beschwerden und quälender Klagen wird oft als östlich markiert und damit aus dem Diskurs ausgelagert, der sich als westlich und vernunftgeleitet versteht. Diese Lokalisierung ist bedenklich, denn sie gehorcht – ebenso wie viele Beschwerden, die oft der populistischen Rechtfertigung antidemokratischer Politiken dienen – der psychologischen Strategie der Spaltung: Destruktive Züge, die nicht mit dem Selbstbild vereinbar scheinen, werden in einen als grundsätzlich anders und feindlich gesinnten Raum projiziert. Die diskursive Spaltung Europas und Deutschlands in einen Antagonismus von »West« und »Ost« kristallisiert sich an der Sprachform von Beschwerden und Klagen, denn ihre Äußerung und die abweisende Reaktion bilden einen kommunikativen Zusammenhang. Die wahrgenommene Unersättlichkeit und Unversöhnlichkeit produziert die Abweisung, die sich weiter beklagen lässt. Wegen dieses Zusammenhangs ist die symbolische Geografie, die Klagen im Osten lokalisiert, problematisch: die Spaltung, die Klagen abweist, bestätigt sie, statt sie zu widerlegen, und leistet daher ihrem antidemokratischen Zweck Vorschub.
In Martin Scorseses Netflix-Serie, so zeigt es LindaWaack in ihrem Beitrag Leichte Beschwerde. Fran Lebowitz in Martin Scorseses Pretend it’s a city, handelt es sich um etwas, das man als eine zielstrebige und zugleich ziellose Beschwerde bezeichnen kann, die nicht auf Veränderung abzielt und daher als destruktiv wahrgenommen wird. Denn Fran Lebowitz stellt in der Serie eine Form der Beschwerdeführenden dar, die nicht nur das Beschwerliche, sondern auch das Leichte in Betracht zieht und dabei gleichzeitig Spielerin und Spielverderberin ist. Diese Strategie, die Waack als »leichte Beschwerde« bezeichnet, erlaubt es, humorvoll mit der Unzufriedenheit umzugehen und auf Probleme und Missstände in New York (städtebauliche Projekte etc.) hinzuweisen, ohne in falsche Allianzen zu geraten. So eröffnet der Beitrag eine dialektische Perspektive auf die Beschwerde, die es ermöglicht, das Negative in eine positive Form der Verneinung zu verwandeln.
Burkhardt Wolf geht es aus einer kultur- und mediengeschichtlichen Perspektive in seinen Überlegungen unter dem Titel »Everyone complains about bureaucracy«. Zur Beschwerlichkeit gegenwärtiger Verwaltungskritik um die Beschwerde an der Bürokratie. Die Veränderungen in Verwaltungsstrukturen und ihre Fusion mit neoliberalen Machtarrangements haben dazu geführt, so zeigt es der Beitrag, dass fundamentale Verwaltungskritik heute erschwert wird, da die Verfahrensprobleme mehr und mehr in die Hände der Betroffenen gelegt werden. Wolf rekonstruiert in seinemBeitragdiemoderneGeschichtederBeschwerdeanderBürokratie, macht auf die dabei involvierten Akteure, Medien und (Schreib-)Formate aufmerksam und zeigt, inwiefern die Beschwerde an der BürokratieschließlichzumpolitischenundpopulistischenThemawurde,dasauf die Forderung nach Entbürokratisierung hinauslief. Der Übergang von der Bürokratiekritik zur modernen Beschwerde- und Anregungsverwaltung hat dazu geführt,so endet der Beitrag,dass die Rolle des Beschwerdeführers zunehmend in die Funktion eines Kunden und Konsumenten, von der Kritik zum Anliegen, übergegangen ist.
Aristoteles: Kategorien. Hermeneutik oder vom sprachlichen Ausdruck (De interpretatione). Griechisch/deutsch. Übers. von H. G. Zekl, Hamburg 1998.
Baggini, Julian: Complaint: From Minor Moans to Principled Protests, London 2008.
Berlant,Lauren: The Female Complaint.The Unfinished Business of Sentimentality in American Culture, Durham 2008.
Blankenburg,Erhard: Die Verfassungsbeschwerde.Nebenbühne der Politik und Klagemauer von Bürgern, in: Kritische Justiz 31.2 (1998), S. 203–218.
Böckenförde, Ernst-Wolfgang: Die Überlastung des Bundesverfassungsgerichts, in: Zeitschrift für Rechtspolitik 29.8 (1996), S. 281–284.
Butler, Judith: Bodies That Matter. On the Discursive Limits of »Sex«, New York 1993.
Gaderer, Rupert: Querulieren. Kulturtechniken, Medien und Literatur 1700–2000, Heidelberg 2021.
Kafka, Franz: Amtliche Schriften, hg. von Klaus Hermsdorf und Benno Wagner, Frankfurt a.M. 2004, S. 642–644.
Kowalski, Robin M.: Complaining, Teasing, and Other Annoying Behaviors, New Haven 2003, S. 25–51.
Lessenich, Stephan: Grenzen der Demokratie. Teilhabe als Verteilungsproblem, Ditzingen 2019.
Mudde, Cas und Kaltwasser, Cristóbal Rovira: Populism. A Very Short Introduction, Oxford 2017, S. 97–118.
Prade-Weiss, Juliane: Language of Ruin and Consumption. On Lamenting and Complaining, New York 2020.
Reckwitz, Andreas: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin 2017.
Ruusuvuori, Johanna und Lindfors, Pirjo: Complaining about previous treatment in health care settings, in: Journal of Pragmatics 41 (2009), S. 2415–2434.
Taylor, Charles, Nanz, Patrizia und Beaubien Taylor, Madeleine: Reconstructing Democracy. How Citizens Are Building from the Ground up, Cambridge, Mass. 2020.
Vöcklinghaus, Lena: Die Beschwerdefalle, in: Zeit online, 31.10.2017 http s://www.zeit.de/kultur/2017-10/sexismus-sexuelle-belaestigung-fr auen-beschwerden/seite-3 (abgerufen am 01.08.2023).
Weintrobe, Sally: Links between grievance, complaint and different forms of entitlement, in: The International Journal of Psychoanalysis 85 (2004), S. 83–96.
Yordanova, Kalina: Melancholic response to war destruction and the emergence of a group assumption of post-ness, in: American Journal of Psychoanalysis 78 (2018), S. 47–62.
Zur populärästhetischen Gegenwart der Hassrede
Rupert Gaderer
Die Macht juristischer Institutionen ist im Klima exzessiver Beschwerden derart geschwächt, dass das ›rationale‹ Abwägen und die ›vernünftige‹ Rede ihre Durchsetzungskraft eingebüßt haben. Vielmehr überschlagen sich die virtuellen Stimmen und lassen Foren der Beschwerde entstehen, deren entfesselte Handlungsmacht die Form des Tribunals wählt. Die Eigenschaft der Stimmen besteht darin, nicht von institutionalisierten Verfahren kanalisiert zu werden, sondern Meinungen, Hassreden und Ideologien zu verbreiten. Das inhärente Rauschen der Kommunikation ist in diesen sozialmedialen Foren exzessiv geworden und entfacht Tumult, Wahnsinn und Streit.
In Thomas Melles Theaterstück Ode (Uraufführung am 23.12.2019, Deutsches Theater), über das in einer der ersten Rezensionen angemerkt wurde, dass es sich »sprachmächtig, sophisticated und auf Diskurshöhe der Zeit«[17] bewegt, ist das exzessive Beschweren zum Normalfall geworden. Eine Vielzahl von hassenden Stimmen aus sozialmedialen Kontexten werden auf die Theaterbühne gestülpt, um zu zeigen, wie sich Formen der Anerkennung, des Einschlusses und des Wohlwollens schnell in Formen der Erniedrigung, des Ausschlusses und der Missgunst umwandeln. Die Formen des Sozialen werden auf der Theaterbühne in ihrer Ambivalenz sichtbar.
Jede Beschwerde benötigt einen Anfangsgrund. Der Grund der Beschwerde muss, zumindest in Ansätzen, disputabel sein. Zumeist ist er so beschaffen und aufbereitet, dass es sich lohnt, Zeit zu investieren und bestimmte Handlungen zu setzen. Deswegen haben Beschwerden eine Geschichte, die im Fall von Thomas Melles Theaterstück den Kern der Handlung bildet. Genauer gesagt wird zu Beginn von Ode eine Beschwerdegeschichte über ein Ding entfaltet: Eine Skulptur bringt unterschiedliche Beteiligte auf einem öffentlichen Schauplatz zusammen, indem sie entzweit und voneinander trennt. Anne Fratzer, Professorin und Rektorin einer Kunstakademie, präsentiert in einer Ausstellung das Kunstwerk, dessen Provokation nicht darin liegt, dass das Objekt aus »[N]ichts«[18] besteht. Der eigentliche Grund der vielen Hasskommentare, die Fratzer erreichen und sie in den sozialen Niedergang treiben werden, ist der Titel der Skulptur, der vom Kunstpublikum als eine ungeheuerliche Kampfansage aufgefasst wird: Der Titel »Ode an die alten Täter« bezieht sich auf den Dank Fratzers an die Nationalsozialisten, die ihren gewalttätigen Großvater umgebracht hatten, wodurch ihre Großmutter und Mutter überleben konnten. »Sie wären tot«, so Fratzer bei der Enthüllung des Kunstwerks, »und ich wär es auch, weil einfach nie geboren« (Ode, 12). Die Skulptur, die das Abwesende in seiner Anwesenheit zeigen soll, dreht die Adressaten der herkömmlichen Erinnerungskultur um, indem sie nicht den Opfern, sondern dem Angedenken der Täter im Nationalsozialismus gewidmet ist.
In Anlehnung an Luc Boltanskis Überlegungen über Skandale und Affären kann bei Fratzer davon gesprochen werden, dass die Aufregung vergrößert wird, weil die Übertretung von einer Person vollzogen wird, die eine soziale oder politische Ordnung verkörpert.[19] Ab dem Zeitpunkt des Eingreifens der Verteidiger Fratzers, die ihrerseits versuchen, die Anschuldigungen gegen Fratzer nun zu einem politischen Fall zu machen, wandelt sich der Skandal in eine politische Affäre. Diese Affärenform wird für die unterschiedlichen Aggregatszustände der Beschwerde, die das Theaterstück durchspielt, von Bedeutung sein, weil die Anklage Fratzers nicht lediglich in einem kleinen akademischen Kreis,sondern in einem noch näher zu bestimmenden öffentlichen Beschwerderaum stattfindet. Kritisiert, beschimpft und beleidigt wird nicht die zynische und aufmerksamkeitsheischende Kunstprofessorin, sondern für diese Affäre typisch,wird die politische Ordnung des Kunstbetriebs hinterfragt. Als der zunächst verschwiegene Name der Skulptur in der Öffentlichkeit bekannt wird, bildet sich ein Tribunal virtueller Beschwerdestimmen, das sich aus den für soziale Medien typischen kurzen und abgehackten Beschwerde- und Hassnachrichten zusammensetzt.
Es wird hier also, dies bestimmt die Ästhetik der Beschwerdereden, im Kleinen gestritten. Die minimalisierte Form der Unruhe entfaltet aufgrund der Aussagen über das Kunstwerk eine hohe Wirkung, wobei die Verknappung des Umfangs ein stilistisches Merkmal von Melles Beschwerdechören bildet. Es handelt sich um ein für die sozialmediale Beschwerde wichtiges Verfahren des Verkürzens, das aufgrund seiner Ausbildung von Mikroformaten und der Übernahme wichtiger Funktionen in den letzten Jahren an Aufmerksamkeit gewonnen hat.[20]Die kurzen Botschaften, die sprachlich auf die Bühne des Theaters gebracht werden, sind ein Gemisch aus seriösen Nachrichten, bösartigen Gerüchten, Fake News sowie Vermutungen über Vermutungen, die weitere Pseudo-Urteile provozieren. Damit die Beschwerde eine Hasskraft entwickelt, damit sie das Gegenüber desavouiert und Aufmerksamkeit auf sich zieht, wird sie klein gemacht und ihre Aussagen verkürzt. Die Verknappung des Umfangs ist für die Beschwerdestimmen des Theaterstücks essenziell und bildet zugleich ein Merkmal ihres Beschwerdestils. Dies betrifft neben der begrenzten Zeichenzahl ebenso einen verknappten Zeitraum. Beim Beschwerdestil sozialer Medien kann man davon sprechen, dass der Aufruf zum Verkürzen und Verknappen nicht lediglich für die Zeichen, sondern auch für einen temporalen Aspekt gilt. In sozialen Medien kommunizieren, heißt nicht lediglich kurz schreiben, sondern bedeutet auch eine kurze Spanne der Lese- und Schreibzeit. Die längere Auseinandersetzung mit übertragenen Informationen ist keine Sache der Streitbeteiligten. Das zeigen die vielen Konflikte, die darauf basieren, dass vermeintliche Indizien als tatsächliche Indizien unreflektiert und in kurzer Zeit zirkulieren. Die kurze Form ist ein Affizierungsmotor und dient lediglich sekundär zur Information.
Im Fall von Ode kann man von einer Affektkultur der Extreme sprechen, die auf der Bühne von den Figuren ausagiert wird. Immer dann, wenn die Stimmen auftreten und emotionale Ausrufe in kurzen Botschaften und kurzen zeitlichen Abständen schnell hintereinander ausgesprochen werden – »Das kann doch nicht« (Ode, 12); »DAS GEHT ÜBERHAUPT NICHT« (Ode, 13); »MACHT DAS WEG« (ebd.) – bilden sich Foren, auf denen Personen der Beschämung preisgegeben werden.
Im Gegensatz zur Wut benötigt der Hass ein Ziel, ein Objekt der affektiven Relation,[21] das in Ode zunächst eine Skulptur ist und im Verlauf des Theaterstücks auch Personen in die Angriffe einschließt. Der Hass der Beschwerden äußert sich in Formulierungen der Vernichtung: »KOPF AB UND/WEG MIT IHR.« (Ode, 17) Die gehasste Person oder die gehasste Institution sind Stellvertreter einer als gefährlich aufgefassten Welt. Das Ziel der Hassentladung wird dann erreicht (dies gilt auch für andere Hass-Szenarien), wenn die Person oder Institution vernichtet ist.[22] Der Chor in Ode setzt sich aus modifizierten Zitaten zusammen, Wortfetzen und verkümmerten Aussagen, die die Missverständnisse noch missverständlicher machen und das Rauschen in den Dialogen vergrößern. Die Stimmen, die für das Theater gefasst werden, hetzen und handeln vom Hetzen. Es sind Elemente von Hetzschwärmen, die auf dem Gerücht und unüberlegten Aussagen basieren – abgehackte Stimmen der Empörung, die keine Argumente transportieren, sondern lediglich Meinungen zulassen. Die Anrufung der Hasskommentare, um mit Judith Butler zu sprechen, hat zur Folge, nicht als das anerkannt zu werden, was man ist. Denn Hasskommentare spiegeln nicht lediglich ein soziales Herrschaftsverhältnis wider, sondern Hate Speech konstituiert »ihren Adressaten im Augenblick der Äußerung«[23].
Die Sprachfetzen, die auf die Bühne des Theaters gebracht werden, sind Stimmen, die aus der Sprache der sozialen Medien stammen und sich auf der Bühne als virtuelle Stimmen zu Hetzschwärmen versammeln. Auch der Stil sozialer Medien basiert auf dem Format der kurzen Form, bei der die Kommunikation an die Übertragungsmöglichkeiten und die Datengewinnung angepasst ist. Ähnlich wie dies bei älteren technischen Medien festgehalten wurde, übt das Medium Effekte auf den Schreibstil aus, wobei im Gegensatz zu älteren Telemedien das Verfassen der Nachricht unter dem Diktat einer neoliberalen Zeichenökonomie steht.
Nach der Verleihung des Literaturnobelpreises an den österreichischen Autor Peter Handke bezeichnete Melle in einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Empörungen über die Preisvergabe in sozialen Medien als »toxische Fetzen«[24]. Die Autorin Julya Rabinowich feierte den Erhalt des Preises, Clemens Setz twitterte ein »bumm« und Saša Stanišić zerpflückte Handkes Serbien-Engagement in einer mehrtägigen Kaskade von Tweets. Hasserfüllte kurze Formen, so Melle in Clowns auf Hetzjagd, bildeten die strukturellen Ausschlüsse für »virtuelle Schauprozesse«[25]. Das Tempo diktiere eine Fragmentarisierung der Aussagen, wobei bezeichnenderweise die Literatur des Nobelpreisträgers in den Threads nicht vorkomme. Es werde eine »Atmosphäre der Intellektuellenfeindlichkeit« geschaffen, die einen »fatalen Hang zum Ausschluss, zur Identität und zur Aburteilung hat.«[26] Es sind Elemente von Hetzschwärmen, die auf dem Gerücht und unüberlegten Aussagen basieren, abgehackte Wortfetzen der Empörung, die keine Argumente transportieren, sondern lediglich diffuse Meinungen zulassen. Es entstünden »eigendynamische Twitterprozesse«[27], die zur Hetze aufrufen.
Das Ergebnis der medialen Dispositive – so Melles Kritik, die weniger den Autoren und Autorinnen, sondern mehr der Kommunikation sozialer Medien gilt – ist ein isolierter Konsens, der nicht durch Integration, sondern durch Ausgrenzung entsteht. Es geht Melle nicht darum, sich auf die Seite von Handke zu schlagen,sondern um die Beschreibung der Dynamiken, die zu den unkontrollierten Effekten und der Entwicklung von Foren des virtuellen Hasses führen. Melle kritisierte Saša Stanišić sowie Margarete Stokowski und ließ die beiden hinter einen Twittermob zurücktreten; was wiederum als eine Unredlichkeit der Polemik kritisiert wurde, weil Melle die beiden nicht beim Namen nannte, ihre Aussagen nicht zitierte und an der Fiktion einer gesichtslosen Meute mitschrieb.[28]
Was in Ode verhandelt wird, ist sicherlich das Potential der künstlerischen Provokation und der theoriebeladenen Kunstdiskussion. Darüber hinaus wird die Konnektivität und Quantität der virtuellen Stimmen ins Zentrum des theatralen Erkenntnisinteresses gerückt, also jene Operationen, die sich hinter der Oberfläche sozialmedialer Kommunikationsräume verbergen. Die mittlerweile alltäglichen Pseudo-Urteile und Hasskommentare – die Namen wie Shitstorms, Empörungs- und Agitationswellen tragen – sind die Symptome einer gereizten Gesellschaft, deren Entstehungsherde für die Handlung des Theaterstücks investigiert werden. Melle exerziert eine literarische Schreibweise, die sich computergenerierte und algorithmusgesteuerte Operationen aneignet und deren narrative Strukturen auf die Bühne transferiert. Ode handelt also auch von der Bewältigung der Quantität ausufernder Kommentare und der Konnektivität der Stimmen in sozialen Medien. Es werden die Beobachtungen von Interaktionen unter den Bedingungen von algorithmischen Prozessen und rhetorischen Verfahren der Verkürzung ausgestellt. Diese bestehen in der Konnektivität von Plattformen, d.h. in der direkten und indirekten Generierung von Nutzerinnen und Nutzern durch Nutzerinnen und Nutzer, eine ›Verzinsung‹ der Nutzerzahlen, die durch Rückkopplungseffekte einen exponentiellen Anstieg der Nutzerinnen und Nutzer zur Folge hat, die Nachrichten der Beschwerde in den Netzwerken teilen.[29]
Man kann also festhalten, dass es sich um hasserfüllte Beschwerdebotschaften handelt, die eine hohe Wirkungs- und Zerstörungskraft besitzen. Dabei zeichnen sie sich durch eine Besonderheit aus: Im medienphilologischen Sinn handelt es sich um Kommentare, die Aufmerksamkeitsökonomien lenken. Bei diesen Beschwerdekommentaren wird erkennbar, was für die Beschwerde im Allgemeinen und für Melles virtuellen Beschwerdechor im Besonderen gilt: Kommentare sind paradoxe Mittler, die etwas zum ersten Mal aussprechen, was doch eigentlich bereits ausgesprochen wurde. Auch der Hasskommentar muss einen vorgängigen Text, Bild oder Clip rezitieren, er muss eine Aussage verstehen oder missverstehen, um sie danach geladen mit Ressentiments zurückzuspielen.DieAuslegungsbedürftigkeitergibtsichauseinemGefühldes Mangels, das ebenso der Grund für die weitere Beschäftigung mit dem Gegenstand der Beschwerde bildet.
Dabei mag die computerisierte und algorithmisierte Kommunikation motivgeschichtlich von Belang sein. Wesentlich aufschlussreicher ist jedoch, dass in Ode die Materialität der Kommunikation und die Korrelation zwischen technischem Medium und Narration im Mittelpunkt steht. Man kann von einer Narration der Konnektivität sprechen, bei der die sozial-medialen Verbindungen die Ereignisse des Theaterstücks organisieren. Ode ist ein Kommunikationstheaterstück, bei dem ein Augenmerk auf virtuelle Gesprächssituationen und die Formate und Aussagen der Foren gelegt wird.
Dies wird im Verlauf des Theaterstücks nochmals deutlich, wenn die »Hassrede« (Ode, 18) gegen Fratzer dazu führt, dass komplexe Zusammenhänge ausgeblendet werden, Gerüchte ihre Stellung an der Akademie destabilisieren und sie schlussendlich von ihren Aufgaben freigestellt wird. Hier setzt das Stück selbst zur Beschwerde an, wenn im Abschnitt»BETRIEBSBESCHIMPFUNG«diealsCancelCultureverstandene Suspendierung Fratzers und die Konfiszierung der Skulptur schimpfend und einen weiteren Beschwerdetext imitierend, Peter Handkes Publikumsbeschimpfung (Uraufführung am 8.6.1966, Theater am Turm), kritisiert wird. Es ist eine Umkehrung der normalen Beschimpfungswege: Von der Bühne wird nun in die sozialen Netzwerke gekeift.
Euch süßlich-harmlosen Zwinkerartisten
Euch selbstgerechten Dümmlichkeitstwitterern
Euch facebookgezüchteten Hochnarzissten
Euch fehlerverängstigten Niedlichkeitspriestern
Euch youtubeverblödeten Neoneunazis
Euch staatskreuzbekränzten Volkesfürsprechern
Euch selbstreferentiellen Sprachpolizisten
Euch selbstempfindlichen Ichlobbyisten
Euch hochverängstigten Dumpfhirnprovinzlern
Euch samenverklebten Essenzfetischisten
Euch transnationalen Gauleiternazis
Euch diskursverwirrten Stumpfmoralisten
Euch opferbesessenen Opferdarstellern
Euch berufsjugendlichen Selbstironisten
Euch metafiktiven Krankheitsvermarktern
Euch durchfinanzierten Arztsohnsekttrinkern
Euch laberverblödeten Kulturvollzeitstädtern
Euch monetarisierten Kunstkrankkunstkörpern
Euch unnütz vermetrischten Disswegmaschinen
Euch alles in allem nur Allesnurhassern
Euch nichtig vernichteten Kunstbetriebsnichtsen (Ode, 19)
Im Stück bleibt eine öffentlich-kritische Wirkung des Beschwerdechors aus. Vielmehr wird auch die Kritikaktivität perfide als eine »Hassrede« (Ode, 19) aufgefasst und ihr die Schlagkraft entzogen, indem die Beschwerden zynisch als eine künstlerische Performance mit Chancen auf den Nationalpreis entschärft wird. Das Kunstwerk – so der Chor der Stimmen – wird verboten. Was als »Witz« (Ode, 21) und als Ausloten einer gesellschaftlichen Sollbruchstelle gedacht war, ist im Fall Fratzer der Anfang des sozialen Endes. Sie wird entlassen, weil ihr Verfassungsfeindlichkeit vorgeworfen wird, und begeht wenig später Selbstmord.
Was Thomas Melle als ein Aufeinandertreffen von Meinungen und Ideologien literarisch beschreibt, hat sich momentan in unterschiedlichen Lebensbereiche unserer Gegenwart verselbstständigt. Anfangs war diese Empörungsaktivität eine Form der Kritik, die affirmativ auf große Konzerne, Institutionen, Parteien und einzelne Personen gerichtet wurde.[30] Die invektiven Posts und Tweets auf den Social-Media-Seiten von McDonald’s, ING-DiBa, Deutsche Bahn, H&M, WWF, Henkel, ProSieben, Nestlé, Otto-Versand, Vodafone aber auch Flughäfen, Krankenkassen, Fastnachtsvereinen, Autoren und Autorinnen, Ministern und Ministerinnen, Kabarettisten und Kabarettistinnen sind eine destruktive Art der Beschwerde.
Die Sprache des Hasses, die man so oft in diesem Kontext antrifft, hat die Aufgabe, die Gegner aus den virtuellen Versammlungsräumen zu verdrängen, da der eine vom anderen behauptet, ein Störfaktor zu sein. In diesen Situationen wird die offene Geschlossenheit von sozialen Medien erkennbar, die an ein Limit gebracht wird: Soziale Medien animieren und bestärken darin, Mitteilungen zu senden, weil das Sammeln und Auswerten von Daten ihr Geschäftsmodell bildet. Außerdem versprechen soziale Medien, sowohl bei linken als auch bei rechten Populismen, eine politische Unmittelbarkeit der Urteile. Den Plattformen geht es darum, institutionelle Urteilsverfahren zu umgehen und das politische Kräftefeld neu entwerfen. Neben den demokratisch gewählten und eingesetzten Institutionen – wie Parlamente oder Gerichte – entwickelte sich in den letzten Jahren eine Entscheidungsmacht, die sich zwar kollektiv verhält, aber abseits der eingespielten bürokratischen Verfahren wirkmächtig ist. Die Handlungsoptionen, die sich aus den technisch-sozialen Infrastrukturen ergeben, sind ein Vorgaukeln einer Macht, die jedem Einzelnen zusteht, ein Phantasma des direkten Zugangs zu Entscheidungsinstanzen bzw. selbst eine Entscheidungsinstanz zu sein, der zugehört, nach deren Urteil gefragt oder gehandelt wird. Was auf Foren sozialer Medien entworfen wird, ist eine Handlungsmacht nicht gewählter Vertreter und Vertreterinnen, genauer gesagt schwarmhafte Communitys, Groups, Followers etc., die aufgrund ihrer Reaktionen Aufmerksamkeit erlangen und aufgrund von Algorithmen zusammenfinden. Die Kommunikation zeichnet sich also dadurch aus, dass eine Meinung als Beweislast angesehen wird, Entscheidungen ohne Rechtfertigung getroffen werden und komplexe Verfahren als verzichtbare Legitimationsprozesse begriffen werden. Es handelt sich um eine Immediatisierung, und zwar in dem Sinne, dass man sich selbst eine eigene Gerichtsbarkeit verleiht. Dabei werden die destruktiven politischen Effekte in Kauf genommen, weil sie das Mittel dafür sind, mit den Daten der Userinnen und Usern Profit zu generieren.
Der Shitstorm ist – folgt man dieser kulturkritischen Beschwerde – ein prominentes Element in einer Zeit grassierender negativer Gefühle.[31] Was bei dieser Beschwerdeaktivität auffällt, ist, dass Verfahren und Medien eingesetzt werden, um aus einem Vorfall einen spektakulären Fall herzustellen. Erst dann können das Staunen, das Gaffen und das Verfolgen des Hasses als Spektakel beginnen, eine Schaukultur also, die das Versenden und Empfangen von Hasskommentaren zum Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit gemacht hat. Dies ist umso bemerkenswerter, weil sich die Publika als intimisierte Öffentlichkeiten beschreiben lassen, die auf der seltsamen Annahme basieren, sowohl unter sich zu sein als auch vor einem größeren Publikum zu sprechen.[32]Soziale Medien haben es in den letzten Jahren geschafft, Texte, Bilder oder Clips zu produzieren und zirkulieren zu lassen, die überdurchschnittlich affizieren, die eine Schaulust bei Voyeuren des kurzen und wiederholbaren Spektakels entstehen lassen. Man kann von einer Nutzbarmachung des Spektakels sprechen, bei der es nicht um eine solide Berichterstattung geht, sondern um das Produzieren von kaskadenhaften Kommentaren, die zur Generierung von verkaufbaren Daten genutzt werden.[33] Es handelt sich um das versteckte Herstellen von Big Data, um die Vorhersage und Berechnung zukünftiger Ereignisse auf der Grundlage dieser Daten und um die Produktion eines neuen Marktes, den man in den letzten Jahren als Überwachungskapitalismus,[34]Plattformkapitalismus[35] oder digitalen Kapitalismus[36] bezeichnet hat.
Dabei spielt sich die Kommunikation im Bereich des Meinungshaften ab, ein Bereich der Kommunikation, in dem das Übertragen und Zirkulieren einer Nachricht wichtiger ist als deren Überprüfbarkeit. Ein Kennzeichen dieser Kommunikation besteht darin, dass es einen Ausschluss der Haftbarkeit gibt, einen Aufschub der Verantwortung getätigter Falschinformationen und Hassbotschaften. Dies lässt die Grenze zwischen Tatsachen und Lügen erodieren; lässt Wahrheiten zu Halbwahrheiten werden; und eine neue Qualität von Verdachtsmomenten entstehen.
Der Unterschied analoger Aufschreibesysteme gegenüber diesen digitalen Reaktionsmaschinen besteht darin, dass sie aufgrund ihrer medialen Bedingungen Informationen schneller als zuvor verbreiten; dass die Reichweite und damit das Publikum vergrößert wird; und der Weg aus den zumeist unsichtbaren und randständigen Subkulturen in den Bereich einer öffentlich-publizistischen Debattenlandschaft verkürzt wird. Herausgebildet hat sich in dieser Konstellation etwas, das in den letzten Jahren unter dem Begriff ›Teilöffentlichkeit‹ viel Aufmerksamkeit erhalten hat und unter anderem auf das Zirkulieren von Falschmeldungen und Fake News zurückgeführt wurde.[37] Die Besorgnis besteht darin, dass es zu einer Spaltung der Gesellschaft kommt, da Fake News, Halbwahrheiten und Hassbotschaften die Elemente einer Unterminierung öffentlicher Debatten darstellen.[38]
Die gegenwärtige Konstellation zwischen den Teilnehmenden und den Betreibern von sozialen Medien hat den Titel einer parasitären Beziehung verdient. Die Falschspieler und Betrüger leben auf den Kosten ihrer Wirte, die sie pflegen und beschützen. Diese Einbettung sozialer Medien in die Lebenswelt hat Thomas Melle mehrere Male zum Thema seiner Romane, Erzählungen und Theaterstücke gemacht. So betrifft die populärästhetische Gegenwart der Hassrede nicht lediglich die bereits angeführten Ausschnitte aus Ode oder die publizistische Kritik von Melle im Fall Handke. Der Konnex zwischen Affekt und Computer, der zum Prinzip des literarischen Erzählens gemacht wird, lässt sich auch in der Erzählung Interferenz (2007) wiederfinden, die über das Rauschen in digitalen Kommunikationskanälen und die Affektaufladung und -entladung in Foren handelt. Und auch in Dinosaurier in Ägypten (2007) ist der Entstehungsort bösartiger und wuchernder Kommentare der weltweite Verbund von Computern und Computernetzwerken, an dem etwas freigesetzt wird, das als ein »Krebs der Wahrheit« bzw. »Krebs des Verstehens«[39] bezeichnet wird. Der Protagonist der Erzählung namens T.M. nimmt die Sprache in dem sozialen Medium Blog als eine ›doppelt gezinkte Sprache‹ wahr, als Medium des Falschspielens par excellence, das den Informationsfluss der Kommentare bestimmt. Die Erzählung Wuchernde Netze handelt davon, inwiefern das Internet die Handlungsroutinen der Menschen verändert, wenn der Sohn eines Schriftstellers eine »literarische Plattform«[40] hackt und dort abwertende Kommentare postet. Diese Affektaufladungen und Affektentladungen der kurzen Kommentare des Blogs, die Melle in seiner Autofiktion Die Welt im Rücken (2016) in einem Zusammenhang mit dem Aufbau von paranoischen Denksystemen und der eigenen Erkrankung bringt, wird ebenso in der Theaterperformanz Unheimliches Tal/Uncanny Valley (Uraufführung am 4.10.2018, Münchner Kammerspiele) von Thomas Melle und Rimini Protokoll (Stefan Kaegi) zum Gegenstand von Überlegungen über das Erzählen. Und auch in dem Theaterstück Bilder von uns (Uraufführung am 21.1.2016, Theater Bonn) sind es die titelgebenden Medien in sozialmedialen Kontexten und Foren, die bereits zur Beschwerdewelt der Protagonisten gehören, weil sie die Menschen zu Handlungen verleiten.[41] Nachdem sich gegen Ende des Theaterstücks ein Mediensturm ereignet hat, übersetzt der Rechtsanwalt Johannes die englische Redewendung »when the shit hits the fan« in die deutsche Sprache: »Die Scheiße ist in den Ventilator geflogen.«[42] Damit meint er die mediale Berichterstattung und Empörung in sozialen Netzwerken, nachdem über ihn und seine ehemaligen Mitschüler als Opfer und auch indirekt als Mittäter berichtet wird. Und auch in dem auf das Theaterstück aufbauenden Roman Das leichte Leben (2022) ist das Internet die Matrix für das Handeln und Denken des 15-jährigen Protagonisten Keanu, für den das Leben ein bloßes »virtuelles Game«[43] darstellt und sich zwischen Chats, Foren und Youtube-Clips abspielt. Über diesen Schüler heißt es, dass es zu Mobbing im Internet kam, zu einer »virtuellen und realen Treibjagd durch seine Mitschülerinnen und Mitschüler […] wie das so war, wenn die asozialen Hetzwerke heiß liefen und auf die Straßen und Schulhöfe herüberschwappten.«[44]
Zehn Jahre nach dem Tod von Fratzer,deren Kunstwerk verboten wurde, verfasst ein Dichter namens Orlando im zweiten Teil des Theaterstücks Ode ein Theaterstück mit dem Titel Ode an die alten Mörder, in dem die Zerwürfnisse der Familie Fratzer in den 1920er-Jahren nachgestellt werden. Während der öffentlichen Proben entwickelt sich ein Disput darüber, inwiefern man auf der Bühne jemanden spielen darf, der oder die man nicht ist: Das Schicksal der »Diskriminierten jenseits des Diskurses« (Ode, 33) zu erzählen, so Orlando, und den Opfern eine Sprache zu geben, seien die politischen Ziele des Theaters. In diesem Konflikt spielt dieWehr,einerechtskonservativeVereinigung,dieauf»Originalkonflikte« und »Originalkostüme« (Ode, 30) im Theater pocht und als inquisitorisches Wiesel in jeder künstlerischen Arbeit einen marxistischen Gehalt wahrnimmt, eine brisante Rolle. Denn Orlandos Lehrstück Ode an die alten Mörder wird von der Wehr vehement kritisiert, und zwar mit der vorgeschobenen Begründung, die betroffenen Frauen und die Kunst zu schützen.Melle geht es in diesem Abschnitt um Spiel- und Denkverbote, wobei die Trennlinien zwischen der Wehr und ihren Widersachern unscharfsind.DieWehrwirdaufderBühnemiteinerGruppekonfrontiert, die aus einem links-intellektuellen Milieu stammt. Geht es ersterer um die Wahrung einer nationalen Identität, die Pflege des Brauchtums und die Bewahrung alter Formen,kritisieren die zweiten mimetische Praktiken der Repräsentanz auf der Bühne, die in den Kontext der ›kulturellen Aneignung‹ gestellt werden.
Eine Schlüsselszene für die Macht der Beschwerde ist jene Abfolge von Gesprächen, in der Orlando während der Proben als »migrantische Putzfrau« (Ode, 33) den Boden aufwischt, woraufhin bemängelt wird, er habe nicht das Recht,eine Reinigungskraft zu spielen.Nicht umsonst ist diese Passage aus dem Stück mit »L’ORDRE DES CHOSES« und »L’ORDRE DU DISCOURS« (Ode, 32) überschrieben. Letztere adressiert jenes diskursanalytische Werk, in dem es Michel Foucault beim Antritt seiner Professur am Collège de France darum gegangen ist, machtanalytisch jene Verfahren kenntlich zu machen,die die Kräfte und Gefahren des Diskurses bändigen, selektieren und selbst vom Diskurs unterworfen werden: Prozeduren der Ausschließung, die für die Beschwerde von besonderer Bedeutung sind.
Die Meldung der Hassrede, die der Chor als »HASSREDE GEMELDET« schreit, hat nun eine andere Funktion als im vorherigen Abschnitt zu Fratzer. Der Verdacht der Hassrede wird nun eingesetzt, um dem Künstler das Wort zu entziehen. In einer längeren Rede verwendet Orlando den Begriff »Opferneid« (Ode a, 34) und meint damit die Empfindung seiner bessergestellten Antagonisten, nicht die Opferrolle einnehmen zu können wie Orlando. Damit wird eine zum Zeitpunkt der Premiere aktuelle Diskussion adressiert, die sich darum drehte, inwiefern der Status des Opfers Anschuldigungen und Zensuren in der Form des Shitstorms ermöglicht. Orlando befindet sich im Einflussbereich der Nervosität und Hass produzierenden sozialen Medien, die polemisch von Caroline Fourest in Generation beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei (frz. Génération offensée. De la police de la culture à la police de la pensée) (2020) beschrieben wird. Fourest kritisiert eine von ihr wahrgenommene linke Identitätspolitik, die lediglich auf die ethnische Zugehörigkeit von Menschen verweise, um Redeanteile in der Gesellschaft zu verteilen. Ebenso betrifft die Kritik von Fourest jene Institutionen, die vor der Angst des Hasses und der Wut in sozialen Medien wortlos verharren und sich nicht in den öffentlichen Diskurs einbringen. Dabei werde der Status des Opfers ausgenutzt, um medial wahrgenommen zu werden und eine Zensur zu ermöglichen. Es habe mit einer »existentielle[n] Bedeutung des Sich-Beklagens«[45] der jüngeren Generation zu tun, dass es derart viele Empörungen über den eigenen Opferstatus gebe. Diese Themenkomplexe, die bei Fourest ebenso den Bereich der sozialen Netzwerke berühren, mögen sehr an Melles Theaterstück erinnern. Jedoch gelingt es Melle, diese Kommunikationssituation theatralisch komplexer darzustellen, ohne dabei die politischen Diskussionen aus dem Auge zu verlieren. So hat die Zensur im Fall Orlando nicht mehr die Form der Beleidigung und Beschimpfung, wie dies von Fourest den konservativen Rechten oder identitären Linken zugeschrieben wird. Orlando wird vorgeworfen, dass sich seine Rede als eine »Hassrede« (Ode, 34) für den öffentlichen Diskurs disqualifiziere. Dies wird aufgerufen, als er seine Widersacher auffordert, ihre »Eigentumswohnungen« als Heime für die »Ausgestoßenen, Ausgespuckten, Räudigen« (Ode, 34) zur Verfügung zu stellen. Und auch die darauffolgende Rede, in der Orlando seine Widersacher bezichtigt, ihn nicht als ›links‹ anzusehen, weil er von ›unten‹ kommt, wird als »Hassrede« (Ode, 35) reglementiert und er als »neidisches Monster von rechts« (Ode, 35) etikettiert. Schlussendlich führt die Wehr Beschwerde gegen das Stück, erwirkt eine »einstweilige Verfügung« (Ode, 42), alle werden geprügelt, Orlando – so das Ende des zweiten Abschnitts – »zuerst und besonders brutal.« (Ode, 43)
Es sind keine Figuren, die in Ode sprechen, sondern Sprecherinnen und Sprecher der Gegenwart, die als Beispiele agieren und denen eine Wesenlosigkeit eigen ist. Es sind virtuelle Stimmen, die akustische Gestalten bilden und aus unzähligen Berichten und Aussagen, die Melle für das Stück sammelte und umfunktionierte, zitiert und modifiziert werden. Melle entwickelt unentwegt Situationen der Kakophonie, d.h. laute und rauschhafte Orte, auf denen die Sprache stets gestört ist. Die Stimmen versuchen zwar, die systemimmanente Störung zu vertreiben, das Dritte auszuschließen, scheitern jedoch daran, ihre Botschaften vom Hintergrundrauschen hervorzuheben und den Streit, Wahnsinn und Lärm aus den Kommunikationskanälen zu verbannen. Mit jedem Ausruf und mit jeder Stimme versinken die Beteiligten mehr und mehr im Zustand des Tumults.
Das Theater macht es möglich, den Stimmen der Entrüstung und des Hasses – in der Tradition des Konzepts der virtuellen Stimmen in Die letzten Tage der Menschheit (1920) von Karl Kraus – einen Auftrittsort zu geben. Ähnlich wie bei Kraus basieren Melles Foren des Hasses auf der Kulturtechnik des Zitierens. Die Stimmen sind zugerichtete Zitate, die selbst ihre zynische und hasserfüllte Einstellung preisgeben. Melle vollzieht eine Mimesis der Beschwerderede und zeichnet eine öffentliche Kritik-Instanz nach,die in einer Konkurrenz zu institutionalisierten Formen der Beschwerde – etwa dem Gericht – steht. Die Empörungswellen der vielen Stimmen und Kommentare werden von der Wehr und ihren Kontrahenten genutzt, um den jeweiligen politischen Gegner öffentlich zur Rechenschaft zu ziehen und ein angenommenes Unrecht des Gegenübers auszustellen. Orlando sagt einmal über die Wehr: »Jedes Streitgespräch arbeitet ihr zu/selbst wo sie nicht ist, ist sie da, besetzt schon ein Drittel des Senats« (Ode, 39). Die Wehr ist eine Zensurinstanz, die eine Kontrolle und Überprüfung von Kunstwerken, besonders auf politische und sittliche Konformität,ausübt.Sie hat sich in dem Theaterstück die Verbotsdiskurse und Mechanismen der Cancel Culture für ihre eigenen politischen Ziele zunutze gemacht. Dies geschieht, indem alle Beteiligten eine dem Gericht konkurrierende Urteilsinstanz formen, genauer gesagt handelt es sich um Tribunale, die Beschwerden vorbringen und im selben Atemzug Urteile fällen.
Ode diskursiviert gegenwärtig energisch diskutierte Beschwerdethemen. Aus den Archiven der Empörungs- und Agitationswellen werden die virtuellen Stimmen auf die Bühne gebracht. Diese sind selbst Teil einer medien- und kulturgeschichtlichen Phase des Tribunals, in deren Zuge sich unter den Bedingungen des Virtuellen eine dem Gericht konkurrierende öffentliche Kritik-Instanz im Bereich von Social Media ausbildet. Bei virtuellen Beschwerde-Foren als künstlich hergestellten Welten geht es darum, ähnlich wie auf dem antiken Forum oder Schauplätzen der Herabsetzung,[46] ein empfundenes Unrecht öffentlich auszustellen. Deswegen lassen sich die sozialmedialen Empörungswellen als tribunalartige Situationen erfassen, in denen jemand öffentlich zur Rechenschaft gezogen und das Unrecht des Gegenübers besonders spektakulär ausgestellt wird – wie dies in Ode anhand der Fälle Fratzer und Orlando exemplifiziert wird. Dabei können zwar Kulturtechniken des Urteilens und des Richtens beobachtet werden – es handelt sich bei dieser Form der Beschwerde aber immer um außerinstitutionelle Beschämungspraktiken, die einer tribunalen Logik der verfahrenslosen Auseinandersetzung der antagonistischen Parteien folgen. Blogs und Diskussionsforen aber auch Twitter, Facebook, TikTok, Instagram etc. stellen das Monopol der klassischen, staatszentrierten Akteure (Polizei, wissenschaftliche Experten, Massenmedien) in Hinsicht ihrer investigativen Autorität und Urteilskraft in Frage, ebenso wie sie alternative Formen zur Gerichtsrede und des (Pseudo-)Urteils erproben.
Folgen die virtuellen Stimmen der ersten beiden Abschnitte von Ode Tribunalisierungsdynamiken, so wird im dritten und letzten Abschnitt – dies verkompliziert die Analyse der Foren der Beschwerde – das Tribunal auf die Bühne geholt.Nicht die Szene wird zum Tribunal,wie man in Anlehnung an Schillers Die Kraniche des Ibykus (1797) sagen könnte, sondern das Tribunal wird zur Szene. Bei dem Theater im Theater handelt es sich um eine für Melle typische Anordnung, die an Formen der Mise en abyme angelehnt ist und ein Spiel im Spiel darstellt. Als Theateraufführung in der Theateraufführung wird der letzte Akt gezeigt, wobei mit Hilfe der Form des Metadramas eine Reflexionsebene eingeführt wird, bei der das Theaterstück Ode auf sich selbst als theatrale Form verweist, um das Tribunal zum Gegenstand des Theaters und das Theater zum Gegenstand des Theaters zu machen. Auf der Bühne der Bühne wird das Theaterstück Odenfest aufgeführt, wobei die Wehr bewaffnet und uniformiert anwesend ist und ein Tribunal bildet. Auch Odenfest handelt von der Kunstfreiheit und dem Fall Fratzer,wobei die Figur Präzisa in seinen Monologen die Kunst als den Zwang fasst, den die Freiheit auferlegt – und damit das Zensurbegehren der Wehr auf sich zieht. Präzisa spricht in seiner bzw. ihrer Rolle über jene Dynamiken, die im Fall Fratzer eine dem Gericht konkurrierende öffentliche Kritik-Instanz ausbildeten: Pseudo-Urteile in sozialen Medien, virtuelle Hetzschwärme und kurze Kommentare,die für Fratzer gravierende Konsequenzen hatten.Präzisa kritisiert mit Rekurs auf Fratzers Experiment die Tribunalisierung der Kommunikation, woraufhin das Tribunal der Stimmen eine Kunstfreiheit fordert, die die Reflexion über die Kunstfreiheit unterbindet:
PRÄZISA Hassrede, Hassrede gemeldet. Was ist passiert? Haben wir uns wirklich selbst zerfleischt um Kopf und Herz und Kragen? Ja, sind wir denn wahnsinnig? Ich weiß, mein Stolz verbot mir, mich früher bei dir zu melden. Mein Stolz, dieses affige Biest, starrte deinen Stolz an, diese Federboa da um deinen schönen, faltigen Hals, und zwei Menschen steckten fest im Gemäuer ihrer selbst. So zogen die Freundschaften ins Land. […] Ich erkenne, was geworden ist, und heiße es nicht gut. Dort sitzen meine Feinde, dort an der Macht, regeln die Kunst in den Biedermeier runter und hetzen die Menschen draußen umso hasserfüllter auf. Furcht und Schrecken sind von der Bühne direkt auf die Straße verschickt worden und treiben nun dort ihr wirkliches Unwesen. Hier oben herrscht jetzt Totenruhe, und unten, bei euch, wildert die Vernichtung. Ja, da glotzen die Ideologen. Steht auf! Glotzt! Zungi, Zungi, Löschpapier, ach, wie dürstet die Kopfgruft nach echteren Versen, löckt wider den Stachel die Redekunst, die Rhythmen neu zu bedenken, den Klang der Wörter, das Dasein darin. (Ode, 45)
Vor dem Tribunal führt Präzisa das verbotene Stück auf, in dem es um die Popularisierung der Unschärfe der Wörter und den Verzicht der Stimmen für eine Freiheit der Handlungen, der Kunst und der Welt – »Für jegliche Vielfalt von Leben und Sinn« (Ode, 46) – geht. Präzisa wird von der Wehr als ein Zerstörer ihrer Ideologie beobachtet, als eine anarchische Stimme, die gegen »Moral, Staat, Politik, Nation« (Ode, 46) hetzt.
Aus dieser Perspektive lohnt sich ein Blick in die Rechtsgeschichte und -theorie, die darauf aufmerksam macht, dass das Tribunal ein Ort ist, in dem mit nicht vereinbarten Verfahrensregeln und keiner Aufteilung von Funktionen und Befugnissen der Beteiligten ein Urteil gefällt wird. Das Tribunal wird vor allem als inszenierte Zusammenkunft verstanden, das Machthabern und Gruppen ein willkürliches Regieren, den Ausbau einer terroristischen Regierungsform und die Auflösung demokratischer Prinzipien ermöglicht.[47] Das Tribunal,so wurde es in der Kulturtechnikforschung luzid festgehalten, ist all das, was ein juristisches Verfahren versucht einzudämmen.[48] Seine Form ist nicht das juristische Verfahren –mit einer institutionalisierten Rollentrennung,einer Eigenständigkeit des Ablaufs, einer Bereitschaft, Konflikte geschehen zu lassen und Beschwerden zu spezifizieren, aber eben auch zu absorbieren –, sondern ein parasitäres Kommunizieren.[49]
Das besondere Element des Theaterstücks Ode ist, dass die Schauspieler des Chors, Fratzer, Präzisa und Orlando in Konfliktsituationen immer wieder ihre Positionen tauschen. »Die WEHR kann«, so die Regieanweisung »stets von verschiedenen Spielerinnen und Spielern oder Gruppen übernommen werden.« (Ode, 2) Besonders eindrücklich wird die Schlagkraft des Tribunals im letzten Teil in Szene gesetzt, wenn der Chor das »URTEIL« (Ode, 47) einleitet. Es handelt sich unverkennbar um eine Situation des Kampfes, in dem mehrere Systeme – jenes von Präzisa und jenes der Wehr – aufeinandertreffen. Die Stimmen der Wehr bilden eine dem Gericht konkurrierende öffentliche Kritik-Instanz aus, indem es ein Pseudo-Urteil ausspricht, das für den Betroffenen härter als das Urteil eines Gerichts ist. Präzisa wird vor dem Tribunal, so stellt es das Stück in Aussicht, erschossen.
Dabei wird ein letztes Mal ein Moment aufgerufen, das für analoge und virtuelle Tribunale, für den papiernen Exzess der Beschwerde genauso wie für sozialmediale Empörungswellen,relevant ist: Es geht stets darum, einen Schauplatz der handelnden Zeugenschaft zu entwerfen, für den die Zuschauer von Odenfest oder das Publikum der Hetzschwärme konstitutiv sind – ihre Wahrnehmung entscheidet. Beobachtet niemand die Geschehnisse eines Tribunals, wird es keines Blickes gewürdigt, so hat es auch keine Bedeutung. Michel Serres hat derartige Situationen des Streits sehr treffend im Kontext von Vertragskonzepten und dinghaften Akteuren als »Schauspiel« beschrieben, bei dem die Beziehung der Kämpfenden das Publikum erregt und begeistert.[50] Es geht hier um die Aggressoren – und um das Begehren nach der Beobachtung der Aggressoren; ein Voyeurismus, bei dem das Betrachten des Kampfes die Zuschauerinnen und Zuschauer des Theaterstücks Ode und die Zuschauerinnen und Zuschauer sozialmedialer Beschwerdewelten erregt und an sich zieht.
Thomas Melle, dessen autofiktives und dramaturgisches Schreiben der Medien- und Literaturtheorie affin ist, fasst in Ode die exzessive Beschwerde als eine kommunikative Situation, bei der Tribunalisierungsdynamiken eine dem Gericht konkurrierende öffentliche Kritik-Instanz ausbilden. Das Theater sowie – als Beobachtung zweiter Ordnung – das Theater des Theaters sind die Orte der Produktion, Reflexion und Kritik von populärästhetischen Konzepten der Tribunalisierung von Kommunikation.Der Konflikt über das Verhältnis zwischen Kunst,Staat und PolitikmachtaufdieModifikationenpolitischerÖffentlichkeitaufmerksam und ist der Anfangsgrund einer Ästhetik der Urteils-Foren und deren virtuellen Stimmen.
Autsch, Sabiene und Öhlschläger, Claudia: Das Kleine denken, schreiben, zeigen. Interdisziplinäre Perspektiven, in: Dies. (Hg.): Kulturen des Kleinen. Mikroformate in Literatur, Medien und Kunst, Paderborn 2014, S. 9–20.
Boltanski, Luc: Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft, Berlin 2013.
Butter, Michael: »Nichts ist, wie es scheint«. Über Verschwörungstheorien, Berlin 2018.
Butler, Judith: Haß spricht. Zur Politik des Performativen, Frankfurt a.M. 2006.
Dössel, Christine: Seit wann ist Kunst ein Debattenbeitrag. »Hassrede gemeldet«: Thomas Melles »Ode« am Deutschen Theater Berlin ist eine Kulturbetriebsbeschimpfung und -befragung, in: Süddeutsche Zeitung, 24./25./26.12. 2019, S. 13.
Forsyth, Hope: Forum, in: Benjamin Peters (Hg.): Digital Keywords. A vocabulary of information society and culture, Princeton u.a. 2016, S. 132–139.
Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt a.M. 1994.
Fourest, Caroline: Generation beleidigt. Eine Kritik, Berlin 2020.
Franzen, Johannes: Die Fiktion der gesichtslosen Meute, in: ÜberMedien, 10.11.2020, abrufbar unter: https://uebermedien.de/54754/die -fiktion-der-gesichtslosen-meute/(abgerufen am 7.6.2023).
Frevert, Ute: Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht, Frankfurt a.M. 2017.
Gamper, Michael und Mayer, Ruth: Erzählen, Wissen und kleine Formen, in: Dies. (Hg.): Kurz & Knapp. Zur Mediengeschichte kleiner Formen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bielefeld 2017, S. 7–22.
Gephart, Werner, Brokoff, Jürgen, Schütte, Andrea und Suntrup, Jan C.: Tribunale.Literarische Darstellung und juridische Aufarbeitung von Kriegsverbrechen im globalen Kontext, Frankfurt a.M. 2014.
Gess, Nicola: Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit, Berlin 2021, S. 31–48.
Handke, Peter: Publikumsbeschimpfung, in: Ders. Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke, Frankfurt a.M. 1966, S. 5–48.
Kolnai,Aurel:Ekel,Hochmut,Haß.ZurPhänomenologiefeindlicherGefühle, Frankfurt a.M. 2007.
Kramp, Leif und Weichert, Stephan: Haß im Netz. Strategien im Umgang mit Nutzerkommentaren, in: Tanja Köhler (Hg.): Fake News, Framing, Fact-Checking. Nachrichten im digitalen Zeitalter, Bielefeld 2020, S. 537–554.
Kraus,Karl: Die letzten Tage der Menschheit.Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog, Frankfurt a.M. 1986.
Lehmann, Johannes F.: Zorn, Hass, Wut. Zum affektpolitischen Problem der Identität, in: Jürgen Brokoff und Robert Walter-Jochum (Hg.): Hass/Literatur. Literatur- und kulturwissenschaftliche Beiträge zu einer Theorie- und Diskursgeschichte, Bielefeld 2019, S. 139–166.
Luhmann, Niklas: Legitimation durch Verfahren, Neuwied am Rhein u.a. 1969.
Maschewski, Felix und Nosthoff, Anna-Verena: Netzwerkaffekte. Über Facebook als kybernetische Regierungsmaschine und das Verschwinden des Subjekts, in: Rainer Mühlhoff, Anja Breljak und Jan Slaby (Hg.): Affekt Macht Netz. Auf dem Weg zu einer Sozialtheorie der Digitalen Gesellschaft, Bielefeld 2019, S. 55–80.
Melle, Thomas: Dinosaurier in Ägypten, in: Ders. Raumforderung, Frankfurt a.M. 2007, S. 92–133
Melle, Thomas: Wuchernde Netze, in: Ders. Raumforderung, Frankfurt a.M. 2007, S. 144–166.
Melle, Thomas: Die Welt im Rücken, Berlin 2016.
Melle, Thomas: Ode, Hamburg 2019.
Melle, Thomas: Clowns auf Hetzjagd, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.2019, S. 37.
Melle, Thomas: Bilder von uns, Stuttgart 2021.
Melle, Thomas: Das leichte Leben, Köln 2022.
Reckwitz, Andreas: Die Gesellschaft der Singularitäten, Berlin 2017.
Ronson, Jon: So You’ve Been Publicly Shamed, London 2015.
Schiller, Friedrich: Die Kraniche des Ibycus, in: Georg Kurscheidt (Hg.): Werke und Briefe in zwölf Bänden [Frankfurter Ausgabe], Bd. 1.: Gedichte, Frankfurt a.M. 1992, S. 91–96.
Serres, Michel: Der Naturvertrag, Frankfurt a.M. 1994.
Srnicek, Nick: Platform Capitalism, Cambridge 2016.
Staab, Philipp: Digitaler Kapitalismus: Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit, Berlin 2019.
Thimm, Caja: Hate Speech und Shitstorms als digitale (Un-)Kultur. Politische und persönliche Reaktionsformen auf Hass im Netz,in: Merz.
Zeitschrift für Medienpädagogik 61/3 (2017), S. 52–58.
Vismann, Cornelia: Medien der Rechtsprechung, Frankfurt a.M. 2011.
Vogl, Joseph: Kapital und Ressentiment. Eine kurze Theorie der Gegenwart, München 2021.
Jäger, Maren, Mazza, Ethel Matala de und Vogl, Joseph: Einleitung, in: Dies. (Hg.): Verkleinerung. Epistemologie und Literaturgeschichte kleiner Formen, Berlin u.a. 2021, S. 1–12.
Zuboff, Shoshana: The Age of Surveillance Capitalism. The Fight for a Human Future at the New Frontier of Power, New York 2019.
Vogl, Joseph: Kapital und Ressentiment. Eine kurze Theorie und Geschichte der Gegenwart, München 2021.
Wagner, Elke: Intimisierte Öffentlichkeiten. Pöbeleien, Shitstorms und Emotionen auf Facebook, Bielefeld 2019.
Manifeste zwischen Text und Tat
Davide Giuriato
Im Frühjahr 1995 erreicht mehrere amerikanische Publikationsorgane, darunter die New York Times und die Washington Post, ein maschinengetippter Brief, der im Namen einer Terroristengruppe auf eine lange Reihe von Bombenanschlägen Bezug nimmt, um einen bemerkenswerten Deal anzubieten. Seit 1979 sind die USA von insgesamt sechzehn ähnlich gebauten Bomben erschüttert worden, durch die drei Menschen das Leben verloren haben und dreiundzwanzig verletzt oder verstümmelt worden sind. Das FBI sucht in der größten Fahndungsaktion seiner Geschichte verzweifelt nach einem namen- und gesichtslosen Serienmörder, der als Unabomber bekannt geworden ist – so genannt nach dem Ziel der ersten Attentate: Universitäten und Airlines. Diese Adressaten, zu denen sich später auch noch andere wie etwa Angestellte von Computergeschäften und Ölkonzernen gesellen, sind auf postalischem Weg durch immer letalere Paketbomben attackiert worden.Die Form der Zustellung ist dabei keineswegs zufällig, hat der Absender doch seine explosiven Nachrichten jeweils mit dem Kürzel »FC« für Freedom Club signiert, als würde es sich um eine besondere Art von Briefen handeln und als würde es nicht vorrangig darum gehen, Menschen zu töten, sondern darum,eine Botschaft zu übermitteln.Ebenso wenig ist es daher ein Zufall, dass das Schreiben im April 1995 denselben Kanal benutzt und auf dem Postweg das Angebot unterbreitet, die Attentate zu beenden, wenn im Gegenzug ein Text publiziert wird, der als »langer Artikel, zwischen 29000 und 37000 Wörtern« auf seine Veröffentlichung warte.[51] Wie im Brief weiter ausgeführt, habe man über die Jahre an der Perfektionierung der Bomben ebenso intensiv gearbeitet wie an der Entwicklung der Ideen, um die es den Sprengstoffaktionen zu tun sei und die sich als anti-industriell, revolutionär und anarchisch ausweisen.[52] Die Zeit sei nun reif, dass diese Botschaft in einer verständlicheren Form verkündet werde, daher biete man das Geschäft an: An die Stelle der Bomben soll ein Text treten,der in der Folge als Unabomber Manifesto weltberühmt geworden ist.
Es tut hier nicht weiter zur Sache,auf die näheren Umstände des kriminologischen Falls einzugehen. Nicht nur ist die Geschichte des Harvard-Absolventen und Mathematikprofessors Theodore John Kaczynski, der unter dem Verdacht steht,an einer paranoiden Schizophrenie zu leiden, bestens bekannt – also jenes Mannes, der die Universität Berkeley Ende der 1960er Jahre trotz bester Karriereaussichten unvermittelt in Richtung Lincoln Montana verlässt, um dort in der Wildnis ein abgeschiedenes Leben in einer selbstgebauten Blockhütte nach dem Vorbild von Henry David Thoreaus legendärem Cabin am Walden Pond zu führen, ehe er zehn Jahre später als derjenige Bombenattentäter in Aktion tritt, der dann nach fast 20-jähriger Fahndung schließlich gefasst und nach einem indirekt erzwungenen Schuldeingeständnis zu lebenslanger Haft im Hochsicherheitsgefängnis verurteilt wird,ohne dass dieser Hergang hätte verhindern können, dass Kaczynski zu einer Ikone des Ökoterrorismus und eines anarchistischen Anti-Tech-Radikalismus aufgestiegen ist.[53] Auch ist es an dieser Stelle für die Exposition der Überlegungen zur Gattung des Manifests dringender, die Aufmerksamkeit auf den Text selbst zu richten. Nicht etwa, weil das 56-seitige Typoskript im kriminologischen Fall eine zentrale Rolle gespielt hat, da der anonyme Autor just anhand des Manifests identifiziert werden konnte, nachdem dieses am 19. September 1995 in der Washington Post erschienen ist und seine inhaltlichen sowie stilistischen Eigenarten den Urheber der Schrift und somit auch der Bomben verraten haben. Sondern mehr, weil essichdemGehaltnachumeinegroßangelegtephilosophischeAnklageschriftgegendasvonKaczynskisogenannte»industriell-technologische System« moderner Gesellschaften handelt und damit um ein anschauliches Beispiel einer exzessiven, durch kein legales Beschwerdeverfahren gesteuerten und moderierten Systemkritik: Exzessiv in dem einen Sinn, dass die Schrift zum radikalen Bruch mit dem technologischen System aufruftunddiesesbuchstäblichindieLuftsprengenwill,indemsienicht weniger als dessen totale Zerstörung einfordert – exzessiv aber auch in dem anderen Sinn,dass nicht nur das Ziel der Anklage,sondern auch deren sprachliche Gestalt systemförmig zu sein hat, zeigt sich Kaczynski doch bis heute als hyperkorrekter und manischer Redaktor seiner Texte, der sich immer wieder wie zwanghaft dafür entschuldigt, dass diese fehlerhaft überliefert sind oder nicht in der gebotenen Systematik geschrieben und veröffentlicht werden können.[54]
Im Blick auf diese systemkritische Radikalität gilt mein Interesse aus literaturwissenschaftlicher Sicht der engen Verknüpfung von Bombe und Brief, von Text und Tat, von Manifest und Mord. Aufgegriffen wird damit die wiederkehrende Nähe von Waffe und Schrift in der politischen Kommunikationslogik des 20. Jahrhunderts, wie sie die Studie von Manfred Schneider zum Attentat ausführlich untersucht hat.[55] Anders als in den vielen Fällen,die Schneider analysiert,scheint Kaczynskis Manifest indes nicht allein im Dienst einer Psychotechnik zu stehen, die aus dem Schreiben die mörderische Energie zur Untat bezieht.[56] Zwar spielt dieser Aspekt ohne jeden Zweifel auch in diesem Fall eine zentrale Rolle, wenn man sich die 40’000 Tagebuchseiten vor Augen führt, die Kaczynski in den Jahren vor und während der Anschläge verfasst hat und in denen das Aufkommen der Tötungsphantasien und der nachfolgenden »Bombenexperimente«, wie er sie nennt, akribisch protokolliert werden,[57] und wenn man sich außerdem vergegenwärtigt, dass dieser Attentäter wie viele andere ein regelrechter Bibliotheks-Fanatiker gewesen ist, dessen Schriften und Taten sich als explosive Mixtur von Zitaten aus der klassischen, anarchisch-politischen und wissenschaftlichen Literatur lesen.[58]
Aber das Unabomber Manifesto folgt, wie ich meine, noch einer anderen Logik. Es ist genau genommen keine Schrift, die eine auf sie folgende Tat vorbereitet und deren Ausführung im Sinne eines »skripturalen Trainings« mit der nötigen Energie unterstützt,[59] sondern sie ist mit den Anschlägen anders verkoppelt. Einer Überlegung Michel Foucaults zum Fall des Mörders Pierre Rivière folgend, ist davon auszugehen, dass auch beim Unabomber »die Tatsache des Tötens und die Tatsache des Schreibens […] als gleichartige Elemente […] ineinander verschlungen« sind.[60] Das Manifest von Kaczynski ist kein psychotechnisches Hilfsmittel, sondern es substituiert die Bombe wertentsprechend zu dem Zweck, in einem anderen Zeichensystem denselben geistigen Sprengstoff zu zünden. Foucault verwendet Formulierungen wie »Diskurs-Waffe«,»Wort-Geschoss« oder eben »Wortprojektile«,um eine solche gewaltsame Äquivalenz von Text und Tat in den Blick zu nehmen.[61]
Für die Gattung des Manifests ist diese Verknüpfung keineswegs singulär, sondern in der Struktur der Textsorte angelegt – dieser These sind die nachfolgenden Überlegungen gewidmet. Denn Manifeste sind traditionell explosive Texte. Sie sind in aller Regel als ideologischer Sprengsatz konzipiert, der die Klage über die herrschenden Verhältnisse mit einem dringenden Appell zu einem revolutionären Bruch mit der Gegenwart im Dienst einer neuen und besseren Zukunft verbindet – das gilt für die kanonischen Texte dieses Genres von den politischen Manifesten seit Karl Marx und Friedrich Engels bis zu den ästhetischen Programmschriften der Avantgarden im 20. Jahrhundert.[62] Aber da diese Texte mehr als nur Texte sind, bleibt es in vielen Fällen nicht bei einem metaphorischen Explosionspotenzial stehen, sondern kommt es zu einer tatsächlichen oder wenn man so will: tätlichen Überschreitung der verbalen zur physischen Gewalt. Diese Überschreitung trifft man nicht nur im Bereich des Politischen an, wie das Unabomber Manifesto exemplarisch für eine Vielzahl vergleichbarer Fälle zeigen kann.[63] Man trifft die Verknüpfung von sprachlicher Aktion und bewaffneter Attacke auch auf dem Feld der ästhetischen Avantgarden an, deren gewaltsame Verschränkung von Text und Tat den Fluchtpunkt dieses Beitrags bildet.
Die Argumentation wird dabei in zwei Schritten entfaltet. Zunächst ist in Auseinandersetzung mit der bestehenden Forschungsliteratur der Versuch einer neuerlichen gattungstheoretischen Bestimmung nötig, um zu zeigen, dass sich Manifeste als aktionistische Texte auszeichnen, die nicht angemessen erfasst sind, wenn man sie bloß wie konstative Aussagen beschreibt und deren Analyse auf Rhetorik, Stilistik und ideologischen Gehalt beschränkt. Mehr als eine Textgattung im konventionellen Sinn sind sie als diskursive Praxis zu verstehen, die in gesellschaftliche Prozesse direkt intervenieren will, dabei aber immer wieder mit ihren performativen Gelingensbedingungen zu kämpfen hat, wie die Studie von Martin Puchner luzide dargelegt hat.[64] Im Lichte dieses sprechakttheoretischen Ansatzes steht die Überlegung im Zentrum, dass das Moment der sprachlichen Gewalt und damit ein grundsätzlich nicht-kommunikatives Element den Kern dieses Genres ausmacht. Klassische Manifeste suchen nicht den friedlichen Austausch und das konstruktive Gespräch – sie wollen zwar gehört werden, aber wie jede Sprache der Beschwerde verstärken sie in ihrer Unversöhnlichkeit die Gegnerschaft.[65] Es inhäriert ihnen daher der Struktur nach die handgreifliche Transzendierung des Wortes zur Tat. Dieses Phänomen wird in einem zweiten Schritt anhand einiger Beispiele aus dem Umfeld der ästhetischen Avantgarden im 20. Jahrhundert diskutiert, in denen das aggressive Potenzial im Schnittbereich von Kunst und Politik seit den futuristischen Anfängen thematisiert und aktiviert wird. Im Mittelpunkt der Analyse steht im Kontext der Neo-Avantgarden abschließend der Fall von Valerie Solanas,die nicht nur als Autorin des SCUM Manifesto berühmt geworden ist, sondern auch als diejenige Figur, die im Juni 1968 drei Kugeln auf Andy Warhol abgeschossen hat.
Der Zug zum Handgreiflichen prägt das Manifest schon der etymologischen Bedeutung nach. Von lat. manus ›Hand‹ leiten sich das Verb manifestare ›offenbaren, offen bekunden, deutlich zeigen, erhellen‹ sowie das Adjektiv manifestus ›handgreiflich, offenkundig, klar, augenscheinlich‹ ab, ohne dass die Herkunft des zweiten Wortbestandteils indes völlig durchsichtig wäre.[66] Als Beiwort kennzeichnet »manifest« das, was aus dem Dunkeln ans Tageslicht befördert worden ist; was nun sichtbar vor Augen steht und evident erscheint; was der heimlichen Verschwiegenheit entrissen und klar ausgesprochen worden ist; was unverhohlen, demonstrativ und unmissverständlich zu erkennen ist; in buchstäblicher Anlehnung an die Etymologie das, was auf der Hand liegt und mit Händen zu greifen ist. Nimmt man die prozessuale Logik dieser Formulierungen ernst, so ist das Manifeste nicht als das blanke Gegenteil des Latenten, sondern eher als eine schattenreiche Übergangszone vom Unsichtbaren zum Sichtbaren zu verstehen. Mit Jacques Rancière lässt sich das Manifest in diesem Sinn als ein »Organ des Sichtbarmachens« begreifen,[67] das von einer Sprache der Offenlegung und des Zeigens mehr als von einer Sprache der Kommunikation charakterisiert ist und das im Versuch, die »Aufteilung des Sinnlichen« in der öffentlichen Wahrnehmung zu verschieben, die Frage nach dem Politischen im Kern betrifft.[68] Es verwundert daher nicht, dass es im Reich des Schrifttums als dezidiert politische Textsorte aufkommt.
Sachgeschichtlich gibt es Manifeste seit der Frühen Neuzeit. In aller Regel handelt es sich um schriftliche Deklarationen, durch die Herrscher oder deren Repräsentanten über Staatsangelegenheiten öffentlich informieren, eine politische Aktion rechtfertigen oder eine Handlungsabsicht bekanntgeben. Bei allen Schwierigkeiten, die in der Forschung beim Bemühen um eine bündige Definition der Gattung wiederholt in den Vordergrund gestellt worden sind, kann in dieser politischen Praxis aus der Zeit der klassischen Souveränität die Geburt eines polemischen Genres erblickt werden, wenn man ›polemisch‹ zunächst im etymologischen Wortsinn von ›kriegerisch‹ versteht.[69] Denn Manifeste sind oft im Zusammenhang von Kriegserklärungen publiziert worden, wie die Lexika des 18. Jahrhunderts mehrfach registrieren und hervorheben. Die Funktion dieser Texte, so führt etwa Zedler aus, besteht nicht nur darin, möglichst die gesamte Gemeinschaft im Namen der Autorität darüber zu informieren, dass der Souverän den Kriegszustand ausgerufen hat. Sie verfolgen auch die Absicht, die Rechtmäßigkeit dieser Entscheidung zuerklären,denFeindunddessenVerfehlungensichtbarzumachen,um solcherart den Zusammenhalt im eigenen Volk zu stärken und die Kräfte für den bevorstehenden Einsatz zu mobilisieren.[70] Solche deklarativen Akte in Schriftform sind noch im frühen 20. Jahrhundert anzutreffen, wie das namhafte Beispiel von Kaiser Franz Joseph anlässlich der folgenreichen Kriegserklärung »An meine Völker!« vom 28. Juli 1914 beweist.[71]Auch wenn es noch keine polemische Schärfe im heutigen Sinn besitzt, kann man sehen, dass das Manifest ursprünglich eine performative Äußerungsform ist, die dem Souverän vorbehalten ist und die ohne dessen institutionelle Autorität nicht die nötige Legitimation und Kraft besitzt, um in Form des Deklarativums die politische Basisunterscheidung zwischen Freund und Feind erfolgreich zu etablieren und tatsächlich durchzusetzen. Das Manifest ist so betrachtet von Anfang an nicht bloss ein »Mittel der politischen Kommunikation« wie andere auch,[72] sondern ein praktisches Element der politischen Souveränität,deren Macht sich darin manifestiert (undstabilisiert),zwischenKriegundFriedenentscheiden sowie zwischen Freund und Feind unterscheiden zu können.
An dieser Struktur ändert sich nach dem Niedergang der klassischen Herrschaftsformen grundsätzlich wenig – ausser der sprech-akttheoretisch nicht unerheblichen Tatsache, dass die Souveränität des Aussagesubjekts unter den machtpolitischen Verhältnissen der neueren Zeiten mit einem strukturellen Defizit zurechtkommen muss. Nach der Französischen Revolution ist das Manifest kein Privileg von Herrschern und Monarchen mehr, sondern ein Mittel im öffentlichen Meinungsstreit einer modern ausdifferenzierten Gesellschaft.[73] Seit dem 19. Jahrhundert sind es meist soziale Minoritäten, die sich mit eigenen Überzeugungen und Interessen entweder gegen den Machthaber oder gegen andere Gruppierungen stellen und im Kampf um politischen Einfluss mit öffentlichen Erklärungen, Programmschriften und Proklamationen Gehör zu verschaffen versuchen. All diese Schriften stehen im Zeichen einer unsicheren Autorität, die ihrerseits zum umkämpften Gegenstand von Protest und Anklage sowie diskursiver Selbstermächtigungsversuche wird.[74] Wer nun ein Manifest schreibt, übernimmt die souveräne Geste dieser Äusserungsform aus älteren Zeiten und damit auch die politische Unterscheidung zwischen Freund und Feind, die aber als Grenze nicht mehr zwischen Innen und Außen, sondern im Inneren der modernen Gesellschaft selbst verläuft und die im selben Maß, wie sie die Front zu einer Gegenpartei zementiert, der Festigung der eigenen, defizitären Position dient. Angemeldet wird mit dieser Geste ein »Anspruch auf Herrschaft«, der indes die eigene Schwäche überblenden muss und der »in einem neuen Kollektivsubjekt legitim zu verankern« ist, wie Fohrmann festhält.[75] So etabliert sich eine gänzlich neue Schreibart, die nicht dem äußeren Feind, sondern den bestehenden Verhältnissen den Krieg erklärt.
Allen Schwierigkeiten zum Trotz, der Vielfalt, den historischen Konjunkturen und dem Facettenreichtum dieses polemischen Genres vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart mit einer bündigen Definition beizukommen, hat die Forschung insbesondere der 1980er und 90er Jahre immer wieder versucht, ein griffiges Set an Merkmalen zu identifizieren, um es trennscharf von anderen Textsorten zu unterscheiden und Orientierung zu schaffen. Gemäß den Prämissen einer älteren Gattungstheorie meint beispielweise Walter Fähnders »vier essentials«[76] des modernen Manifests ermitteln zu können, als würde es sich dabei um eine Entität mit unveränderlicher Substanz und nicht um das Ergebnis einer klassifikatorischen Praxis handeln, die ein historisch und kontextuell dynamisches und variables Phänomen sortiert.[77] Ausgehend von der lexikographischen Bedeutung: »öffentlich dargelegtes Programm einer Kunst- oder Literaturrichtung, einer politischen Partei, Gruppe o.Ä.«,[78] lassen sich diese vier Charakteristika fürs Erste gleichwohl am Beispiel des Unabomber Manifesto veranschaulichen und diskutieren, bevor sie dann systematisch ergänzt und präzisiert werden müssen.
Erstens Programmatik: Manifeste sind Texte, die von einer scharfen Kritik an den herrschenden Zuständen ausgehen und ein eigenes Projekt mit einer neuen und bahnbrechenden Idee verkünden. Das heißt, sie sind gegen etwas oder jemanden geschrieben und deklarieren den eigenen Standpunkt zum unumstößlichen Dogma. Das Manifest ist grundsätzlich – wie ein Glaubensbekenntnis.[79] »Postulieren, Proklamieren, die Verkündung von Vorstellungen, die Vermittlung von Autorintentionen kennzeichnen Manifeste ebenso wie der Transport von Intentionsäußerungen, die öffentliche Darlegung programmatischer Zielsetzungen.«[80] Die Anklage und Aufdeckung gegenwartsrelevanter Probleme sind dabei mit der Forderung nach einer anderen und besseren Zukunft verknüpft, die es im Sinne eines gesellschaftlichen Fortschritts mit allen notwenigen Mitteln zu erreichen gilt. Manifeste inszenieren sich demnach als »Medien der Unterbrechung und Neuausrichtung des Geschichtsverlaufs«[81] – sie streben einen radikalen Bruch mit der Gegenwart an, um die kommende Zeit in eine andere Richtung zu lenken. Der Programmcharakter dient einer »Poetik der Zukunft«, die anders als im Fall der Utopie tatsächlich eintreten soll, aber diffus bleiben muss, weil Ungewissheit darüber herrscht, ob und wie genau sie tatsächlich eintreten wird.[82] Diese futurologische Ausrichtung zeigt schon der Titel des Unabomber Manifesto an: Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft[83] – und sie setzt sich in der Perspektive von Kaczynskis Text fort, der nach der niederschmetternden Gegenwartsdiagnose von allem Anfang an ins Futurum umschaltet,[84] um in der Folge nach der Diskussion unterschiedlicher Zukunftsszenarien konkrete Handlungsanweisungen zu geben, wie die programmatischen Zielsetzungen bei aller Unsicherheit über den Ausgang der Geschichte fortan erreicht werden sollen.[85]
Zweitens Öffentlichkeit: Manifeste wollen eine möglichst breite Öffentlichkeit erreichen. Um maximale Aufmerksamkeit für das eigene Anliegen zu gewinnen und nicht weniger als die Geschichte der gesamten Menschheit zu beeinflussen, ist die Frage nach der medialen Distribution der Texte daher von zentraler Bedeutung. Der Fall des Unabomber kann exemplarisch zeigen, dass dem Erscheinen des Manifests auf der Bühne der Medienöffentlichkeit meist eine zweckmäßige Publikationsstrategie vorangeht, die darauf zielt, höchstes Aufsehen zu erregen, um eine möglichst breite Leserschaft zu erreichen. Idealerweise ist die Veröffentlichung daher ein spektakuläres Ereignis.[86] In diesem Sinn kann man die außergewöhnlichen Umstände bei der Publikation des Unabomber Manifesto als wohldurchdachte Inszenierung verstehen, deren Regie einem ausgeklügelten Plan gefolgt ist. Die schockierenden Attentate haben so betrachtet auch dazu gedient, die Schweinwerfer auf jener Bühne zu zünden, auf der dann Kaczynskis Programmschrift erschienen ist und wie eine Bombe eingeschlagen hat. Es ist kein Zufall, dass der Attentäter die national angesehensten und verbreitetsten Papiermedien kontaktiert hat, um sein Manifest zu publizieren. Nicht nur ist die Wahl auf das klassische Medium für Manifeste in vordigitalen Zeiten gefallen, nämlich die Zeitung. Mit der New York Times und der Washington Post hat er sich auch bewusst für zwei Organe entschieden, die nach seiner Ansicht die Ernsthaftigkeit seines Anliegens am besten gewährleisten und am effektivsten verbreiten konnten – wie der Sachverhalt beweist, dass Kaczynski auf ein Publikationsangebot von Seiten des Playboy nicht eingetreten ist.
Drittens Eindeutigkeit: Manifeste wollen unmissverständlich sein. Ihre Rhetorik leitet sich aus der pragmatischen Funktion ab, die öffentliche Darlegung von programmatischen Zielsetzungen möglichst schnörkellos, klar und deutlich, wiederzugeben.[87] Sei es, dass sie das Publikum überreden, sei es, dass sie es überzeugen wollen – die Sprache tendiert nicht zur sachlich nüchternen Prosa, weil sich Manifeste mehr oder weniger kämpferisch in Stellung bringen und durch pointierte Forderungen ausweisen, die den Texten einen emotiven Charakter verleihen und oftmals von einem »imperativischen sowie apodiktischen« Impetus grundiert sind.[88] Wie das Beispiel des Unabomber zeigt, ist davon die Textstruktur ebenso wie der Stil geprägt. Kaczynskis Manifest ist in drei Teile gegliedert (Einführung, Hauptteil, Schluss) und reiht insgesamt 232 Absätze aneinander, die wie Gesetzesparagrafen in Szene gesetzt sind zu dem Zweck, die absolut zweifellose Notwendigkeit einer Revolution zur Zerstörung des technologischen Systems einzufordern. Dabei ist eine Sprache zweckdienlich, die von Catherine Prendergast als »fighting style« beschrieben worden ist,[89] und zwar ausgehend von der Feststellung, dass sich in Kaczynskis Blockhütte unter den vielen Büchern neben den Gewehren und Bomben auch ein Exemplar von William Strunk’s und E. B. White’s The Elements of Style gefunden hat und damit eine populäre Stilkunde, die 1920 erstmals erschienen ist und in reaktionärem Geist eine kleine Anleitung für eine »language of battle«[90] gegen den schwächlichen Stil der Modernen enthält: Deutlichkeit (perspicuitas), Kürze (brevitas) und Korrektheit (puritas) dienen einer resoluten Sprache, die selbst etwas Falsches behaupten darf, solange dies entschlossen und entschieden geschieht.[91] Man kann diesen Stil mit guten Gründen als eine Form des sprachlichen Empowerment begreifen, wenn man berücksichtigt, dass die Frage der Selbstermächtigung und Autonomisierung (»power process«) eines der zentralen Themen von Kaczynskis Manifest darstellt.[92] Genau genommen, handelt es sich aber auch um einen Stil, der bei aller Klarheit der Kommunikation diese regelrecht implodieren lässt, wie man mit einer subtilen Beobachtung von Maurice Blanchot festhalten kann, die zwar auf Marx bezogen ist, aber auch gut zu Kaczynski wie zu vielen anderen Manifesttexten passt:
[Die Sprache] ist kurz und direkt, mehr als kurz und mehr als direkt, da sie den Kurzschluss jeder Rede bedeutet. Sie trägt keinen Sinn mehr, sondern sie ist ein Appell, eine Gewalt, die Entscheidung eines Bruchs. Sie sagt nichts im eigentlichen Sinne, sie ist die Dringlichkeit dessen, was sie ankündigt, welche an eine ungeduldige und immer exzessive Forderung gebunden ist, denn der Exzess ist das einzige Maß: So ruft sie zum Kampf auf und postuliert sogar (was wir uns beeilen zu vergessen) den ›revolutionären Terror‹, empfiehlt die ›permanente Revolution‹ und bezeichnet die Revolution immer als etwas, das keine zeitlich begrenzte Notwendigkeit ist, sondern ein unmittelbar Bevorstehendes […].[93]
In seiner ebenso kämpferischen wie aggressiven Rhetorik lässt das Manifest keinen Raum für Debatte und Einigung offen.[94] »He wrote clearly and correctly, and then he killed people«, so pointiert Prendergast die gewalttätige Logik dieser militaristischen Rhetorik für den Fall des Unabomber.[95]
Viertens Gruppencharakter: Manifeste sind Texte, die für gewöhnlich im Namen einer politischen Gruppierung – etwa einer Partei, einer Bewegung oder einer Organisation – verfasst und signiert werden. Dabei geht es keineswegs nur darum, in der politischen Kommunikation darzulegen, »wessen Stellungnahme sich eigentlich manifestiert.«[96] Mehr als die transparente Identifizierung einer Position in der öffentlichen Debatte ist der Sachverhalt hervorzuheben, dass sich das Aussagesubjekt als Repräsentant eines Kollektivs autorisiert zu sprechen und den Protest, die Anliegen und Forderungen einer Gruppe zu verfechten – nicht nur zu dem Zweck, diese nach außen zu vertreten, sondern auch, um sie zugleich nach innen als Gruppe zu formieren, zu konsolidieren und zu mobilisieren. Anders als das vormoderne Manifest, das im Namen des Souveräns verlautbart wird, muss sich das Subjekt der Rede in neueren Zeiten indes selbst ermächtigen; es muss sich eine Stimme geben, deren Autorität institutionell nicht verankert ist, sondern einzig und allein durch die rhetorische Geste in Szene gesetzt wird, im Namen eines Kollektivs zu sprechen und als Repräsentant einer Gruppe aufzutreten. Dieses Merkmal des Manifests ist derart fundamental, dass die Frage nach der realen Autorschaft notwendig zurücktreten muss und nachrangig ist,ob es de facto von einem Individuum oder einem Kollektiv verfasst worden ist, hängt doch die Autorität der Stimme und damit die Wirkung des Manifests davon ab, dass in Vertretung einer politisch relevanten Größe gesprochen wird. Die grammatische Person hat deswegen im Plural zu stehen,wobei nicht das reale,sondern das imaginäre Dasein dieses »wir« von primärer Bedeutung ist.[97] So jedenfalls kann es der Fall von Ted Kaczynski exemplarisch zeigen, dessen Manifest im Namen einer Terroristengruppe »FC« verfasst und unterschrieben worden ist, die es in Wirklichkeit nie gegeben hat. »Deshalb treten wir für eine Revolution gegen das industrielle System ein« – so setzt sich die Stimme des Unabomber Manifesto zu Beginn des Textes genregerecht in der ersten Person plural in Szene.[98] Für die unmittelbare Wirkung des Schreibens ist es entscheidend, dass der Autor gerade nicht im Singular spricht, sondern die Vorstellung erzeugt, für eine revolutionäre Bewegung zu reden, deren Größe diffus bleiben muss. Erst durch diese Fiktion erhält und entfaltet das Manifest seine diskursive Durchschlagskraft – das Gelingen des Sprechakts hängt wesentlich davon ab, dass diese Fiktion nicht durchbrochen wird.
Wie diese letzte Dimension von Kaczynskis Schreiben nahelegt, muss den vier Charakteristika von Manifesten ein weiteres Element hinzugefügt werden, das grundsätzlicher noch die Aussagelogik betrifft und sich bei den vormodernen Deklarationen des Souveräns deutlicher schon gezeigt hat, nämlich das sprachpragmatische Moment der Illokution, das im Fall des Unabomber indes eine bemerkenswerte Verschränkung von Intervention und Inszenierung hervorkehrt. Mit ihrer polemischen Sprache wollen Manifeste nicht beschreiben oder einfach nur verkünden, sondern in der Art eines Sprechakts etwas Konkretes bewirken – das ist im Fall des Unabomber ebenso evident wie in demjenigen von Karl Marx, dessen Manifest der kommunistischen Partei von 1848 sicherlich das wichtigste Ereignis in der Geschichte dieser Gattung darstellt, da es das Genre wie kein anderes geprägt hat. Ausgehend von der elften These zu Feuerbach, wonach es nicht mehr gelte, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu verändern, hat Puchner dafür argumentiert, die ›Poesie‹ des Manifests in einem ganz buchstäblichen Sinn von ›poiesis‹ als einen »act of making« zu verstehen.[99] Im Versuch, politische und künstlerische Manifeste in der hohen Zeit dieses Genres zwischen 1848 und 1939 zusammenzudenken, reklamiert er daher einen sprechakttheoretischen Ansatz, ohne den neben Programmatik, Öffentlichkeit, Eindeutigkeit und Gruppencharakter das Element des zweckmäßigen Eingriffs nicht angemessen erfasst werden kann. So wie die Geschichte des Manifests von einer ursprünglich deklarativen Äußerung erzählt, die unmittelbar den Zustand herbeiführt, den sie benennt, so hat dieser Sprechakttyp in neueren Zeiten indes mit der prekären Autorität des Aussagesubjekts zu rechnen.[100] Das Defizit an souveräner Macht ist nicht nur dafür verantwortlich, dass moderne Manifeste als Sprechakte stets zu misslingen drohen, sondern auch dafür, dass es in Form theatraler Gesten und Übertreibungen oft überkompensiert wird.[101] Wie das Beispiel des Unabomber Manifesto zeigen kann, lässt sich schon die Stilisierung von Ted Kaczynskis Autorschaft zur Terroristengruppe FC als inszenatorische Geste verstehen, aber auch die Bomben können als das ebenso reale wie theatrale Trommelfeuer gelesen werden, das die Aufmerksamkeit des Publikums zum Erscheinen des Manifests auf der öffentlichen Bühne anziehen soll. Angesichts solcher Phänomene ist es plausibel, das Moment der Performativität systematisch mit demjenigen der Theatralität zu verknüpfen und das Manifest der Form nach als das Ensemble von zwei widerstreitenden Tendenzen zu beschreiben, die es in jedem Fall nötig machen, politische Intervention und poetische Expression in der Analyse zu verbinden.[102]
DasManifestistallesinallemalseinediskursivePraxiszuverstehen, die nicht nur einen Protest oder eine Klage über die herrschenden Verhältnisse zum Ausdruck bringt und diesen mit einem Gegenentwurf für eine bessere gesellschaftliche Zukunft begegnet, der programmatischer Natur ist und eine politische oder weltanschauliche Gruppierung repräsentiert. Im dringenden, aber ergebnisoffenen Wunsch, durch deklarative Sprechakte Handlungsmacht zu erlangen und mit radikalen Forderungen den Gang der Geschichte entscheidend zu verändern, gehorcht das Manifest auch einer Inszenierungslogik, für die der Auftritt des Textes und dessen mediale Distributionsformen im öffentlichen Erscheinungsraum von zentraler Bedeutung sind. Bei alledem ist die Sprache von einer Dramatik geprägt, die »mehr aggressiv als introvertiert, mehr schreiendalszurückhaltend,mehrkollektivalsindividuell«ist.[103] Wiebei jeder Beschwerde kennzeichnet das moderne Manifest ein kommunikativer breakdown, der sich im besonderen Fall dieses Genres aber immer wieder im handgreiflichen Versuch zeigt, den schwer zu überwindenden Hiatus zwischen Rede und Aktion, zwischen Text und Tat, zwischen den Worten und der Revolution zu überbrücken – notfalls mit Gewalt.
Von allem Anfang an sind die Manifeste der künstlerischen Avantgarden von Gewaltphantasien geprägt.[104] Der Transfer einer »écriture révolutionnaire«[105] vom Register der Politik zu demjenigen der Ästhetik vollzieht sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem aufsehenerregenden Erscheinen des futuristischen Manifests am 20. Februar 1909 in Le Figaro, das gemeinhin als Initialzündung für eine vorbildlose Konjunktur dieser Textsorte in den nachfolgenden drei Dekaden gilt. Der Text aus der Feder von Filippo Tommaso Marinetti, der sich als junger Dichter mit lyrischen Werken im Geist des Symbolismus hervorgetan hat und nun genregerecht im Namen eines Autorenkollektivs auftritt,[106] um sich als Repräsentant einer Gruppe in Szene zu setzen und zur Öffentlichkeit zu sprechen,liest sich als brachiale Kriegserklärung an die bürgerliche Kultur,derenZerstörungdieneueBewegungproklamiert.Dasprogrammatische Ziel besteht in polemischer Abkehr von einer angeblich dekadenten Vergangenheitsorientierung darin, den Graben zwischen Kunst und Leben im Sinne einer allgemeinen Revitalisierung der Kultur zu nivellieren. Dieses Projekt einer Entgrenzung des Ästhetischen im Zeichen des radikalen Traditionsbruchs kann sich nicht ohne Akte der Gewalt realisieren, die bei allen Souveränitätsgesten ganz offensichtlich eine schwache Autorität zu kompensieren haben.[107] Inspiriert vom französischen Sozialphilosophen Georges Sorel, der 1906 einen Traktat Über die Gewalt publiziert hat, sieht Marinetti in der unvermittelten Aktion ohne Sinn, Ziel und Zweck nichts Destruktives, sondern etwas Erhaltendes, ja sogar Erhabenes und Kathartisches.[108] Nicht nur wird der Krieg daher ohne alle Umschweife verherrlicht – »diese einzige Hygiene der Welt« – und das Credo verlautbart, dass »ein Werk ohne aggressiven Charakter (…) kein Meisterwerk sein« kann.[109] Die militante und offen misogyne Poesie des italienischen Futurismus realisiert sich auch am reinsten in der Form des Manifests selbst, das Marinetti als Erster zum Gegenstand einer gattungstheoretischen Reflexion werden lässt.[110] In den Jahren nach der Publikation im Figaro nimmt er in diversen Briefen Stellung zu dem, was er die »Kunst, Manifeste zu machen« (arte di far manifesti)[111] nennt:
Entscheidend für ein Manifest ist die präzise Anklage, die genau gezielte Beleidigung. […] Man müßte meiner Ansicht nach in ungeheurer Emphase (was nicht die Metaphern ausschließt, im Gegenteil!), das angreifen, was die künstlerische Bewegung in Belgien erstickt, zerstört und zersetzt […]. Man braucht also Gewalt und Präzision, das Ganze mit viel Mut,
so bringt es ein vielzitierter Brief an Henry Maasen 1909 auf den Punkt.[112]Dass die Gewalt in der Anklage des Manifests bei aller Theatralik womöglich nicht nur rhetorischer Natur ist, sondern auch dazu tendiert, den Text zur Tat zu überschreiten, legen Marinettis frühe Reverenzen an die anarchistischen Bombenattentäter Emile Henry, Auguste Vaillant und Ravachol ebenso nahe wie die späteren Handgreiflichkeiten anlässlich der futuristischen Soiréen, die euphorische Befürwortung des Krieges,bis hin zur Gründung einer futuristischen Partei und späterhin zum Schulterschluss mit Mussolinis Faschismus im aktionistischen arditismo.[113]
Ohne die auf den Futurismus folgenden künstlerischen Bewegungen im 20. Jahrhundert ästhetisch oder politisch über einen Kamm zu scheren, steht damit eine handfeste Gewaltbereitschaft der Avantgarden von allem Anfang an im Raum – ganz zu schweigen davon, dass die ›Avant-Garde‹ ein bellizistisches Selbstverständnis als angriffslustige Vorhut ja bereits in dem aus der Militärsprache entlehnten Namen zeigt.[114] Das Manifest stellt die zentrale Äußerungsform dieser Bewegungen dar,weil es die programmatische Entgrenzung des Ästhetischen nicht bloß verkündet, sondern performativ in Szene setzt und dabei auf einer Schwelle zwischen Text und Tat agiert, die man indes als eine ambige verstehen muss. Sei es im Fortgang der ausufernden Verbalaggressionen bei Marinetti, sei es in der skandalösen Art bei André Breton, der im Zweiten Manifest des Surrealismus davon spricht, dass die einfachste surrealistische Tat darin bestehe, »mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings soviel wie möglich in die Menge zu schießen«[115] – stets wird mit der Vorstellung gespielt, dass es dabei um mehr als nur destruktive Phantasien und sprachlichen Terrorismus gehen könnte,sondern auch darum,die Grenzen der Ästhetik tatsächlich zu überschreiten; dass der Bereich des reinen Wortes zur handgreiflichen Tat transgrediert werden soll; dass die Form der Aggressivität nicht nur intransitiv, sondern womöglich auch transitiv zu sein hat; dass die militante Kampfrhetorik eine Aktion anstrebt, die den autonomen Bereich der Kunst verlässt und direkt in den öffentlichen Raum eingreift.
Die extreme Artikulation dieser Ambiguitätszonen des Manifests zwischen Text und Tat, zwischen Kunst und Politik, zwischen Intervention und Inszenierung stellt ein Fall dar, auf den zum Abschluss etwas genauer eingegangen werden muss. In radikaler Überbietung der Gewaltphantasien der frühen Avantgarden haben sich in diesem Fall verbale Attacke und physische Gewalt zu einem lebensgefährlichen Wortprojektil verbunden, und zwar so, dass anders als beim Unabomber partout nicht zwischen politischem Attentat und künstlerischer Aktion unterschieden werden kann.
Als am 3. Juni 1968 eine 32 Jahre junge Frau namens Valerie Solanas drei Revolverschüsse auf den berühmten Künstler Andy Warhol abfeuert, tritt eine Figur in Diskurs, die sich auf der Bühne der Öffentlichkeit nicht nur als Attentäterin, sondern auch als Verfasserin eines Manifests zu erkennen gibt. »Read my manifesto and it will tell you what I am« – so soll die unbekannte Frau einem Reporter geantwortet haben, der sie wenige Stunden nach den Schüssen auf der Polizeistation nach den Gründen für den Mordversuch gefragt hat.[116] Genau genommen, gibt die Entgegnung aber zu verstehen, dass das Manifest gar keine Erklärung für die Tat bereithält: Es soll nicht offenbaren, warum Solanas auf Warhol geschossen, sondern nur sagen, wer die Tat ausgeführt hat. »It will tell you what I am« –nach diesen Worten zu urteilen,fungiert das Manifest eher als eine Art Identitätsausweis und nicht als Offenlegung der Gründe und Motive für die Schüsse. Damit hat Solanas im Verhältnis zwischen Text und Tat einen kleinen, aber bemerkenswerten Hiatus markiert, der womöglich signalisiert, dass Schrift und Waffe zwar eng verbunden sind, sich aber nicht restlos als äquivalente Elemente substituieren.
Damit ist keineswegs gesagt, dass Solanas Manifest nicht an der polemischen Schreibweise der avantgardistischen Texte teilnehmen und deren verbale Aggressivität aufgreifen würde. Die Schrift ist dabei mehr als nur die persönliche »Rachephantasie« einer erfolglosen und vielfach gekränkten Schriftstellerin, die schon als Kind vom Vater missbraucht worden ist und sich nach dem Universitätsstudium als Bettlerin und Prostituierte durchschlägt, ohne je als Autorin anerkannt zu werden.[117] Von dieser prekären Position aus geschrieben, liest sich der Text auch als virtuoses Spiel mit den spätestens seit Marinetti dezidiert maskulin codierten Gattungskonventionen, die nun umgekehrt in den Dienst einer weiblichen Selbstermächtigung genommen werden und sich im Programm einer radikalen Auslöschung des männlichen Geschlechts konkretisieren. Das ist nicht nur am Titel der Schrift abzulesen, der die Autorschaft einer Einzelgängerin gattungskonform durch die Fiktion eines Kollektivs ersetzt: S.C.U.M. – Society for Cutting up Men (Gesellschaft zur Zerstückelung/Vernichtung der Männer). Auch ist die mörderische Intention des Textes nicht zu verkennen, wie sie sich im wütenden Protest gegen die männlich dominierte Gesellschaft sowie im dringenden Appell zum gewaltsamen Umsturz des herrschenden Regierungs- und Geldsystems Ausdruck verschafft. Im einen wie im anderen Fall greift Solanas Sprach- und Denkfiguren der Vorgängertexte so auf, dass diese zugleich irritiert werden. Die Feststellung zum Beispiel: »[Der Mann] hasst seine Passivität, darum projiziert er sie auf die Frauen, definiert Männlichkeit als Aktivität und versucht dann, dies sich selbst zu beweisen (›beweisen, dass er ein Mann ist‹)«,[118] liest sich als scharfsichtige Analyse der misogynen Rhetorik eines futuristischen Manifests, die Solanas zugleich ins Gegenteil verkehrt und in den Dienst eines Textes stellt, der von Anfang bis Ende auf dem Argument einer biologischen Inferiorität des Mannes aufbaut.
Mit dieser im besten Wortsinn ›gewitzten‹ und subversiven Arbeit an der Tradition des avantgardistischen Manifests lässt sich Solanas Text nicht so sehr als psychotechnische Vorbereitung des Attentats auf Andy Warhol verstehen.[119] Vielmehr ist das SCUM Manifesto allererst als ein Angriff auf die geltenden Regeln der Gattung selbst zu lesen, die vor Solanas fast ausschließlich von Männern diktiert worden sind. Wenn man davon ausgehen kann, dass es zur inneren Logik der avantgardistischen Bewegungen gehört, jeweils alles Vorgängige zu übertrumpfen und den symbolischen Mord an den Vätern zu perpetuieren, dann lässt sich Solanas Manifest im Kontext der neuen Avantgarden der 1960er Jahre nicht nur als politischen Versuch lesen, den Spieß umzudrehen und die diskursiven Hierarchien der Geschlechter zu invertieren. In sprachlicher Hinsicht geht es auch um die Radikalisierung einer Schreibweise, deren militante Rhetorik im Sinne der Überbietung mehr und mehr drastische Züge erhält.[120] Das betrifft zum einen den markant niederen Stil, der von einer derben und unverblümten Wortwahl geprägt ist: Im exzessiven Hinweis auf Körperöffnungen und -ausscheidungen aller Art folgt das Manifest einer Logik des Abjekten, die sich mit Julia Kristeva als verbaler Angriff auf die geltenden Codes der symbolischen, männlich dominierten Ordnung verstehen lässt.[121] Zum anderen zeigt sich die Drastik des Textes aber auch in einer extremen Dringlichkeit, die mit allem Nachdruck zum Handeln appelliert und kompromisslose Gewalt einfordert: »Aber SCUM ist zu ungeduldig, um zu hoffen und zu warten, bis die Gehirnwäsche von Millionen Arschlöchern rückgängig gemacht wird. SCUM wird alle Männer töten. […] SCUM will das System zerstören.«[122] Wie es scheint, ist es angesichts solcher Worte nur ein kleiner Schritt vom Text zur Tat.
Es ist indes schon mehrfach vermerkt worden, dass man es sich zu einfach macht, wenn man die Schüsse auf Warhol als programmatische Umsetzung, als enactment des Manifests versteht, als wäre dieses nur das Skript zum Angriff.[123] Ohne Zweifel ist die Schrift zwar mit dem Attentat verkoppelt, aber die Sache ist komplizierter. Nicht nur gibt es im Detail zahlreiche Inkongruenzen im Verhältnis zwischen Manifest und Mordversuch. Auch ist es von zentraler Bedeutung, dass Solanas Texte generell von einem blockierten Wunsch geprägt sind. Anders gesagt: Die Gewalttat mit der Pistole ist möglicherweise weder in erster Linie als politisches Statement noch als surrealistischer Akt,[124] sondern als Konsequenz eines misslungenen Sprechakts zu verstehen. Diese These hat Avital Ronell mit dem Sachverhalt plausibilisiert, dass Solanas vor der Tat die Erfahrung einer frustrierenden Wirkungslosigkeit ihrer Schriften gemacht hat.[125] Nicht nur konnte sie ihr Manifest nicht publizieren, obwohl sie mit Maurice Girodias einen interessierten Verleger gefunden hatte, der SCUM aber erst nach dem Attentat herausgeben sollte. Auch ging das einzige Manuskript ihres Theaterstücks Up Your Ass in der New Yorker Factory verloren, nachdem Solanas vergebens versucht hatte, Andy Warhol für eine Inszenierung des Dramas zu gewinnen. Mit dem Schuss auf den Autor und damit auf eine männlich dominierte Kunstwelt ist eine Stimme laut geworden, die zuvor erfolglos versucht hat, sich als Autorin zu realisieren. Angesichts dieser Ineffizienz der Schrift ist die verstörende Tat daher weniger als die performative Umsetzung einer textuellen Gewaltphantasie, sondern mehr als verzweifelter Ausdruck der Unmöglichkeit zu lesen, dass diese Phantasie Realität werden kann.
Mit dem Fall von Valerie Solanas kann die Stellung von Manifesten zwischen Text und Tat abschließend etwas präziser beschrieben werden. Versteht man sie im Sinne einer diskursiven Praxis als Sprechakte, so sind sie unter den herrschenden Umständen der Moderne allererst als Versuch zu beschreiben, mit Worten konkrete Aktionen durchzuführen zu dem Zweck, die Welt jenseits der Worte zu verändern. Da sie stets mit den Gelingensbedingungen der Illokution zu kämpfen haben, findet jedoch der mediale Sprung von der Sprache zur Tat in aller Regel am Text seine Grenze – seine Gewalt wäre entsprechend als ein ›Grenzwert des Ästhetischen‹ zu fassen, nämlich als eine transsymbolische Realität, die das Manifest selbst nicht erreichen kann.[126] Die Aggressivität, Ungeduld und Heftigkeit,mit denen es den radikalen Traditionsbruch fordert und zum gewalttätigen Umsturz appelliert, ist daher als »fortwährende Überbietungsarbeit« einzustufen, die das Kunstsystem der Moderne mitsamt seinen anti-ästhetischen Tendenzen der Struktur nach prägt.[127]Sicherlich ist dort, wo der Text mit einem Attentat in Verbindung tritt, ein extremer Punkt dieser transgressiven Logik erreicht, doch ist die gewaltsame Aktion mehr als Symptom einer persistenten Wirkungslosigkeit der Schrift zu verstehen, denn als deren geglückte Performanz, wie der Fall von Solanas zeigt. Als Ausdruck einer Sprache der Klage und der polemischen Beschwerde verharrt das Manifest in einer rekursiven Schleife. Ohne in einen Dialog mit der Öffentlichkeit treten zu können, kommuniziert es nichts als den Krieg,den es der Gesellschaft deklariert.
[Art.] Manifest, in: Duden. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache, hg. von der Dudenredaktion, Mannheim, Wien und Zürich 1963, S. 420.
Asholt, Wolfgang und Fähnders, Walter (Hg.): »Die ganze Welt ist eine Manifestation«. Die europäische Avantgarde und ihre Manifeste, Darmstadt 1997.
Barthes, Roland: Politische Schreibweisen, in: ders.: Am Nullpunkt der Literatur. Literatur oder Geschichte. Kritik und Wahrheit, Frankfurt a.M. 2006, S. 22–28.
Böhringer, Hannes: Avantgarde – Geschichte einer Metapher, in: Archiv für Begriffsgeschichte 22 (1978), S. 96–102.
Bombing in Sacramento: The Letter. Excerpts From Letter by ›Terrorist Group,‹ FC, Which Says It Sent Bombs, in: The New York Times, 26. April 1995.
Breton, André: Die Manifeste des Surrealismus, Deutsch von Ruth Henry, Reinbek bei Hamburg 1986.
Bühler, Benjamin: Manifest, in: ders. und Willer, Stefan (Hg.): Futurologien. Ordnungen des Zukunftswissens, Paderborn 2016, S. 317–326.
Castoriadis, Cornelius: Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer politischen Philosophie, Frankfurt a.M. 1990.
Dammbeck, Lutz: Das Netz. Die Konstruktion des Unabombers, Hamburg 2004.
Drudi-Gambillo, Maria und Fiori, Teresa (Hg.): Archivi del futurismo, Rom 1958.
Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in acht Bänden, Mannheim und Leipzig 1993–1995.
Ehrlicher,Hanno: Die Kunst der Zerstörung.Gewaltphantasien und Manifestationspraktiken europäischer Avantgarden, Berlin 2000.
Fähnders, Walter: [Art.] Manifest, in: Gert Ueding (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 2001, Bd. 5, Sp. 927.
Fähnders, Walter: »Vielleicht ein Manifest«. Zur Entwicklung des avantgardistischen Manifests, in: Asholt, Wolfgang und ders. (Hg.): »Die ganze Welt ist eine Manifestation«. Die europäische Avantgarde und ihre Manifeste, Darmstadt 1997, S. 18–38.
Fleming, Sean: The Unabomber and the origins of anti-tech-radicalism, in: Journal of Political Ideologies 7 (2022), S. 207–225.
Fohrmann, Jürgen: Das Manifest als (polemische) Öffentlichkeit. Adresse und Unadressierbarkeit, in: ders., Dubbels, Elke und Schütte, Andrea (Hg.): Polemische Öffentlichkeiten. Zur Geschichte und Gegenwart von Meinungskämpfen in Literatur, Medien und Politik, Bielefeld 2021, S. 99–118.
Foucault, Michel: Der Mord, den man erzählt, in: ders. (Hg.): Der Fall Rivière. Materialien zum Verhältnis von Psychiatrie und Strafjustiz, Frankfurt a.M. 1975, S. 231–241.
Giuriato, Davide: »klar und deutlich«. Ästhetik des Kunstlosen im 18./19. Jahrhundert, Freiburg i.Br. 2015.
Giuriato, Davide und Schumacher, Eckhard (Hg.): Drastik. Ästhetik – Genealogien – Gegenwartskultur, Paderborn 2016.
Hahn, Thorsten: Avant-Garde als Kulturkampf. Das Manifest als Medium artistischer Politik, in: Kircher, Hartmut, Klanska, Maria und Kleinschmidt, Erich (Hg.): Avantgarden in Ost und West. Literatur, Musik und Bildende Kunst um 1900, Köln u.a. 2002, S. 23–36.
Harding, James M.: Cutting Performances. College Events, Feminist Artists, and the American Avant-Garde, Ann Arbor 2010.
Harding, James M.: The Simplest Surrealist Act: Valerie Solanas and the (Re)Assertion of Avantgarde Priorities, in: The Drama Review 45/4 (2001), S. 142–162.
Hardt, Manfred: Zu Begriff, Geschichte und Theorie der literarischen Avantgarde, in: ders. (Hg.): Literarische Avantgarden, Darmstadt 1989, S. 145–171.
Hinz, Manfred: Die Zukunft der Katastrophe. Mythische und rationalistische Geschichtstheorie im italienischen Futurismus, Berlin und New York 1985.
Kaczynski, Theodore John: Technological Slavery. Volume One: Revised and Expanded Edition, Scottsdale AR 2019.
Klatt, Johanna und Lorenz, Robert (Hg.): Manifeste. Geschichte und Gegenwart des politischen Appells, Bielefeld 2011.
Klatt, Johanna und Lorenz, Robert: Politische Manifeste. Randnotizen der Geschichte oder Wegbereiter sozialen Wandels?, in: dies. (Hg.): Manifeste. Geschichte und Gegenwart des politischen Appells, Bielefeld 2011, S. 7–45.
Kristeva, Julia: Powers of Horror: An Essay on Abjection, New York 1982.
Lista, Giovanni: Futurisme: manifestes, proclamations, documents, Lausanne 1973.
Lyon, Janet: Manifestoes: Provocations of the Modern, Ithaca 1999.
Malsch, Friedrich Wilhelm: Künstlermanifeste. Studien zu einem Aspekt moderner Kunst am Beispiel des italienischen Futurismus, Weimar 1997.
Marinetti, Filippo Tommaso: Manifest des Futurismus, in: Schmidt-Bergmann, Hansgeorg: Futurismus. Geschichte, Ästhetik, Dokumente, Reinbek bei Hamburg 2009, S. 75–80.
Marx, Karl: Das Manifest der kommunistischen Partei. Kommentierte Studienausgabe, hg. von Theo Stammen und Alexander Classen, Paderborn 2009.
Menninghaus, Winfried: Ekel. Theorie und Geschichte einer starken Empfindung, Frankfurt a.M. 2002.
Michler, Werner: Kulturen der Gattung. Poetik im Kontext (1750–1950), Göttingen 2015.
Perloff, Marjorie: Violence and Precision. The Manifesto as Art Form, in: dies.: The Futurist Moment. Avant-Garde, Avant Guerre, and the Language of Rupture, Chicago und London 1986, S. 80–115.
Prade-Weiss, Juliane: Language of Ruin and Consumption. On Lamenting and Complaining, New York u.a. 2020.
Preis, Stefan: Spuren eines Unsichtbaren. Der Fall Kaczynski als Bibliotheksphänomen betrachtet, Berlin 2015.
Prendergast, Catherine: The Fighting Style. Reading the Unabomber’s Strunk and White, in: College English 72/1 (2009), S. 10–28.
Puchner, Martin: Poetry of the Revolution. Marx, Manifestos, and the Avant-Gardes, Princeton und Oxford 2006.
Rancière, Jacques: Das Unvernehmen. Politik und Philosophie, Frankfurt a.M. 2002.
Rancière, Jacques: Die Aufteilung des Sinnlichen. Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien, 2., durchgesehene Auflage, Berlin 2008.
Ronell, Avital: Deviant Payback: The Aims of Valerie Solanas, in: Valerie Solanas: SCUM Manifesto. With an Introduction by Avital Ronell, London 2004.
Schneider, Manfred: Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft, Berlin 2010.
Schultz, Joachim: Literarische Manifeste der »Belle Epoque«.Frankreich 1886–1909. Versuch einer Gattungsbestimmung, Frankfurt a.M. und Bern 1981.
Searle, John R.: Eine Taxonomie illokutionärer Akte, in: ders.: Ausdruck und Bedeutung. Untersuchungen zur Sprechakttheorie, Frankfurt a.M. 1982, S. 17–50.
Solanas, Valerie: Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer S.C.U.M. Erweitert um einen Text von Andy Warhol: Nachdem sie mich niedergeschossen hatte, drehte sich Valerie um und schoß auf Mario Amaya, Augsburg 1996.
Sorel, Georges: Über die Gewalt, übersetzt von Ludwig Oppenheimer (1928), mit einem Nachwort von George Lichtheim, Frankfurt a.M. 1982.
Stockhammer, Robert: Grenzwerte des Ästhetischen, Frankfurt a.M. 2002. van den Berg, Hubert: Das Manifest – eine Gattung? Zur historiographischen Problematik einer deskriptiven Hilfskonstruktion, in: ders. und Grüttemeier, Ralf (Hg.): Manifeste: Intentionalität, Amsterdam und Atlanta 1998, S. 193–225.
van den Berg, Hubert: Zwischen Totalitarismus und Subversion. Anmerkungen zur politischen Dimension des avantgardistischen Manifests, in: Asholt, Wolfgang und Fähnders, Walter (Hg.): »Die ganze Welt ist eine Manifestation«. Die europäische Avantgarde und ihre Manifeste, Darmstadt 1997, S. 58–80.
van den Berg, Hubert und Grüttemeier, Ralf (Hg.): Manifeste: Intentionalität, Amsterdam und Atlanta 1998. von Kralik, Richard: Geschichte des Weltkriegs. Das Jahr 1914. Unveränderter Nachdruck der Originalausgabe 1915, Frankfurt a.M. 2022.
Zanetti, Sandro: Schreiben, zusammen. Kollektives Schreiben in Theorie und (avantgardistischer) Praxis, in: Ehrmann, Daniel und Traupmann, Thomas (Hg.): Kollektives Schreiben, Paderborn 2022, S. 50–69.
Zedler, Johann Heinrich: Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste, Halle und Leipzig 1731–1754.
Zymner, Rüdiger (Hg.): Handbuch Gattungstheorie, Stuttgart 2010.
Manuela Klaut
»Die Großen Gesellschaften, die besondere Rechtsvertretungsbüros besaßen, so daß man von ihnen auch Recht kaufen konnte, gingen von der Berechnung aus, daß alle Richter des Justizplaneten überlastet waren. Diese Grundeigenschaft überdeckte alle vielfältigen Nuancen zwischen Rechtsdogmatikern und Reformisten, die im Recht nur eine wissenschaftliche Anleitung zur Lösung von Krisenfällen sahen.«[128]
In seinem 1973 erschienenen Buch Lernprozesse mit tödlichem Ausgang entwirft Alexander Kluge eine Dystopie nach dem Verlust des Planeten Erde im Jahr 2103. Untertitelt ist die Geschichte mit dem Satz: »Unbezwingliche Sehnsucht – dumpfes Begleitgefühl …«[129]
Diese zwei Dinge scheinen sich in Kluges Texten zu überlagern: Die Beschwerden, die rechtlich oder verwaltungsorganisatorisch entstehen und solche, die physische oder körperliche Beschwerden thematisieren, jedoch nicht als Beschwerden bezeichnet werden, sondern als Versehrtheiten oder als Herstellung von Konditionierungen. Doch das Wort der direkten Beschwerde, des Klagens bzw. Anklagens, ist selten zu finden. Eine Ausnahme bildet der Titel seines Films Happy Lamento aus dem Jahr 2018.[130] Die Suchbewegung meiner Überlegungen besteht darin, die Beschwerde im Kosmos der Texte, Filme und Realien Kluges zu finden und ihre spezifische Medialität herauszuarbeiten. Das Interessante an Lernprozesse mit tödlichem Ausgang und an dem Film Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte (1969) ist, dass man ihre Handlung in einer Zukunft des Lesens und Sehens auch als ausgelassene Zerstörung begreifen kann. Mit den Stilmitteln der Montage schreibt Kluge eine Verwaltungsparodie, die sich nicht nur über die verwalteten Zustände beschwert, sondern aus ihnen heraus poetisch und humoristisch wird und so über die Beschwerde hinaus handelt, obgleich mit ihren Mitteln gearbeitet wird. Den Rechtsweg gehen die Texte nicht, indem sie sich an vorher erzählerisch geknüpfte Zuständigkeiten halten, oder den fiktiven Institutionen ein ernsthaftes Entscheidungsinteresse zugestehen – vielmehr schafft es Kluge, eine parodistische Form der Beschwerde aufzuführen, die in der verwalteten Welt eine große Wahrheit erkennt: Ihre Befähigung und die gleichzeitige Unfähigkeit zu verwalten. Eine Form der Beschwerde in Kluges Science-Fiction-Texten und -Filmen ist die Parodie, in der die Überspitzung dieser verwalteten Prozesse schließlich im intergalaktischen Krieg enden und nicht nur in Eine Kathedrale der Rechtsverdrehung zu einer gegenständlichen Beschreibung kommt:
Die Großen Gesellschaften hatten hier Delegationen ihrer Rechtsabteilungen jeweils in Sonderpalästen untergebracht. Ein Unternehmer Berlinger hatte einen Konzern zusammengebracht, der die Aktivitäten Wahrheitsfindung, Rechtsvertretung, Vertragskontrolle und Rechtsanfertigung umfaßte. Er besoldete eigene Richter, die zwar keine öffentliche Autorität besaßen, wohl aber zu reduzierten Prozeßkosten die Prozesse so simulierten, wie sie im großen Justizpalast auch nicht anders stattfinden konnten.[131]
Abb. 1: Justizpalast der Westlichen Galaxie auf dem Zentralen Justizplaneten, in: Lernprozesse mit tödlichem Ausgang, S. 336.
In der weiteren Beschreibung des Justiz-Systems im Sektor Alphaland vermischen sich die physischen Beschwerden der Richter mit den strukturellen Beschreibungen der Behörde: »Einer der gequälten Richter schrie leise vor sich hin.«[132] Und sie führen schließlich dazu, dass die Richter aus Überlastung heraus die Fälle so beurteilen, dass sie mit wenig Aufwand begründbar werden. Die Geschichte Lernprozesse mit tödlichem Ausgang beginnt bereits mit einem Widerspruch des Raumpioniers Franz Zwicki an der Frage des Rechtstheoretikers Ferdi Schein: »Wie kann der Schwarze Krieg vier Jahre dauern, wenn doch gleich am ersten Tag die Erde völlig zerstört wurde?«[133] Dieses Beschweren über das Zeitunverständnis des Rechts löst Kluge in der Regie-Anweisung auf: »Vielmehr kam es jetzt, 2102, mehr denn je darauf an, entgegengesetzt zur Richtung der geschichtlichen Bewegung, zu überleben.«[134]Eine derartige Auflösung von chronologischen, linearen oder kontinuierlichen Zeiten sind typisch für Kluges Geschichten. Sie sind auch ein Motiv in dem Film Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte, in dem es nicht nur den Verwaltungsplaneten Krüger 60 gibt, sondern auch zahlreiche Verweise auf den Zweiten Weltkrieg und auf die Schlacht von Stalingrad: »Wenn man«, sagt Kluge, »die Weltraumheroen mit all den Unzulänglichkeiten historischer Heerführer darstellt, verzerren sich die Science-Fiction-Klischees, und die Utopie verwandelt sich in eine Groteske.«[135]
Der Beschwerde liegt eine ursprüngliche Handlung zugrunde, auf die sie sich bezieht – sie ist demnach immer etwas Nachgeordnetes, das in eine Handlung eingreift, ein retardierendes Moment. Die Beschwerde liegt rechtlich gesehen vor dem Urteil und Kluge übernimmt diese Form des Rechtsbehelfs, um in den Science-Fiction-Umgebungen eine historisch unübersichtliche und gleichzeitig zukünftige überverwaltete Welt vorzustellen, in der es nicht um das finale Urteilen geht, sondern um eine Anstrengung im positiven Sinne, um die Wahrheitsfindung,die sich durch einen Remix aus juristischer, historischer und erkenntnistheoretischer Wissensarbeit am Material ergibt. So ist Willi Tobler eine Beschwerde in Person, als er den Universitätsdienst quittiert, um sich in den Dienst des Verwaltungsplaneten Krüger 60 zu stellen. Doch Admiral Bohm hat zunächst keine Verwendung für die Fähigkeiten von Willi Tobler. Er stellt ihn dennoch als 3. Pressesprecher auf Krüger 60 ein. Tobler gelobt: »Ich, Willi Tobler, gelobe, die Grundätze der Verfassung und sämtliche Lieferfristen bedingungslos einzuhalten.«[136] Willi Tobler ist Universitätsprofessor und Kybernetiker:
In der jetzigen Situation des galaktischen Bürgerkrieges lehne ich a) ab, eine Familie zu haben, b) ab, mich in Forschung und Lehre zu engagieren und Studenten auszubilden, c) mich für irgendwas einzusetzen. Ich habe deswegen meine Familie untergebracht, mich von Forschung und Lehre zurückgezogen und jegliches Engagement über Bord geworfen. Ich befinde mich in voller Plastizität im Anflug auf den Verwaltungsplaneten, auf den City-Planeten oder wie, Krüger 60.[137]
Die in der Vereidigung Toblers gelobte »Einhaltung der Lieferfristen« macht bei seiner geplanten Tätigkeit als Pressesprecher nicht unmittelbar Sinn.Es geht um das Aufführen von Verwaltungsfloskeln,die oft völlig automatisiert, missverständlich oder sinnentleert wirken. Willi Tobler führt die Wiedergabe dieser rechtlichen Automatismen mit der Präzision eines Formulars auf.[138] Immer dann, wenn Willi Tobler als Angestellter auf Krüger 60 entgleist und als Alfred Edel Kommentare in den Film setzt,[139] hört man Alexander Kluge als verzerrte Stimme das Raumschiff-Kommando sagen: »Achtung. Achtung, Willi, der Tagesspruch ist dran. Bitte: Klingel, Glocke, Begrüßung, Kommentar.«[140] Daraufhin läutet Tobler die Glocke, sagt seinen Namen und unterbricht die eigene Improvisation.
Das retardierende Moment dieser ergebenen Dienstbarkeit geschieht, als Tobler durch seinen Vorgesetzten Admiral Bohm die Mitteilung einer Dienstaufsichtsbeschwerde erhält, weil er dienstliche Informationen weitergegeben hat, um sich durch Risikoprämien einen Planeten zu ergaunern. Es kommt zur sofortigen Degradierung und zur Strafversetzung Toblers an die Eisgürtel-Front, wo er während einer Offensive auf dem halbzivilisierten Satelliten Nofaru notlanden muss und Opfer eines Raubüberfalls wird, bei dem ihm die Schuhe geklaut werden. Er beschwert sich jedoch nicht über dieses Erlebnis, sondern übt eine »Taktik des Gehens« ein, in der er »nicht mit den Füßen geht, sondern mit den Augen und Gedanken, mit allem, was man gelernt hat«.[141] Diese organische Verschiebung ist in den Texten Kluges angelegt als eine assoziierte Beschwerde bzw. eine Übersetzung des Unaussprechlichen in eine physische Verletzung. Toblers Arbeit ist nur noch unter rechtlosen Bedingungen möglich und das Schmerzen der Füße, auf denen die ganze Konzentration liegt, steht als Bild für die Schutzlosigkeit des Menschen, für den Kriegszustand und das damit verbundene Verkehren von Sinnzusammenhängen.
Die Berichte, Erfahrungen, Interviews und Geschichten, die Alexander Kluge zu beiden Weltkriegen verfasst, um die Erlebnisse aus dem zweiten Weltkrieg zu verarbeiten, erscheinen als reale und fiktionale Erzählungen. Das Unverständnis für die Empfindung der Dauer des Krieges seitens des Justiztheoretikers in Lernprozesse mit tödlichem Ausgang wird in Maßverhältnisse des Politischen zu einer manifesten Form der Beschwerde – zur Kritik an den politischen Verhältnissen. Die Zahlen eines Jahres, die in einem Krieg verschwinden, werden für Negt und Kluge zu Chiffren des Jahrhunderts,die man entschlüsseln muss,um die Ursachen und Folgen von Katastrophen überhaupt deuten zu können. Im Umschlagtext des Buches steht: »Das Buch von Oskar Negt und Alexander Kluge ist eine radikale Kritik an der so genannten Realpolitik. Es verteidigt die Ausdruckskräfte des Einzelnen gegen die Regelungs- und Regulierungsgewalt der Institution.«[142] Und das tun nicht nur Kluges politische Texte, sondern vor allem seine poetischen: Mit den Mitteln der Rechtskenntnis und der Verwaltungssprache dichten sie gegen das Verwaltete an und lassen den Einzelnen zu Wort kommen – als Lernprozesse des Gesetzes selbst:
Der Text splittert sich noch weiter auf, wenn man die Perspektive genauer eingrenzt: Die Geschichte der Internationalität der Arbeiterbewegung seit 1914, die Geschichte der USA, die Geschichte des russischen Kontinents, die Geschichte Mitteleuropas, die Geschichte der Verarbeitungsformen der Erfahrung, die Geschichte der Gefühle, die der Theorie, die der Waffen, die der Interpretation, usf. Man wird für jede dieser Perspektiven abweichende Texte vorfinden. Dies entspricht den Linearitäten, in denen sich die Tatsachenmassen auf der Welt organisieren: sie tun dies rücksichtslos im Verhältnis zu den Lernprozessen.[143]
Schlüsselt man die Beschwerde als Rechtsverhältnis auf, dann ist sie als Rechtsbehelf ein Mittel, um den Einzelfall zu Wort kommen zu lassen. Die Beschwerde ist eine Möglichkeit,um Maßnahmen durch die nächsthöhere Instanz prüfen zu lassen. Sie ist das letzte Rechtsmittel vor dem Urteil.DieBeschwerdeistdazuda,umwiederindasGesetzzukommen. Eine letzte Zurückweisung des gesprochenen oder temporären RechtsstatusaufseinenochmaligeÜberprüfunghin.SieistgegendieEntscheidung der Institution die einzige Form der Selbstermächtigung – aber auch kein Garant dafür, in der Beschwerde Erfolg zu haben. Doch ist die Beschwerde kein Rechtsmittel, dass sich eindeutig schematisch abbilden lässt. Sie lässt in ihrer Beschreibung selbst unter den Juristen eine gewisse Poesie zu:
Das anfangs homogen erscheinende Rechtsmittel der Beschwerde scheint seine Gestalt nicht aus den Grundzügen der §§ 304 [StPO, Anm. d. A.] abzuleiten, sondern eher aus Spezialvorschriften. Das Rechtsmittel gibt sich schillernd, indem es sich an die Besonderheiten des jeweiligen Verfahrens anpaßt. Es erscheint gleichsam als Chamäleon unter den Rechtsmitteln, so daß sich die Frage stellt, welche Bedeutung den §§ 304ff. angesichts der vielfältigen Spezialregelungen noch zukommt.[144]
Die Beschwerde wird durch den zugrundeliegenden Einzelfall geregelt. Aus Kluges poetischer Arbeit lassen sich verschiedene Formen der Beschwerde ableiten, denn seine Texte sind wie juristische Fälle verfasst. Die Beschwerde-Instanz sind die Leserinnen und Literatur- bzw. Filmkritikerinnen. Doch ihr innerstes Streben nach einem institutionellen Nicht-Stattgeben ist in ihnen verborgen, wenngleich Kluges Figuren sich jeder Verurteilung entziehen. Ein viel zitiertes Beispiel dafür ist die Szene aus dem Film Chronik der Gefühle (1983), in der Frau Bärlamm vor Gericht sitzt und vernommen wird. Der Richter möchte das Motiv Ihres Schusses herausfinden, dass sie jedoch immer wieder mit dem Willen zu schießen beantwortet. Dieses »Entgleiten des Tatbestandes«[145]unterläuft das ordentliche Verfahren und kann so als Beschwerde verstanden werden, mit der Kluge »die Unzulänglichkeit des juristischen Instrumentariums«[146] veranschaulicht:
Die Angeklagte, Ehefrau und Mutter hatte sich mit einem Gewehr ins eigene Bein und danach ihren Ehemann tödlich in die Brust getroffen. Alles erscheint reichlich unkoordiniert. »Die Macht der Gefühle entlädt sich in einem Schuß. Ein Schuß, den die Gerichtsbarkeit in keines Ihrer Raster fügen kann.« [Alexander Kluge, Die Macht der Gefühle, Frankfurt a.M. 1983, S. 67] Im Gerichtssaal macht sich Verwirrung breit. »Es verwirrt mich selbst, wenn Sie es so sagen.« [Ebd.] Sprachverwirrung. Das Formulierungsraster der Gerichtsbarkeit ist vorgegeben, darauf muss man sich einigen, auch wenn es nicht ausreichend erscheint, keine Assoziationen ermöglicht. Keine Verbindungen, keine Ähnlichkeiten zwischen dem Schuß der Angeklagten, den es zu erklären gilt, und jenem Schuß, der den Richter erwischt hat: »Ich habe mir heute übrigens einen fürchterlichen Hexenschuß geholt, ich weiß nicht, wie es dazu kommt.« [Ebd.] Der Hexenschuss bleibt im >Übrigen<, die juristische Ausdrucksweise besteht auf ihrer Exklusivität.[147]
Die Frage nach der juridischen Aufarbeitung von Kluges Poetik ist insoferninteressant,weilsienichtnurnachdemliteraturwissenschaftlichen Motiv der Beschwerde fragt, also danach, worin sich der Text strukturell an Verfahrensweisen bindet, die dem Beschwerdeverfahren nachkommen (z.B. das Narrativ der enttäuschenden, ermüdenden oder verwehrten Rechtswege), sondern weil er die Literatur nutzt, um mit ihren Mitteln das Recht weiter zu erzählen und es gegen sich selbst aufzuführen.
Doch nicht nur die Beschwerde führt als »schillerndes« Rechtsmittel die Poetik ihrer eigenen Bestimmung durch den spezialisierten Einzelfall mit –auch das Rechtsmittel der Revision,das durch eine Beschwerde in Gang gesetzt werden kann, dehnt die Auslegung und Interpretation des vorangegangenen Sachverhalts. Die Revision setzt die Kenntnis des Wissens aufs Spiel und beweist unter Umständen seine Ungenauigkeit, Unsachgemäßheit oder Verfahrenswillkür.Der Einzelfall,den Alexander KlugeinseinenTextenvertrittundverteidigt,istsomitlebenswichtigfür die Genauigkeit des Rechtsmittels:
Ein allgemein gültiges Schema, dass alle prozessrechtlichen Strukturen erfasst, die im Revisionsverfahren Bedeutung gewinnen können, gibt es nicht. Die für erfahrungsgemäß häufiger vorkommende Standardsituationen gegebenen Leitlinien sollen indes in jedem Fall weiterhelfen. Für die Bearbeitung im Einzelfall ist aber die ergänzende Auswertung der Kommentarliteratur, des jeweils aufgezeigten Spezialschrifttums, der Rechtsprechungsübersichten und ggf. von Handbüchern mit Formulierungshilfen geboten. Die Erfahrung lehrt, dass sehr viele Fälle ihre für den Erfolg des Rechtsmittels lebenswichtigen Besonderheiten haben.[148]
Die Szenen, in denen Kluge seine tragischen und auch gleichzeitig komischen Figuren vor dem Gesetz auftreten lässt, werden im Film oft nicht nur mit Fakten aus der Politikgeschichte zusammengeschnitten (z.B. dem Leitantrag in Die Patriotin), sondern sie zeigen auch, wie schon die Märchen als Fall aus der Geschichte hervorgehen. Als Montage legt diese Geschichte der Rechtsformen das unbewusste Regiert-werden offen. Die Fälle gehen dabei vom kleinsten Organ (dem Knie), hin zu Beziehungen und Verhältnissen zwischen Menschen (Privatrechtsfälle), bis zur aufgehaltenen Fall-Konstruktion gegenüber den Institutionen (z.B. dem Strafgericht, der Hochschulzulassungsbehörde, dem Prüfungsamt, der Handelsorganisation oder der Unterabteilung für Überwachung der Führungskräfte in der politischen Abteilung des Verteidigungsministeriums der Volksrepublik Polen) und gehen dabei behutsam mit dem Einzelnen um: Sie werden in Kluges Texten zu hochorganisierten Personalentscheidungen, um den Fall aus der Sicht des Protagonisten zu erzählen. Einer dieser Protagonisten ist das Knie des im Krieg gefallenen Obergefreiten Wieland. Es erzählt seine Sicht auf den Krieg aus dem toten Körper heraus und ist damit eine Beschwerde, die eine weitere Verbindung herstellt, nämlich die organische, physische Beschwerde, mit einem poetischen Lamento zur Geschichte des Krieges. Dabei spricht das Knie auch davon, dass es im Grunde genommen gar nicht sprechen kann, weil ihm das Sprachorgan fehlt. Aber der Film ermöglicht, dass das Knie hörbar wird. Als Christian Morgensterns Gedicht Das Knie von 1905 durchwandert es Kluges Film Die Patriotin von 1979 nomadisch und bewusst unzeitgemäß, wenn es als Stimme unsichtbar bleibt und als unbewusster Sinnzusammenhang, zu Filmbildern von Burgen und Wäldern, zu erzählen beginnt. In dem Text »Singularität und lange Dauer – Alexander Kluges idiosynkratische Filmtheorie der Geschichte« beschreibt Karin Harrasser Kluges Methode als Geschichtstheorie des Films, die durch seine Filme auch die Geschichte der Historizität medial geprägter Wahrnehmung erzählt und die Geschichte des Films als Medium der Geschichtsschreibung:
Das Knie steht für ein hysterisches Erzählen: Für einen Wiederholungszwang, ausgelöst durch das Trauma des Krieges. Es ist kein Zufall, dass es die Cutterin Kluges war, der wir die Existenz dieses Akteurs zu verdanken haben: Beate Mainka-Jellinghaus wird im Buch zum Film explizit als die Erfinderin des Knies genannt. Dies scheint mir doppelt signifikant: Einmal ist das Knie klar als Hommage an die Montage als Prinzip des Films und als ein Prinzip der Geschichtsschreibung konturiert. Es ist ein Lob des Zusammenschneidens – in diesem wunderbaren Doppelsinn – von konkretem Material, das Lob einer Tätigkeit, die im Zusammensetzen zwischen den Bildern Platz frei macht. Was mir ebenfalls zentral erscheint, ist die Würde, mit der die Lächerlichkeit dieser Figur in Szene gesetzt wird. Der rhetorische Einsatz des Wörtlich-Nehmens als eine Logik des Zu-Fall-Bringens konventionalisierter Sprachformeln, das Sich-Dumm-Stellen als eine Haltung gegenüber dem, was sich als wirklich und notwendig gibt, ist ein zentrales Moment der politischen Ästhetik Kluges.[149]
Im Film-Text von Kluge wandert das Knie umher und ist gleichzeitig eine Übersetzung des Gedichts ins bewegte Bild,ins Autobiographische, und ins Bezeugen, aber auch ins Beugen – als Bild der Rechtsbeugung, wird es zum Organ in einem neuen Körper, zwischen Märchen, Gedicht und Film – und bezeugt nicht nur die politischen Ungerechtigkeiten des Krieges, die Bedrohungen der Menschlichkeit und den nicht enden wollenden Verlust eines Zusammenhangs, sondern es erzählt den Krieg, als Aussetzen aller zusammenhängenden Erinnerungen, als semantische Zerstörung: Alexander Kluge sagt in der »leçon du cinema« in der Cinématèque française am 27.04.2013: »Offenbar neigt die Macht zur perversen Form der Parade. Der preußische Stechschritt gehört zu dem Ungesundesten, was es gibt. Und ich verteidige im Grunde den menschlichen Körper gegen die Institution.«[150]
Das Knie in Kluges Film Die Patriotin steht also nicht nur stellvertretend für den ganzen Körper,der handlungsunfähig ist,sondern auch für die Zurichtung des Körpers durch Institutionen. Ein Knie ist ohne den zugehörigen Körper nicht mehr konditionierbar und es kann nicht vor Gericht verhandeln. Es ist im Film eine Schnittstelle, die zwar noch auskunfts-, leidens-, bzw. beschwerdefähig sein kann, die aber nicht mehr adressiert werden kann. Die Organe in Kluges Texten handeln eigensinnig und selbstbestimmt, denn sie wissen um die Biografie des Körpers, zu dem sie gehören.
Ein weiteres Merkmal der körperlichen Beschwerde-Konstellation ist in Kluges Texten als biographische Subsumtion angelegt – so in dem Text Entschluß eines aufgeregten Julitages, in dem Kluge aus seiner Referendarzeit erzählt und mitten im Text eine »Nebeneinanderschaltung« anlegt, die eine Weiterleitung des Gehirns an Arno Schmidt organisiert, aber schließlich auch eine organische Vermittlung beschreibt:
So besteht der Poet aus einer Fülle sensibler Haare (wie jenen in der Mähne der Medusa), oder er besitzt Tentakel, sein Gehirn lateralisiert also und kann mit seinem tatenlustigen Ohr das Gute und das Böse vor sich sehen und etwas beschreiben, das nirgends in der Welt existiert. Dieses VIELFALTWESEN hat einen evolutionären Vorteil gegenüber aller Einfachheit.[151]
Vor allem versteht der Text Entschluß eines aufgeregten Julitages die gefassten biographischen Entscheidungen als prägend, die sich eher als Zufall oder als gezielten Aufbruch bzw. Ausnahmeantrag aus dem Referendariats-Curriculum Kluges ergaben: »also ein heißer aufgeregter Julitag, entschied (durch Zufall nicht besser als bei Würfelspiel) auch infolge Mangels an Zeit darüber, dass ich künftig auf der Linken firmierte, im Vortrott der Protestbewegung«.[152] Diese Entscheidung hatte zur Folge, dass Kluge bei Hellmut Becker 1956 die Ableistung seiner Rechtsanwaltsstation beantragte.
In der Zeit,in der Kluge die Dissertation verfasst,ist er Gerichtsreferendar am Amtsgericht in Wiesbaden. Im Jahr 1956 arbeitet Kluge erstmals für Hellmut Becker, der ihm ein Arbeitszeugnis für die Zeit vom 15.6. 1956 bis 14.10. 1956 mit dem Prädikat Sehr gut ausstellt. Darin hält er zur Bewertung fest:
Darüber hinaus hat er [Kluge] mir auch in den mit diesen Tätigkeiten verbundenen literarischen Arbeiten wertvollste Hilfe geleistet. Herr Kluge hatte auch Gelegenheit, die sehr umfangreiche Literatur auf dem Gebiet des Kulturrechts durchzuarbeiten. […] Herr Kluge hat stets besonderes Verständnis für den geistigen und kulturpolitischen Hintergrund der juristischen Probleme gezeigt, die er bei mir bearbeitete. Er hat sich als gewandter Verhandler sowie als außerordentlich sicher im Umgang mit Menschen aller sozialen Schichten erwiesen. Im persönlichen Kontakt habe ich den Ernst seiner Grundauffassungen schätzen gelernt.[153]
Abb. 2: Aus den Referendar-Akten Kluges: Rechtsanwaltsstation bei Hellmut Becker
Kluges Film-Figuren und das gemeinsame Buch mit Helmut Becker Kulturpolitik und Ausgabenkontrolle entstehen in dieser Zeit. Darin formulieren Kluge und Becker Fälle, die für die mögliche Beanstandung durch den Bundesrechnungshof exemplarisch sein sollen:
Ein Rechnungshof beanstandet, dass Universitätseinrichtungen durch Unbefugte benutzt werden, z.B. ein Nichtangehöriger der Universität, der eine wissenschaftliche Untersuchung betreibt, benutzt ein Institut und verschiedene Bibliotheken. Ein anderer Rechnungshof bemängelt die Tatsache, daß Universitätsangehörige Konzerte in den Räumen eines physikalischen Instituts geben. Er weist auf die erhöhte Unfallgefahr bei solchen Abendveranstaltungen hin.[154]
Diesen Fall kommentieren die Juristen Becker und Kluge:
Die Universität kann sich nicht hermetisch abschließen. Sie hat eine geistige Ausstrahlung, die sich nicht nur an Universitätsangehörige im engeren Sinn wendet. Es ist keine Zweckentfremdung, wenn die Universität Privatleuten, die sich mit Wissenschaft beschäftigen, offensteht. Es nicht Aufgabe der Rechnungsprüfung den Rahmen der Universität zu begrenzen.[155]
Diese Auseinandersetzung Kluges mit den Fällen, die eine Rechtspraxis ausgestalten bzw. ihre Grenzen definieren, führt ihn näher zu seinen filmischen und institutionellen Figuren. Eine dieser Figuren ist Gabi Teichert,[156] die als Geschichtslehrerin arbeitet und aus Kluges Forschungen zum Schulrecht hervorgeht. Die Protagonistin seines ersten Films, Anita G.,[157] sucht Zuflucht in der Universität. Während ihrer fliehenden Bewegung durch die Institutionen sucht sie Fritz Bauer auf. Unklar bleibt, ob sie bei ihm Beschwerde gegen den Beschluss des Gerichts einlegen möchte oder weiteren Rat sucht. Doch wie in Kafkas Parabel Vor dem Gesetz erhält Anita G. keinen Einlass zu ihm. In der Version der Anita G. in Lebensläufe wird die Figur des berühmten Verteidigers »Dr. Sch.« genannt – auch zu ihm bekommt Anita keinen Kontakt: »Aber wie soll der Schützling durch den Schutzring von Berühmtheit, Assessoren, Mitarbeitern, Büroangestellten, diese komplizierte Organisation, bis zum großen Verteidiger selbst vordringen?«[158] So schlägt sich die Film-Episode auf die Seite des Gesetzes und lässt Anita G. unbeholfen in der Geschichte zurück. Die Universität berät sie falsch. Auch nach der Sprechstunde mit dem wissenschaftlichen Mitarbeiter für Politikwissenschaft kommt sie nicht weiter. Gegen Anita G. liegen im Laufe des Films mehrere Delikte wegen Eigentumsrecht und Mietprellerei vor, doch ihre Fluchtbewegung verhindert ihre Festsetzung. Da man nicht genau weiß, was ihr vorgeworfen wird und an welchen Orten sie sich aufgehalten hat, bleibt das Gesetz bis ans Ende des Films unzugänglich. Es wird lediglich verkörpert durch die Vollzugsbeamtinnen und die Polizei. Das Gesetz (und das wäre die Beschwerde, die Kluge mit dem Scheitern der Anita G. vorbringt) ist nicht imstande, den Fall Anita G. zu lösen, es kann ihn nur nicht-lösen. In der Auseinandersetzung, die Derrida mit dem Text von Kafka führt, bemerkt er diese Unmöglichkeit des Gesetzes: »Seine kategorische Autorität kommt dem Gesetz nur zu, wenn es ohne Geschichte, ohne Genese, ohne mögliche Ableitung wäre. (…) Mit dem Gesetz, demjenigen, das sagt »Du sollst« und »Du sollst nicht«, in Beziehung zu treten, heißt sogleich, so zu tun, als ob es keine Geschichte hätte (…).«[159] Das Gesetz in Anwendung zu bringen, heißt also, es nicht ohne seine Geschichte zu können. Und wenn die Geschichte von Anita G. im Verborgenen bleibt, so kann der Zugriff des Gesetzes nur scheitern:
Um tatsächlich Recht zu sein, müssen die Gesetze, demzufolge, von den ihnen Unterworfenen gelesen werden können. Die Geschichte von der Unlesbarkeit der Gesetze erlaubt allerdings selbst auch eine andere, positivere Lesart. Denn nur was sich nicht lesen läßt, nicht auf eine eindeutige Sinndimension festzulegen ist, kann und muß in anderen Kontexten wieder gelesen, und das heißt auf unterschiedliche Konstellationen angewendet werden. Die (Un-)Lesbarkeit des Rechts wäre, so gesehen, zugleich die Bedingung seiner Möglichkeit.[160]
Kluges filmische und literarische Fälle legen über seine Werke hinweg eine eigene Form der Geschichte an, eine assoziative Lesbarkeit, die zu einer Ermittlungsarbeit führt, um das Gesetz in verschiedenen, unerwarteten Kontexten gegenzulesen und es so in eine unordentliche,aber dennoch evidente Rechtsprechung zu überführen. Dabei rückt die Wahrheitsbedingung der Aussagen in den Fokus und nicht ihre juristische Lösung:
Dem Prozeß des Rechts vergleichbare Arbeitsformen der Erkenntnis gibt es nicht. Die, die es gibt sind arbeitsteilig abgespalten (z.B. Intelligenzarbeiter, Philosophen). Geltung der Erkenntnis steht nicht wie Geld, Ware und Recht in einer unmittelbaren Beziehung zur Bestätigung der Existenz. Menschen sind von Natur aus unsachlich. Wir vergleichen die Methoden, wie versucht wird, Recht zu finden, auf den verschiedenen Stufen der Geschichte mit dem Interesse, Anhaltspunkte für einen ähnlich intensiven Prozeß der Wahrheitsfindung zu ermitteln.[161]
Dieser anhaltende Prozess der Wahrheitsfindung, der über dem Verfahren der Rechtsauslegung bei Kluge steht, ist im Grunde ein literarisches Beschwerde-Verfahren, das immer wieder die nächsthöhere Instanz aufruft bzw. das nächste Buch, das einen neuen Zusammenhang zum berichteten Fall herstellt. Die Beschwerde ist in Kluges Texten immer der unabgeschlossene Fall und die Konfrontation. Sie hält das Gesetz in Bewegung, ohne die es unmöglich wäre, abschließend zu urteilen.
Auch in den aktuellen Publikationen von Alexander Kluge tritt die Beschwerde in unterschiedlichen Formen auf.Ausgangspunkte für die Untersuchung der veränderten politischen Lage nach dem Satz: »Der Krieg istwiederda«,suchtKlugeindenKriegsjahren1918,1942/43undschließlich im Krieg Russlands gegen die Ukraine 2022. Der Titel des in der Kriegsfibel 2023 enthaltenen Textes Ist das Teleskop oder die Träne die bessere Verstärkung des Auges? ist eine rhetorische Frage, die Kluges Text beantwortet:
Hier haben Sie eine Träne. Dahinter sehen Sie Licht aus dem Amsterdamer Hafen. Die Fähigkeit zu weinen ist etwas ganz Wunderbares. Das zeigt, dass wir von den Seetieren abstammen. Denn nur die können salzige Flüssigkeit von innen nach außen transportieren. Diese Fähigkeit, etwas Versteinertes in mir flüssig zu machen, das ist die Grundlage aller Musik. Die Kernform der Musik ist das Lamento, das Klagelied.[162]
Dieser Text trifft am besten den Begriff der Beschwerde, um die Poetik Kluges zu beschreiben.Es ist eine melancholische Zustandsbeschreibung, die trotz der Traurigkeit des Beschwerens auch eine Bewegung vollzieht – vom Festen zum Flüssigen, vom Optischen zum Emotionalen, vom Klagenden zur Selbstermächtigung. Die Transformation des Klagens in die Stärke des Selbst findet dabei oft durch bestimmte Tiere statt,dieinderMethodologieKlugeseinegroßeRollespielen.Fürdiegeschichtlichen Wandlungsprozesse stehen dabei das Mammut, oder der Elefant,während als Figur für die Traurigkeit und den Tod der Maulwurf in den Geschichten auftritt. In Geschichte und Eigensinn kann er jedoch auch als Tier für die Revolution verstanden werden.Die Meerestiere verweisen auf das Motiv der Sehnsucht und Wehklage.
Meine Ausführungen zum Beschwerde-Verfahren in Kluges Texten sollten keine Vollständigkeit oder Aufzählungen der Beschwerde-Momente als bloßes Motiv darlegen. Es ging darum zu zeigen, wie die Beschwerde in Kluges Texten als poetisches Verfahren zur Kritik an juristischen und verwaltungsrechtlichen Prozessen wird und wie es durch den Einzelfall, der einer Beschwerde zugrunde liegt, eine Diffusion des gesprochenen Rechts geben kann, die produktiv für die Rechtsprechung ist und sie in Bewegung bringt. Diese Bewegungen (oder auch Lernprozesse), die Kluges Texte oft als poetische Methode in seine Texte einbindet, lassen auch zu, dass Themen, die noch nicht vom Recht bzw. der Gesetzgebung erkannt worden sind (also noch nicht als Entscheidung einer Institution zugrunde liegen) als direkte Beschwerde ihren Weg in den Diskurs um Gerechtigkeit und Verhandelbarkeit erhalten: sei es in der musikalischen Gattung des Lamentos, als Träne in einer Kurzgeschichte, oder als rezitiertes und eigensinniges Knie. Dieses eigene Rechts-Instrumentarium Kluges führt dazu, die Rechtsmittel genauer auszuleuchten und sie bis an ihre Grenzlinien zur Aufführung bzw. Überschreitung zu bringen. Diese kurzen Dienstwege der poetischen Beschwerde ermöglichen eine genaue Erörterung aktueller politischer Fragen,die Kluge in dem Interview mit Rainer Stollmann auf die Frage »Was würdest Du dem Bundeskanzler raten?«,so beantwortet:
Ich könnte aber einen Politiker auf Abwege führen in einer Pause – wenn du mir eine Dreiviertelstunde gibst, so dass er aus der Pause kommend, einen neuen Einfall hat. Also das könnte ich sogar sehr leicht. Scholz ist ein kühles Temperament. Nehmen wir mal an, Habeck hörte mir eine Viertelstunde zu, dann könnte ich ihm erzählen, dass in der Antike ein Theoros, ein Theoretiker, ein Mann ist, der nicht selber verhandeln soll, der aber eine Gesandtschaft seiner Stadt in eine fremde Stadt begleitet. Er hat drei Aufträge. Er soll erstens feststellen, ob die Fremden überhaupt verstehen, was die Gesandtschaft sagt. Dann soll er prüfen, ob die Fremden lügen oder die Wahrheit sagen. Dann soll er vor allen Dingen gucken, ob die eigenen lügen oder die Wahrheit sagen. Das Interessante ist, ob die eigenen lügen. Das sind die drei Aufgaben des Theoretikers, die fordern ein anderes Unterscheidungsvermögen als das der Verhandler, die aktiv und bang sind. Das ist also der Beobachter in einem ganz präzisen Sinne. Habeck ist intelligent genug, um so was zu verstehen. Nach einer Weile könnte er diese Gewohnheit, selber in sich den Theoretiker wachzurufen, Lebendigkeiten während einer Verhandlung herzustellen, praktizieren. Er würde wie ein zweites Ich neben sich sitzen können, während sein Ich voll beschäftigt verhandelt.[163]
Amtsgerichtliche Personalakten über den Referendar Ernst Alexander Kluge, August 1953, Aktenzeichen I K176. Amtsgericht Wiesbaden, Verwaltungsabteilung.
Augsberg, Ino: Die Lesbarkeit des Rechts. Texttheoretische Lektionen für eine postmoderne juristische Methodologie, Weilerswist 2020.
Becker, Hellmut und Kluge, Alexander: Kulturpolitik und Ausgabenkontrolle. Zur Theorie und Praxis der Rechnungsprüfung, Frankfurt a.M. 1961.
Dahs, Hans: Die Revision im Strafprozeß. Bedeutung für die Praxis der Tatsacheninstanz, 6. Aufl., München 2001.
Dahs, Hans: Die Revision im Strafprozeß. Bedeutung für die Praxis der Tatsacheninstanz, 7. Aufl., München 2008.
Derrida, Jacques: Préjugés: Vor dem Gesetz, Wien 2010.
Harasser, Karin: Singularität und lange Dauer. Alexander Kluges idiosynkratische Filmtheorie der Geschichte, in: Christian Schulte und Alexander Kluge (Hg.): Die Frage des Zusammenhangs: Alexander Kluge im Kontext, Berlin: Vorwerk 8 2012, S. 64–81.
Klaut, Manuela: Arbeit am Zusammenhang – Kluges Poetik des Falls (2023), unter: https://pub-data.leuphana.de/frontdoor/index/index/docId/1299
Kluge, Alexander: Lernprozesse mit tödlichem Ausgang, 2. Auflage, Frankfurt a.M. 1974.
Kluge, Alexander: Chronik der Gefühle, 1. Aufl. Frankfurt a.M. 2004, Lebensläufe, S. 742.
Kluge, Alexander: Das fünfte Buch –neue Lebensläufe: 402 Geschichten, Berlin 2012, S. 99.
Kluge, Alexander: Kriegsfibel 2023, Berlin 2023, S. 121.
Mund, Verena: Mädchenname,in: Christian Schulte (Hg.): Die Schrift an der Wand – Alexander Kluge: Rohstoffe und Materialien, Göttingen 2012, S. 363–389.
Negt, Oskar und Kluge, Alexander: Geschichte und Eigensinn, Frankfurt a.M. 1981, S. 489.
Negt, Oskar und Kluge, Alexander: Maßverhältnisse des Politischen. 15 Vorschläge zum Unterscheidungsvermögen, Frankfurt a.M. 1993, S. 2.
Streckhardt, Christoph: Kaleidoskop Kluge. Alexander Kluges Fortsetzung der kritischen Theorie mit narrativen Mitteln, Tübingen 2016.
Walzer, Dorothea: Arbeit am Exemplarischen. Poetische Verfahren der Kritik bei Alexander Kluge, Paderborn 2017.
Weidemann, Jürgen: Die Stellung der Beschwerde im funktionalen Zusammenhang der Rechtsmittel des Strafprozesses, Berlin 1999.
Kluge, Alexander: Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte, in: Sämtliche Kinofilme, 2007.
Kluge, Alexander: Deutschland im Herbst (1978) & Die Patriotin (1979), München 2016.
Kluge, Alexander feat KHAVN de la Cruz, Happy Lamento, 2018.
Kluge, Alexander: Abschied von gestern (1966) & Gelegenheitsarbeit einer Sklavin (1973), München 2020.
Durch die Sonne, in: Der Spiegel (16.1.1972), unter: https://www.spiegel.de/kultur/durch-die-sonne-a-b62c8ce8-0002-0001-0000-000043018864 (29.5.2023).
Zur Semantik der Schwere im Begriff der Beschwerde
Johannes F. Lehmann
»Klagen, nichts als Klagen!, Bittschriften, nichts als Bittschriften!«,[164]so klagt Hettore Gonzaga, Prinz von Guastalla, zu Beginn des Bürgerlichen Trauerspiels Emilia Galotti von Gotthold Ephraim Lessing. Das Stück setzt ein mit dem Bild eines Fürsten bei der Arbeit, sitzend an seinem Schreibtisch, der von zu erledigenden Suppliken überhäuft ist. Die gängige Praxis der Frühen Neuzeit, dass Untertanen ihre Beschwerden den Regierungen, entweder mündlich oder schriftlich, zu Gehör bringen konnten, führte im 18. Jahrhundert zu einer derartigen Fülle an Supplikationen, dass man, wie Andreas Würgler formuliert, sich nur darüber wundern kann, was »Regierungen und Magistrate – außer Suppliken zu beantworten – sonst noch gemacht« haben.[165]Die Begriffe zur Bezeichnung verschiedener Typen und Formen von Eingaben schwankten in der gesamten Frühen Neuzeit und wurden auch nicht streng terminologisch verwendet: Beschwerden, Landes-Beschwerden, Bitten, Gravamen, Klagen, Petitionen, Revisions-Bitten (oder Revisions-Gravamen bzw. Revisionis Petitio), Supplica, Supplicationen (Protestation, Appellation), Wünsche (Desideria) u.a. Für die Entwicklung moderner Verfassungen hat diese Form eines kooperativen Austauschs zwischen Regierten und Regierungen eine nicht zu überschätzende Rolle gespielt.[166] Die historische Forschung hat gezeigt, dass Gravamina und Suppliken, Beschwerden und Petitionen mitunter zu Gesetzesänderungen geführt haben und dass Ständevertretungen durch Gravamina einen enormen politischen Druck erzeugen konnten. Das Bild des passiven Untertanen trügt.
Dieses mittelalterliche und frühneuzeitliche Beschwerde- und Petitionsrecht »hat sich bis heute in gewandelter Gestalt und Funktion erhalten.«[167] Natürlich fehlt heute im Rahmen demokratischer Ordnung das hierarchische Gefälle zwischen »›demütiger Untertänigkeit‹ und ›herrscherlicher Gnade‹« und jedermann steht das Recht zu, sich mit Beschwerden an zuständige Stellen zu wenden.[168] Das Beschwerderecht ist das Rückgrat des staatlichen Rechtsschutzes. In einem Artikel über das Beschwerderecht aus dem Jahr 1860 heißt es:
Der Staat verheißt allen Rechten seiner Angehörigen Anerkennung und Schutz und realisiert diesen durch seine Behörden theils von Amts wegen, theils auf Anrufen der Betheiligten. Um die Gewähr dafür zu haben, daß dieser Schutz nicht verweigert, sondern überall in gehöriger Art und zu rechter Zeit gewährt werde, räumt die Gesetzgebung den Betheiligten das Beschwerderecht ein.[169]
Während Begriffe wie Gravamina und Supplikationen nach der Französischen Revolution schnell aus der Praxis und dem Sprachgebrauch verschwanden,[170] sind Begriffe wie Petition und Beschwerde bis heute im juristischen Diskurs gängig. Das grundsätzliche Beschwerderecht ist in Deutschland in Artikel 17 des Grundgesetzes geregelt: »Jedermann hat das Recht,sich einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen schriftlich mit Bitten oder Beschwerden an die zuständigen Stellen und an die Volksvertretung zu wenden.«[171]
Die auf das lateinische ›Gravamen‹ zurückgehende Begrifflichkeit von ›Beschwerde‹ und ›Beschwer‹ fokussiert das Schwere von Lasten.Im Etymologischen Wörterbuch des Deutschen heißt es im Artikel »Beschwerde«:
beschweren Vb. ›belasten‹, ahd. biswāren ›bedrücken, belasten‹ (10. Jh.), mhd. beswæren ›bedrücken, belästigen, betrüben‹ gehört wie das gleichbed. Simplex ahd. swāren (8. Jh.) zu dem unter schwer (s. d.) behandelten Adjektiv. – sich beschweren ›Klage führen‹, eigentlich ›sich (wegen einer Sache) belasten, sich Sorgen machen‹, daher ›sich über etw. Drückendes beklagen‹, seit dem 14. Jh. gebräuchlich.[172]
Das Schwere ist in diesem buchstäblichen Sinne die Voraussetzung für das Sich-Beschweren, wenn es eigentlich bedeutet, sich wegen einer Sache zu belasten. Die Metapher der Schwere und des Lastenden ist auch die Voraussetzung für die Rechtsbeschwerde: Im deutschen Recht gilt für den engeren Begriff der Rechtsbeschwerde als einem Rechtsmittel gegen gerichtliche Entscheidungen die Regel, dass die Zulässigkeit einer förmlichen Beschwerde nur dann gegeben ist, wenn die sogenannte ›Beschwer‹ vorliegt, d. h. wenn eine Entscheidung, gegen die man Beschwerde einlegt, den Betroffenen tatsächlich selbst belastet bzw. beschwert. Ohne von einer Entscheidung beschwert zu sein, darf man sich nicht beschweren. Die ›Beschwer‹ bildet auch heute noch die »Rechtszugsvoraussetzung […].«[173]
Dass aber auch das reflexive Sich-Beschweren etwas Schweres und Belastendes darstellt, ein Sich-wegen-einer-Sache-Beschweren, eine Last empfinden, sich mit einer Sache belasten, wird gestützt von der benachbarten Verwendung, gemäß der die Beschwerde selbst das Tragen einer Last, Mühe und Anstrengung heißen kann. Nochmal das Etymologische Wörterbuch:
Beschwerde, f. ›Mühe, Anstrengung‹ (gewöhnlich im Plural), auch ›körperliche Leiden, Schmerzen‹, ahd. biswārida (10. Jh.), mhd. beswærde ›Bedrückung, Kummer, Betrübnis‹, Abstraktum zum Verb. In der Bedeutung ›Klage‹ (15. Jh.) schließt es an den reflexiven Gebrauch von beschweren an (s. oben). beschwerlich Adj. ›mühevoll, anstrengend‹ (Anfang 16. Jh.).
Auch über die im engeren Sinne juristische Regelung der Beschwer hinaus leuchtet es ein, dass das Sich-beschweren selbst eine Beschwernis darstellt, dass man mit der Beschwerdeführung sozusagen eine Last auf sich nimmt. In Zedlers Universallexikon wird in diesem Sinne auch »die LastoderBeschwerdeeinerKlage« angeführt,die»OneraActionis[…].«[174]Die Beschwerde, so lässt sich zunächst schlussfolgern, beschwert sich über etwas Schweres, Lastendes, Drückendes und sie ist zugleich selbst etwas Schweres, Beschwerliches, Belastendes und Mühevolles. Im Artikel »Last, Bürde, Beschwerde, Belasten, Belästigen« in Gottscheds Beobachtungen über den Gebrauch und Misbrauch vieler deutscher Wörter und Redensarten heißt es über die doppelte Semantik der Beschwerde: »Eine Beschwerde aber kann man theils fühlen, empfinden, und gewahr werden; theils selbst über etwas führen, d.i. Klagen anbringen.«[175]
Beschwerde hat im Deutschen eine doppelte lateinische Entsprechung.ZumeinenübersetztesdaslateinischeOnus,Last,Beschwerung, Bürde.[176] Im Artikel Persönliche Beschwerden heißt es in Zedlers Universallexikon: »Onera personalia, sind gewisse Bürden oder Beschwerungen, so eines Landes Unterthanenen [sic!] oder mit denselben Vereinigte zu dessen Nothdurfft zu tragen haben, und bestehen lediglich in gewissen persönlichen Dienstleistungen, als Frohnen, Wachen, u.d.g.«[177] In Adelungs Grammatisch-kritischen Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart wird die Bedeutung von Beschwerde im Sinne von Last und Bürde als erste angeführt: »In dieser Bedeutung werden alle diejenigen thätigen Verbindlichkeiten der Unterthanen gegen ihre Obrigkeit Beschwerden genannt, weil man sie schon von den ältesten Zeiten an als eine Last angesehen hat.«[178] Auch der Begriff Gravamen bzw.plural Gravamina bedeutet, abgeleitet von lat. gravis, das Belastetsein mit etwas Schwerem, zu deutsch »Beschwer«: Der Begriff
bezeichnet zum einen reguläre Belastungen innerhalb bestehender Rechtsverhältnisse wie persönliche Dienst- und Leistungspflichten und dingliche Lasten (Fronen, Zinse, Reallasten, Hypotheken, Steuern, Zölle), zum andern tendenziell im Sinne einer Bedrückung eher willkürlich auferlegte oder erhöhte persönliche und materielle Belastungen.[179]
Erst in der zweiten bzw. dritten Bedeutung erscheint ›Beschwerde‹ im heute dominierenden Sinne von lat.»querela,beschwerde führen«,[180] als, wie es bei Adelung im Artikel Beschwerde heißt, »Äußerung dieser unangenehmen Empfindung durch Worte; doch nur in engerer Bedeutung, von einer solchen Äußerung über das unrechtmäßige Verhalten anderer bey einem Obern, dagegen das Verbum sich beschweren in weiterer Bedeutung gebraucht wird.«[181] Auch Gravamina bezeichnen sowohl ein Beschwertsein von Lasten oder Überlasten als auch die Praxis der Kundgabe dieses Beschwertseins, wobei Würgler die letztere Bedeutung als eigentliche bezeichnet: »Gravamina im eigentlichen Sinne sind also kollektiv verfaßte Beschwerden, Klagen und Wünsche, die an speziellen institutionalisierten Gelegenheiten – meist Ständeversammlungen – gegenüber der Obrigkeit/Regierung schriftlich formuliert wurden.«[182]
Selbst das reflexive Sich-Beschweren hat laut Grimmschem Wörterbuch eine doppelte Bedeutung: Im Artikel ›Beschweren‹ werden zunächst drei Bedeutungen von ›sich beschweren‹ aufgeführt, die reflexiv, aber intransitiv sind: »a) sich belästigen, bemühen: beschwere dich nicht damit. b) sich bekümmern, das herz schwer machen […] c) sich beschwert fühlen (gravari) und weigern.«[183] Erst als vierte,transitive Variante wird »die heute vorwaltende bedeutung von queri,expostulare, sich beschweren = sich beklagen, klage, beschwerde führen«[184] genannt.
Inwiefern kann man die Dynamiken von Beschwerden vor diesem Hintergrund einer Semantik der Schwere begreifen? Welche Einsichten über das soziale Imaginäre entbindet eine Analyse der historischen und gegenwärtigen Semantik der Schwere? Fraglos gibt es in anderen Sprachen und auch im Deutschen Beschwerdesemantiken, die nicht die Sache des Beschwertseins oder eine beschwerende Last ins Zentrum stellen, sondern den Akt der Kommunikation. So wird in Begriffen wie Bitten (flehentlich Bitten), Klagen (Wehklagen), englisch complaint, frz. complaindre die akustische und gestische Dimension (untertänig, kniefällig bitten) der Beschwerde hervorgehoben. Die akustisch-gestische Dimension zielt auf die kommunikative Situation von Sprecher und Hörer, sie stellt das Ersuchen um Gehörtwerden (oder um eine Anhörung) ins Zentrum sowie das Lautwerden der Klage – und damit die Frage nach den Kommunikationsbedingungen und Wertungen klagender Verlautbarungen.[185]
Kleist hat in seinem Fragment gebliebenen Drama Guiskard. Herzog der Normänner diese Dimension eindrücklich in Szene gesetzt. Der Text spielt im Heerlager Guiskards, das vor Konstantinopel liegt und in dem die Pest wütet. Die erste Szene zeigt das Volk in »unruhiger Bewegung«, wie es vor das Zelt des Feldherrn Guiskard zieht, um Guiskard mit einer Bitt- und Beschwerderede zur Heimkehr aufzufordern. Das Volk ist gekommen, um Guiskard, »den Felsen zu erschüttern«, den »angstempört die ganze Heereswog’/Umsonst umschäumt!«[186] In finsteren Bildern wird das Wüten der Pest geschildert und der Tod, der »mit ausgreifenden Entsetzensschritten« alle ergreifen werde, »[w]enn er [Guiskard] der Pest nicht schleunig uns entreißt […].« (V. 10) Der Text kreist in dieser und in den nächsten Szenen um die Artikulationsform der hier vorgebrachten Klage und verhandelt dies als ein akustisches Problem von Volksbegehren, stellvertretenden Sprechern und dem gesuchten Hörer. Das Volk »heult,/Gepeitscht vom Sturm der Angst und schäumt und gischt,/dem offnen Weltmeer gleich« (V. 38–39), das heißt, es steht auf der Schwelle zu »Rebellion« (V. 46) und »Empörung« (V. 61). An die Stelle des rebellischen Rauschens der Stimmen des Volkes soll schließlich auf Vorschlag eines Normannen ein Greis treten, der »die Stimme führen« (V. 48) soll. Die Beschwerde und ihre politische Form werden als ein Drama um die akustische und die politische Artikulation vorgeführt:
Du sollst, du würd’ger Greis, die Stimme führen,
Du Einziger und keiner sonst. Doch wenn er
Nicht hört, der Unerbittliche, so setze,
Den Jammer dieses ganzen Volks, setz’ ihn,
Gleich einem erznen Sprachrohr an, und donn’re,
Was seine Pflicht sei, in die Ohren ihm –!
Wir litten, was ein Volk erdulden kann. (V. 48–54)
Auch im Weiteren dominieren die Begriffe der stimmlichen Artikulation, »Flehn«, »viel Zungen«, die durch Lärm gestörte »Stille der Nacht« (V. 60, 64, 68) etc. Helena, die Tochter des Guiskard, die im dritten Auftritt aus dem Zelt kommt und die Menge mit ihrem Klagelärm in die Schranken weisen will, nimmt noch einmal die Metapher des rauschenden Meers auf, das sie als ungebührliche Beschwerdeform zurückweist: »Ein Volk, in soviel Häuptern rings versammelt,/Bleibt einem Meere gleich, wenn es auch ruht,/Und immer rauschet seiner Wellen Schlag.« (V. 104–106)
So sehr die Klage- und Beschwerdedynamik hier ein Drama vom Lautwerden, von der Laut- als Formgebung (Stimmführung statt Rauschen und Wellenschlag) und vom Gehört-/Nicht-Gehörtwerden ist, so ist der Gegenstand der klagenden Beschwerde ganz buchstäblich das Schwere und die Bitte um seine Aufhebung. In seiner Rede vor Guiskard beschreibt der Greis das Wüten der Pest als ein Sinken unter einer schweren und erdrückenden Last, mithin als ein Geschehen auf einer vertikalen Achse zwischen Unten und Oben,zwischen versagender Kraft und lastender Schwere der zur Erde gravitierenden kranken Körper.
Die Semantik und Motivik von lastender Schwere und Kraftlosigkeit prägt zunächst die zentrale Szene des Fragments, in der das Gerücht umgeht, Guiskard selbst sei pestkrank, und in der er schließlich auftritt. Sinken und Aufstehen bilden auch hier die Oppositionsachse, mittels derer Kraft als Schwerkraftüberwindung in Szene gesetzt wird und Krankheit als Erliegen unter einer Last. So geht die Rede, Guiskard habe auf die Frage nach seinem Befinden geantwortet: »›erträglich! –/ Obschon ich die Giganten rufen möchte,/Um diese kleine Hand hier zu bewegen.‹« (V. 349–350).Als Guiskard schließlich vor dem Volk erscheint, werden zunächst seine Kraft und seine vitale Vertikalität betont: »Dem weitgewölbten Haupt drückt er, mit Kraft,/Den mächtig-wankend-hohen Helmbusch auf!« (V. 404–405). Er selbst betont seine Immunität gegen die Pest und dass es kein Leichtsinn sei, wenn er die Berührung mit Kranken nicht scheue. Dann aber, gerade als der Greis sagt, dass er wisse, dass Guiskard die Verantwortung zu tragen habe und »die Not so schwer« (V. 485) auf ihm ruhe,gerade in diesem Momentbekommt Guiskard einen Schwächeanfall und sein Fall kann nur durch eine ihm schnell untergeschobene Heerpauke als ein Hinsetzen aufgefangen werden. Im Moment, in dem das Volk den Herrscher um Aufhebung der drückenden Schwere durch die Pest bitten will, sinkt der Herrscher unter ebendieser Last nieder. Die Beschwerderede, die dann folgt und vom Tod der Pest handelt, inszeniert exakt dieses Schwere und Lastende des Pesttodes, das als »des Schicksals Hand so schwer« (V. 495) auf dem Volk ruht:
Du weißt’s, o Herr – und wem ist’s so bekannt?
Und auf wem ruht des Schicksals Hand so schwer?
[…]
Und täglich, wie vor Sturmwind Tannen, sinken Die Häupter deiner Treuen in den Staub.
Der Hingestreckt’ ist’s auferstehungslos, Und wo er hinsank, sank er in sein Grab. Er sträubt, und wieder, mit unsäglicher Anstrengung sich empor: es ist umsonst!
Die giftgeätzten Knochen brechen ihm,
Und wieder nieder sinkt er in sein Grab. (V. 494–510)
Die Auferstehungslosigkeit ist hier eine buchstäbliche des sterbenden Niedersinkens, wenn die von der Krankheit Niedergedrückten sich mit äußerster Anstrengung gegen das Sinken emporsträuben und doch wieder niedersinken in das Grab. Der Todeskampf erscheint als ein Brechen der Knochen unter der Last des eigenen Körpers und unter der Hand des Schicksals. Die an den Souverän gerichtete Beschwerde, die hier sprachliche Form gewinnt, beschwert sich über Schweres und Lastendes. Die Semantik der Schwere grundiert auch hier das Berechtigungsgefühl zur Beschwerde, sie artikuliert ein übermäßiges Beschwertsein von zu schwer Lastendem. Die der Beschwerde zugrundeliegende Ordnungsvorstellung ist hier – im Ausnahmezustandes des Krieges – eine, die die Vermeidung von erdrückender, letztlich tödlicher Überlast einklagt.
Für den Grund von Beschwerden ist die Semantik von Last und Schwere erhellend, da in dem Verweis auf die zu tragende Überlast eine Vorstellung der gerechten Ordnung oder zumindest der überhaupt geordneten Verteilung von Lasten impliziert ist. Der Terminus der Beschwerde mit seiner Semantik der Schwere und der Vorstellung von Gesellschaft als rechtmäßiger bzw. geordneter Verteilung von Lasten, Abgaben und Auflagen verbindet Vormoderne und Moderne. Herrschaft zeichnet sich in Europa und im gesamten westlichen Denken dadurch aus, so Giorgio Politi, dass jeder, der Herrschaft ausübt, dies nur unter der Bedingung tun konnte, »daß er jemanden Rechenschaft darüber ablegte.«[187] Die Bindung der Herrschaft an ein wie auch immer gefasstes Ideal von Transzendenz oder Ordnung ist der Hintergrund für die intensive Entwicklung von Bittschriften und Petitionen, Gravamina und Supplikationen. Ihr Kerninhalt lässt sich in Begriffen der Belastung und der Beschwerung fassen,die den Beschwerten und Sich-Beschwerenden außerhalb der Ordnung zu sein scheinen.
Wenn die Französische Verfassung im Jahr 1791 in ihrem zweiten Artikel die Gleichverteilung von Lasten zur Grundlage der neuen Ordnung macht und bestimmt, »daß alle Abgaben auf alle Bürger gleichmäßig unter Berücksichtigung ihrer Vermögensverhältnisse verteilt werden«[188]sollen, dann ist das ein Bruch mit der Tradition nur im Hinblick auf die Ausgestaltung der Lastenverteilung (prinzipielle Gleichheit der Bürger in Berücksichtigung ihrer Leistungsfähigkeit, Abschaffung von Adel und Privilegien), nicht aber im Hinblick auf das Prinzip einer ordnungsgemäßen Verteilung von Lasten überhaupt.[189] Auch in der Moderne ist die Vorstellung einer rechtmäßigen Lastenverteilung, gerade von Steuerlasten, ein Grundprinzip sozialer Gerechtigkeit, die die »gerechte Verteilung von Gütern und Lasten«[190] betrifft. Machtfragen spielen allerdings weiter eine Rolle. Max Weber etwa schreibt in Wirtschaft und Gesellschaft: »Im übrigen ist natürlich die Art der Lastenverteilung im stärksten Maße mitbestimmt einerseits durch die Machtlage der verschiedenen Gruppen innerhalb einer Gemeinschaft zueinander, andererseits durch die Art der Wirtschaftsordnung.«[191]Überall gibt es Lastendes, Drückendes, Schweres, zu Tragendes und Kräfte, die das entweder schaffen oder nicht. Immer droht die Überlastung, die Überforderung der Kräfte – und in diesem Fall beschweren sich die derart Überlasteten und fordern Erleichterung. Beschwerden, wie sie etwa in dörflichen Kontexten den Alltag noch im 19. Jahrhundert bestimmten, betreffen ganz wesentlich die ungleiche Lastenverteilung und den »Modus der ›Repartition‹«[192]. Über »Repartition«, die gerechte Aufteilung der Belastungen, wird seit Beginn des 19. Jahrhunderts auch im Zusammenhang mit Kriegsschäden und Kriegsfolgen nachgedacht: »Wer soll den durch den Krieg veranlaßten Schaden tragen? Muß ihn jeder, den derselbe trifft, als bloßen Zufall empfinden? oder sind Gründe und Ursachen vorhanden, welche den Schaden wo nicht gänzlich von ihm abwälzen, doch gleichmäßig unter Andere vertheilen?«[193] Auch im vermutlich kriegsintensivsten Jahrhundert der Weltgeschichte, im 20. Jahrhundert, war die Frage des gerechten Lastenausgleichs nach dem Zweiten Weltkrieg gerade für Deutschland eine zentrale Frage. Im sogenannten Lastenausgleichsgesetz, das am 14. August 1952 in der BRD in Kraft trat, ging es um »einen die Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit und die volkswirtschaftlichen Möglichkeiten berücksichtigenden Ausgleich von Lasten«,[194] wie es in der Präambel des Gesetzes heißt,[195] um Lasten mithin, die durch Kriegsschäden und -folgen verursacht waren (Bomben, Vertreibung, Flucht und Währungsunion 1948). Nach dem Fall der Mauer 1989 wiederum forderte etwa Günter Grass in einem Essay mit dem Titel »Deutscher Lastenausgleich« die Anerkennung der Lasten des Zweiten Weltkriegs, die insbesondere die DDR-Bürger zu tragen gehabt hätten. Auf dem »kleineren deutschen Staat« habe die »Last des verlorenen Krieges weit mehr, als gerecht sein kann«, gedrückt. Daher handele es sich um einen »gerechten, überfälligen und selbstver-ständlichen Lastenausgleich«,[196] der realisiert werden müsse. Mit der Figur des Jammerossis wurde dieser Perspektive allerdings eine andere entgegengestellt, die Beschwerden des Ostens über Benachteiligungen als bloßes Gejammer denunzierten.[197]
Begriffsgeschichtlich lässt sich eine Dominanzverschiebung der beiden Bedeutungen von Beschwerde verzeichnen. Während in der Frühen Neuzeit bis etwa um 1800 die Bedeutung von onus, Last,vorherrscht, entwickelt sich seit dem 19. Jahrhundert die Grundbedeutung von querela zur Hauptbedeutung. Schaut man auf die Lexikoneinträge zum Begriff ›Beschwerde‹ im Brockhaus und im Meyer im 19. und frühen 20. Jahrhundert, sieht man, dass zunächst »onus« als die erste Bedeutung genannt wird und »querela« als die zweite.[198] Im Brockhaus der Ausgabe des Jahres 1895 entfällt der Verweis auf onus ersatzlos. Die Beschwerde ist nurmehr das »Gesuch an die Oberbehörde,eine nachteilige Maßregel der untern aufzuheben.«[199] Diese Bedeutung wird dann in verschiedenen Bereichen entfaltet: Zivilprozess, Konkursverfahren, Strafprozess, Justizverzögerung und Militär. Meyers Großes Konversationslexikon definiert zeitgleich Beschwerde nur noch im Sinne von querela: »Beschwerde, im allgemeinen jede Klage über eine angeblich verletzende Handlungsweise, namentlich über das Vorgehen eines Vorgesetzten, über eine obrigkeitliche Anordnung oder über die sonstige Maßregel einer Behörde.«[200] Im Zuge der Bürokratisierung von Herrschaft wird die Beschwerde nurmehr als Element innerhalb der Bürokratie gefasst. Diese Struktur der Artikel zur Beschwerde bleibt mit Variationen bis heute erhalten. Gemäß dem Meyerschen Konversationslexikon von 1972 sind Beschwerden sowohl formlose Eingaben (wie zum Beispiel Dienstaufsichtsbeschwerden) als auch das »förml. Rechtsmittel gegen (meist weniger wichtige) Gerichtsentscheidungen (Beschlüsse, Verfügungen, Anordnungen) und einzelne Behördenakte.«[201] So sehr aber die moderne Welt erfüllt ist von lauten Beschwerden, Klagen, Protesten und Petitionen im Rahmen von Bürokratien, so sehr geht es doch weiterhin – als Gegenstand und Anlass von Beschwerden – substantiell um die Verteilung von Lasten und Beschwerungen.
Die Lasten des Klimawandels etwa, so hat es das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung am 24.3.2021 verfügt, sollen nicht allein von den kommenden Generationen getragen werden. In der erfolgreichen Verfassungsbeschwerde gegen das Klimaschutzgesetz vom 19.1.2019 hat das Verfassungsgericht der Beschwerde stattgegeben, da die »hohen Lasten« des Klimawandels nicht einfach auf die Zeit nach 2030 verschoben werden dürfen.[202] Ziel ist jeweils die Erleichterung der eigenen Belastung durch ihre gerechtere Verteilung. Es gibt eine ganze Reihe von Lasten, die eine politische Gemeinschaft zu verteilen hat, im Wesentlichen sind es erstens Arbeitslasten, zweitens Steuerlasten, drittens Umwelt- und Gesundheitslasten und viertens Kriegslasten. Wobei sich das Feld der Ökonomie und der Arbeit als Kernbereich erweist, insofern Steuerlasten und Gesundheits- bzw. Umweltbelastungen wie zum großen Teil auch Kriegslasten letztlich ökonomisch fundierte Lasten sind.
Die zentrale Rolle der Arbeitslast lässt sich auch im Zentrum desjenigen literarischen Textes finden, der wie kein zweiter von Klagen und Beschwerden und deren Exzessen erzählt: Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist. Zwar gibt es in der Tat im Text eine Fülle von Eingaben und Beschwerden, die der in seinem Recht gekränkte Kohlhaas an die Obrigkeiten richtet, sozusagen ein Exzess von querela, weshalb Kohlhaas sowohl von den korrupten Junkern als auch gelegentlich von der Forschung als Querulant bezeichnet wird,[203] dennoch aber bildet das Problem der Arbeitslast den Nukleus des Konflikts um Passierschein, Pfand und Pferde. Die beiden Pferde, die der Junker Wenzel widerrechtlich als Pfand einbehält, werden namentlich zu »schwerer Feldarbeit« herangezogen, wobei sie unter dieser Arbeitslast fast zugrunde gehen und in diesem Zustand für Kohlhaas nicht mehr dieselben Pferde sind: »das sind nicht meine Pferde, gestrenger Herr! Das sind die Pferde nicht, die dreißig Goldgülden wert waren!«[204] Wenn sich Kohlhaas darüber beschwert, dass der Junker Wenzel seine Pferde zum Lastentragen oder Lastenziehen herangezogen hat, dann steht im Zentrum des Konflikts die Arbeit, d. h. Mühe, Anstrengung und Schwerkraftüberwindung sowie die Frage, wer sie zu leisten hat.[205] Während der Pferdehändler Kohlhaas aus der Perspektive des Schlossvogts zu den nicht-arbeitenden »filzigen Geldraffern«[206] gehört und die nicht-arbeitenden Junker die Pferde als Reittiere begehren, so sieht ihr Verwalter, der das Rittergut bestellen muss, Pferde vor allem als Arbeitstiere: »Der Junker, den der mächtige Schweißhengst sehr reizte, befragte ihn [Kohlhaas, J.L.] auch um den Preis; der Verwalter lag ihm an, ein Paar Rappen zu kaufen, die er, wegen Pferdemangels, in der Wirtschaft gebrauchen zu können glaubte«.[207] Der Pferdemangel in der Wirtschaft auf einem adligen Gut ist schließlich die Perspektive,die sich hier –gestützt auf das erpresserische »Märchen mit dem Paßschein« –durchsetzt,die Pferde werden von den Junkern und dem Schlossvogt als Pfand einbehalten und zur Arbeit verwendet. Der gesamte Konflikt und die widerrechtliche Benutzung der Pferde kreist um Arbeit und Lastentragen.
Kohlhaas soll stellvertretend für den Junker mittels seiner Pferde unentgeltlich die Lasten der Arbeit tragen, die auf dem Schloss des Junker Wenzels anfallen. Auf diese Weise beschwert nimmt Kohlhaas die Sache auf sich,belastet er sich mit einer ihn belastenden Sache und beschreitet den beschwerlichen Rechtsweg.Entgegen der im Rahmen eines funktionierenden Rechtsschutzes berechtigten Erwartung, dass es »zuständige Stellen« als Adressaten für Beschwerden und Petitionen gibt, findet Kohlhaas keine Adressen, die ihn ernst nehmen. Der Gewaltexzess auf seinem daraufhin eingeschlagenen Weg im Kampf ums Recht ist nicht Ausdruck eines wahnhaften Querulierens, sondern die Folge der Tatsache,dass die Position des Rechts,die als Adresse für Beschwerden anrufbar wäre, vakant ist.[208] Für eine geordnete bzw. rechtmäßige Lastenverteilung ist das Recht die entscheidende Garantie, weshalb die Kränkung von Rechten – neben Frondiensten, Lasten, Abgaben, Steuern etc. – immer schon im Begriff der Beschwerde (onus) enthalten war.[209] Das Recht wiederum kann Rechtsschutz nur garantieren, wenn das Beschwerderecht funktioniert.
Das Schwere und das Tragen von Lasten, das hier die Pferde über Gebühr belastet, ist der eigentliche Kern des sowohl physikalischen wie ökonomischen Begriffs der Arbeit und – vor allem der Arbeitskraft – wie er im 19. Jahrhundert entwickelt wird. Mit der begrifflichen Kopplung von ›Arbeit‹ und ›Kraft‹ ist eine entgrenzende Metaphorisierung des Schweren und seiner Hebung verbunden, die die Metaphorik des Sich-Beschwerens über Beschwerendes auch in der Moderne weiterhin plausibilisiert. Arbeitskraft wird im 19. Jahrhundert als Überwindung von Schwerkraft gefasst, sie ist nach Hermann von Helmholtz messbar als Heben des Schweren. So wird die Schwerkraft des fallenden Wassers genutzt, um das Gewicht eines schweren Hammers zu heben. Die so gewonnene lebendige Kraft des Hammers, die im Fallen frei wird, ist die Arbeitskraft im mechanischen Sinne: »Die Arbeit, welche die Maschine verrichtet, besteht also in diesem Falle darin, dass sie die Masse des Hammers hebt, zu welchem Ende sie die Schwere dieser Masse überwinden muss.«[210] Arbeitskraft arbeitet mit und gegen den Widerstand der Schwerkraft. Fasst man auf diese Weise Arbeitskraft als Heben von Lasten und Überwindung bzw. Nutzung von Schwere/ Schwerkraft, dann lässt sich dieses Modell problemlos totalisieren, weil disziplinenübergreifend nach dem Verhältnis von Kraft und Schwere bzw. Last gefragt werden kann: Einerseits geschieht diese Totalisierung im Hinblick auf tierische und menschliche Körper. Nichts in ihnen steht jenseits der Arbeitskraft – viele Wissensfelder, Anthropologie, Zoologie, Physiologie, Neurologie Biologie, Physik und auch Psychologie können im Hinblick auf die Frage nach der tierischen und menschlichen Arbeitskraft Antworten geben.[211] Das Grundmodell der Gravitation und des Verhältnisses von Kraft und Schwere wird bis auf die molekulare Ebene verfolgt.[212] Sämtliche Lebensprozesse im Körper – von der Ernährung bis zu den molekularen, chemischen Stoffwechselprozessen – folgen dem Gravitationsmodell von Kraft und Überwindung des Schweren. Die Arbeitskraft der Tiere wurde im 19. Jahrhundert bis in die Physiologie des Stoffwechsels hinein und die mechanische Analyse von Skelettbau, Schwerpunkt des Körpers und Verteilung der Muskelmasse analysiert.[213]Dass der menschliche Körper im Grunde immer arbeitet, da er schon durch seine bloße Vertikalität sich selbst als Last trägt, geht ein in die Versuche der arbeitswissenschaftlichen Bemühungen um die exakte Messung der Arbeitskraft und ihrer Ermüdung um 1900.[214]
Dass die Überlasten der Arbeit und ihre exorbitante Schwächung zu Beschwerdenführen,diedieRevolutionalsihredrohendeKehrseitemitführen, zeigt, in erstaunlicher Parallele zu Kleists Guiskard, der Roman Aus dem Leben einer Frau von Louise Aston aus dem Jahr 1847.[215] Ist es bei Kleist ein Greis, der die Stimme jener führen soll, die unter der Krankheitslast sich kaum mehr heben können, so sind es hier 12 alte Fabrikarbeiter, die, ausgemergelt und schwach bis zum Umfallen, sich beim Buchhalter über den zu kärglichen und daher lebensbedrohlichen Lohn beschweren:
Zwölf Männer aus der arbeitenden Klasse, dem Greisenalter nah, sichtbar abgemagert, mit eingefallenen, hohlen Augen, den Rücken krumm gezogen durch übermäßiges Arbeiten, die Hände voller Schwielen, um den elenden Leib einige Kleiderfetzen hängend, traten langsam, einer nach dem andern, ein.[216]
Während der Fabrikbesitzer Oburn nach der Devise »Das Volk muß gedrückt sein – der Druck ist sein Lebens-Element!«[217] den Lohn unterhalb die Schwelle der Erhaltung der Arbeitskraft gesenkt hat,ist es eben diese Überbeanspruchung der Arbeitskraft, die der Älteste der Fabrikarbeiter vor dem Buchhalter beklagt:
Sehen Sie unsere morschen, ausgemergelten Knochen – woher soll uns die Kraft kommen, Tag für Tag sechszehn Stunden zu arbeiten? Wir wollen daher alle einstimmig unsern Herrn bitten, uns wieder unseren früheren Lohn auszuzahlen. Sonst arbeiten wir alle nicht mehr! Noth kennt kein Gebot! Kommt keine Hülfe von oben, so müssen wir uns selbst helfen!« Fast drohend hatte der alte Mann die letzten Worte gesprochen, und schwieg hier erschöpft still. Seine Kniee zitterten, und schienen ihn nicht länger tragen zu können.[218]
Auch hier wird die Überlast des zu Tragenden, die der Beschwerde zugrunde liegt,performativ durch die kraftlosen Körper,die sich nicht einmal mehr selbst in der Vertikale halten können, in Szene gesetzt.
Die Semantik der Schwere in der Beschwerde ist schließlich auch verbunden mit einer Semantik des Leichten. Wo Schweres und Lastendes drücken, wünscht man sich Erleichterung, wo man schwere Lasten zu tragen hat, wünscht man sich, die Last möge leichter sein. Sich beschweren bedeutet, dass man eine Last auf sich nimmt, sich mit etwas Beschwerendem beschwert, um Erleichterung zu erwirken. Bereits die Artikulation des Beschwertseins schafft für den Sich-Beschwerenden womöglich Erleichterung, bringt sie doch das Drückende in eine Form, die es bereits qua Form leichter macht. Einerseits ist das Antigrave und das die Schwerkraft mit Leichtigkeit Überwindende – wiederum etwa bei Kleist, bei Schiller oder Kant – Inbegriff der Freiheit, der Schönheit und des anstrengungslosen Zusammenfalls von Pflicht und Neigung, sozusagen ein Paradies der Beschwerde- und Schwerelosigkeit.[219] Jenseits der Arbeit und jenseits der Kraftaufwendung zur Überwindung der Schwerkraft steht die Levitation als der utopische Ausdruck von antigraver Anmut und schwebendem Tanz.[220] Andererseits gibt es aber eine Perspektive auf Leichtigkeit, die auch das Leichte als Beschwernis denkt. Dem ästhetisch Leichten steht eine Semantik gegenüber, die in ihm das Unernste, das Leichtfertige, das bloß Anstrengungsvermeidende sieht. Gemäß dieser Logik belasten jene, die die Dinge zu leichtnehmen, die die Sache leichtfertigerweise nicht schwer genug nehmen, ebenfalls die Gemeinschaft und die Gleichverteilung von Lasten. Beschwerden richten sich dann gegen jene, die angesichts von allgemeinen Beschwernissen unbeschwert bleiben, die das Schwere auf die leichte Schulter nehmen.
Das Problem des Leichten ist hier das, was zugleich seinen utopischen, ästhetischen Reiz ausmacht, die Abwesenheit von Anstrengung, Mühe, Schwerkraftüberwindung, Arbeit etc. Das kann man im Übrigen auch kulturpolitisch wenden. Fichte etwa hat in seinen Reden an die deutsche Nation das neurömische Ausland abwertend mit dem Leichten verknüpft, die Deutschen dagegen mit Schwere und Gewicht: Während der ausländische Genius ein lieblicher Sylphe sei, der »mit leichtem Fluge über seinem Boden« schwebt, ist der »deutsche Geist ein Adler, der mit Gewalt seinen gewichtigen Leib emporreißt.«[221]
In der Tradition deutscher Schwere und deutschen Ernstes steht auch der Rechtskämpfer Kohlhaas, der nichts leichtnimmt, sondern seine Beschwer und seine Beschwerde so ernst, dass er sie, als sie von allen Instanzen zu leichtgenommen werden, in einen Kriegszug um das und um sein Recht münden lässt. Kohlhaas Insistenz verweist dabei auf drei Voraussetzungen, die für eine Rechtskultur der Beschwerde zentral sind und die in seinem Fall gestört sind. Erstens muss es überhaupt die Vorstellung geben, Lasten und ihre Verteilung seien rechtsförmig und gerecht zu organisieren. Der Junker Wenzel missbraucht seine Macht, um die Tiere des Rosshändlers mit schwerer Feldarbeit zu belasten. Zweitens muss es, wie im Artikel 17 des Grundgesetzes festgehalten, zuständige Stellen geben, die als Adressaten von Beschwerden fungieren und diese nicht aus Gründen von Korruption oder Vetternwirtschaft abweisen. Die Rechtswege, die Kohlhaas mit seinen Beschwerden beschreitet,entpuppen sich dagegen allesamt als Sackgassen.Und drittens gilt die Voraussetzung dessen, was im Recht Billigkeit genannt wird, das heißt die Anerkennung der Lasten und Beschwernisse, die jenseits des Rechts anfallen – und die Bereitschaft, Klagen über Überlasten ernst zu nehmen, ohne die Beschwerdeführer vor ab zu diskreditieren. Kohlhaas ist bereits, im Bewusstsein seiner Ohnmacht und seinen »Ingrimm« verbeißend, auf dem Weg, »das Raubnest mit den Pferden nur wieder zu verlassen«,[222] als der Schlossvogt erscheint und Kohlhaas als »Flegel« beschimpft und droht, ihn mit Hunden vom Hof zu jagen. Am Anfang des Beschwerdegangs Kohlhaasens steht so nicht eigentlich die Rechtsverletzung, sondern ihre verweigerte Anerkennung und ihre diskursive Verkehrung.
[Art.] Beschwerde, in: Brockhaus Konversations-Lexikon, Band. 2, Leipzig, Berlin und Wien 1895, S. 874–875.
[Art.] Beschwerde,in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Bd. 1, Leipzig 1853, Sp. 1602.
[Art.] Beschwerde, in: Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart, Bd. 1, Leipzig 1793, Sp. 908.
[Art.] Beschwerde, in: Meyers Conversations-Lexicon, Bd. 4, Hildburghausen 1845, S. 707.
[Art.] Beschwerde, in: Meyers Enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden, Bd. 4, Mannheim, Wien und Zürich 1972, S. 19.
[Art.] Beschwerde, in: Meyers Großes Konversationslexikon (6. Auflage, 1905–1909), Bd. 2, S. 753.
[Art.] Beschwerde, in: Wolfgang Pfeifer et al. (Hg.): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/etymwb/Beschwerde>, abgerufen am 26.04.2023.
[Art.] Munera, in: Johann Heinrich Zedler (Hg.): Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschaften und Künste (1732–1754), Bd. 22, Graz 1994 (=Nachdruck der Ausgabe Halle 1740), Sp. 819–829.
[Art.] Onus,in: Johann Heinrich Zedler (Hg.): Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschaften und Künste (1732–1754), Bd. 25, Graz 1994 (=Nachdruck der Ausgabe Halle 1740), Sp. 1485–1487.
[Art.] Persönliche Beschwerden, in: Johann Heinrich Zedler (Hg.): Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschaften und Künste (1732–1754), Bd. 27, Graz 1994 (=Nachdruck der Ausgabe Halle 1740), Sp. 667.
Aston, Louise: Aus dem Leben einer Frau, Hamburg 1847.
Fichte, Johann Gottlieb: Reden an die deutsche Nation. In: Fichtes Werke. Hg. von Immanuel Hermann Fichte, Bd. 7: Zur Politik, Moral und Philosophie der Geschichte, Berlin 1971, S. 257–499.
Fuchs, Margarete: Von Risiko, Schwindel und Balance. Circensische Äquilibristik, in: Eckart Goebel und Cornelia Zumbusch (Hg.): Balance. Figuren des Äquilibriums in den Kulturwissenschaften, Berlin/Boston 2020, S. 193–204.
Gaderer, Rupert: Querulieren. Kulturtechniken, Medien und Literatur. 1700–2000, Berlin 2021.
Giurato, Davide: »Wolf der Wüste«. Michael Kohlhaas und die Rettung seines Lebens, in: Nicolas Pethes (Hg.): Ausnahmezustand der Literatur. Neue Lektüren zu Heinrich von Kleist, Göttingen 2011. S. 290–306.
Gottsched, Johann Christoph: Beobachtungen über den Gebrauch und Misbrauchvieler deutscher WörterundRedensarten,Straßburgund Leipzig 1785, S. 166–167.
Grass, Günter: Deutscher Lastenausgleich. Wider das dumpfe Einheitsgebot. Reden und Gespräche, Frankfurt a.M. 1990.
Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949 (BGB1. S. 1), zuletzt geändert durch das Gesetz vom 11. Juli 2012 (BGB1. I S. 1478), in: Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland.Allgemeine Erklärung der Menschenrechte,Köln 2014,S. 7–145.
Härte, Benjamin: Der Lastenausgleich im Spiegel der zeitgenössischen deutschen Presse 1949 bis 1979, Bonn 2010.
Herker, Heinrich: Die Arbeiterfrage. Eine Einführung. Fünfte, erweiterte und umgearbeitete Auflage, Berlin 1908.
Isenmann, Eberhard: Gravamen (dt. Beschwer, Beschwerung, Beschwerde, engl. grievance; frz. doleance, ital. Gravame), in: Gert Ueding (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 3,
Sp. 1183–1188.
Jäger, Gustav: Die menschliche Arbeitskraft, München 1878.
Jochum, Georg: Zur historischen Entwicklung des Verständnisses von Arbeit, in: Fritz Böhle u.a. (Hg.): Handbuch Arbeitssoziologie, Wiesbaden 2010, S. 81–126.
Kleist von, Heinrich: Michael Kohlhaas, in: Klaus Müller-Salget (Hg.): Sämtliche Erzählungen, Anekdoten, Gedichte, Schriften, Frankfurt a.M. 2005, S. 11–142.
Kleist von, Heinrich: Robert Guiskard. Herzog der Normänner, in: Ilse-Marie Barth und Hinrich C. Seeba (Hg.): Heinrich von Kleist sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden, Bd. 1, Frankfurt a.M.
1991, S. 236–255.
Korfkamp,Michael: Beschwerdemanagement in Finanzdienstleistungsunternehmen, Hamburg 2015.
Kreutzmann, Marko: Föderative Ordnung und nationale Integration im Deutschen Bund 1816–1848. Die Ausschüsse und Kommissionen der Deutschen Bundesversammlung als politische Gremien, Göttingen 2022.
Krziwanek, Carl: Abhandlung über die dinglichen Dienstbarkeiten nach dem gemeinen Rechte, Wien 1799.
Kunz-Lübcke, Andreas: Dissidenten, Außenseiter und Querulanten. Literarische und historische Gestalten in religiösen Kontexten außerhalb des Normalen, Leipzig 2021.
Lehmann, Johannes F.: Kleists ›Michael Kohlhaas‹ und das Politische. Oder: vom Recht zur Macht (und zur Geschichte des Rechtsgefühls), in: Kleist-Jahrbuch (2021), S. 95–117.
Liebig,Stefan: Modelle und Befunde der empirischen Gerechtigkeitsforschung in Deutschland am Beispiel der Einkommens- und Steuergerechtigkeit, in: Stefan Empter und Robert Vehrkamp (Hg.): Soziale Gerechtigkeit – eine Bestandsaufnahme, Gütersloh 2007, S. 111–135.
LOI. Constitution françoise. Donnée à Paris, le 14 Septembre 1791.
Neumann, Gerhard (Hg.): Heinrich von Kleist. Kriegsfall — Rechtsfall — Sündenfall. Freiburg i. Br. 1994.
Oschmann, Dirk: Der Osten eine Erfindung des Westens, Berlin 2023.
Politi, Giorgio: Gravamina und besondere Charakteristika der europäischen Sozialgeschichte, in: Cecilia Nubola und Andreas Würgler (Hg.): Bittschriften und Gravamina. Politik, Verwaltung und Justiz in Europa (14.–18. Jahrhundert), Berlin 2005, S. 451–458.
Pözl von, Joseph: Beschwerderecht, in: Johann Caspar Bluntschli und Karl Brater (Hg.): Deutsches Staats-Wörterbuch, Bd. 2, Stuttgart und Leipzig 1860, S. 89–94.
Prade-Weiss, Juliane: Language of Ruin and Consumption. On Lamenting and Complainig, New York 2020.
Roseggeer, Hans Ludwig: Petitionen, Bitten und Beschwerden. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte moderner Verfassungen in rechtsvergleichender Darstellung, Berlin 1908.
Ruths, Christoph: Sonnenstrahl und Arbeitskraft der Menschheit. Ein Bild aus Naturwissenschaft und Industrie der Neuzeit, Dortmund
1879.
Sahm, Reiner: Theorie und Ideengeschichte der Steuergerechtigkeit: Eine steuertheoretische, steuerrechtliche und politische Betrachtung, Wiesbaden 2019.
Scheible, Heinz: Die Gravamina, Luther und der Wormser Reichstag, in: Ders., Gerhard May und Rolf Decot (Hg.): Melanchthon und die Reformation. Forschungsbeiträge, Mainz 1996, S. 393–410.
Schick, Rupert: Petitionen. Von der Untertanenbitte zum Bürgerrecht, Heidelberg 31996.
Stange, Alfred: Die Bedeutung des Werkstoffes in der deutschen Kunst, Leipzig 1940.
Stiening, Gideon: Naturrecht, positives Recht und Staatsraison in Kleists Michael Kohlhaas, in: Frieder von Ammon, Cornelia Remi und Gideon Stiening (Hg.): Literatur und praktische Vernunft, Berlin/Boston 2016, S. 486–522.
Szontagh von, Abraham: Über die Bedingungen der Grösse der Arbeitskraft mit Berücksichtigung einiger Hausthiere. Ein populärer Vortrag, Presburg 1859.
Vatin, Francois: Arbeit und Ermüdung. Entstehung und Scheitern der Psychophysiologie der Arbeit, in: Philipp Sarasin und Jakob Tanner (Hg.): Physiologie und industrielle Gesellschaft, Frankfurt a.M. 2009, S. 347–368.
Wagner, Peter: Bauern, Junker und Beamte. Lokale Herrschaft und Partizipation im Ostelbien des 19. Jahrhunderts, Göttingen 2005.
Weber von, Georg Michael: Ueber die Repartition der Kriegsschäden, in juristischer und kammeralistischer Hinsicht nebst einer kritischen Darstellung aller bisher gemachten Vorschläge, Würzburg 1798.
Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. Fünfte, revidierte Auflage, Besorgt von Johannes Winckelmann. Studienausgabe, Tübingen 1980.
Würgler, Andreas: Bitten und Begehren. Suppliken und Gravamina in der deutschsprachigen Frühneuzeitforschung, in: Cecilia Nubola und Andreas Würgler (Hg.): Bittschriften und Gravamina. Politik,
Verwaltung und Justiz in Europa (14.–18. Jahrhundert), Berlin 2005, S. 17–52.
Diskursgeografie, Populismus und Komplizenschaft
Juliane Prade-Weiss
Beschwerden, die man nicht gern hört, werden oft in Europas Osten lokalisiert. Angesichts des russischen Kriegs in der Ukraine erscheint dies selbstverständlich, denn es gibt Tote, Vertreibung und Kriegsverbrechen zu beklagen. Mir geht es indes um eine grundlegende Diskursgeografie, in deren Koordinaten auch dieser Krieg verhandelt wird. Der Sozialphilosoph Arnd Pollmann weist auf diese Koordinaten hin:
Konfrontiert mit einem Angriffskrieg aus dem Osten, wird der Westen neuerlich als eine »Wertegemeinschaft« beschworen. Es geht um die Demokratie, um Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung, um die liberale Öffentlichkeit und die Trennung von Staat und Religion, um Menschenrechte, Freiheit und Individualität.[223]
Diese, wie Pollmann formuliert, »stolze Selbstvergewisserung« lässt aus, dass diese Werte Reaktionen auf »Absolutismus, Kolonialismus und Nationalsozialismus« sind, die ebenfalls zum westlichen Erbe zählen. ›Westen‹ und ›Osten‹ fungieren dabei »als identifikationsfähige Großstereotype«,[224] deren territorialer Zuschnitt historisch höchst veränderlich ist. Mich beschäftigt ein Teil dieser Diskursgeografie, der politische, mediale, akademische und literarische Diskurse prägt: dass die Sprache lästiger Beschwerden und quälender Klagen oft als östlich markiert und damit aus dem Diskurs ausgelagert wird, der sich im Kontrast als westlich und vernunftgeleitet versteht. Einsichtig ist dieses Phänomen in Deutschland an der Verhandlung der in den 1990ern geformten Figur des »Jammerossis« im Zusammenhang rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen; im europäischen Kontext etwa in der Verhandlung von Beschwerden von Staaten der Visegrád-Gruppe gegen vor allem die Finanz- und Immigrationspolitik der EU. Diese Beschwerden dienen oft der populistischen Rechtfertigung antidemokratischer Politiken. Darum ist relevant, wie die Beschwerden beim Adressaten im Westen verhandelt werden. Es geht also nicht darum, antidemokratische Parteien, Bewegungen, Äußerungen und Politiken in Abrede zu stellen, sondern darum, wie sie in Reaktionen in einer diskursiven Geografie verortet werden, die dazu neigt, das Unversöhnliche grundsätzlich im Osten zu lokalisieren. Diese Lokalisierung ist bedenklich, denn sie gehorcht – ebenso wie die Beschwerden selbst – der psychologischen Strategie der Spaltung: Um unerträgliche Ambivalenz zu organisieren, werden die guten Aspekte eines Objekts, etwa eines identifikatorischen Narratives, verinnerlicht, während seine beängstigenden negativen Aspekte auf ein Anderes projiziert werden, sei dies eine Person oder ein Objekt, real oder imaginiert.[225] Dieser Abwehrmechanismus gegen Vernichtungsdrohungen schafft dennoch keine stabile Sicherheit, denn die abgespaltenen negativen Aspekte werden weiterhin erlebt als »persecuting and dangerous and especially threatening to the good experiences«.[226] Die Abwehr durch Spaltung beseitigt die Drohung nicht, sondern gibt ihr eine konkrete Gestalt und verlangt nach andauernder Verteidigung gegen diese Gestalt. Melanie Klein hat den Begriff der »Objektspaltung« (splitting of the object) als Abwehr für die kindliche Individualpsychologie beschrieben, Elke Horn hat den Begriff der Spaltung in erweiterter Form zur Beschreibung psychosozialer Folgen der politischen Teilung Deutschlands fruchtbar gemacht.[227]Im Sinne dieses erweiterten Verständnisses möchte ich im Folgenden zeigen: Die politischen Ost-West-Spaltungen sowohl Europas als auch Deutschlands reinszenieren beiderseitig eine Spaltung, in der die Auseinandersetzung mit der je eigenen Destruktivität vermieden wird. Dieser Auseinandersetzung aber bedarf es in jedem Miteinander.[228]
Ich gehe der Diskursgeografie, die Beschwerden und Klagen als Sprache des Ostens lokalisiert, in vier Teilen nach: Zuerst gehe ich darauf ein, was »Osten« im Kommenden heißt, zweitens darauf, warum die Sprache von Beschwerde und Klagen abgespalten wird, drittens darauf, was dies mit Populismus und Komplizenschaft zu tun hat, und viertens auf eine jüngere literarische Imagination der Beschwerde als östlich, deren Folgen am jüngsten Krieg deutlich werden.
Der Osten Europas ist weder historisch noch sprachlich, kulturell, religiös,ökonomisch oder politisch ein einheitlicher Raum,gleichwohl wird er in politischen, öffentlichen und wissenschaftlichen Diskursen oft mit dem Schlagwort »Osteuropa« zusammengefasst. Eine solche homogenisierende Zusammenfassung implizieren auch die Begriffe »der Westen« und »Westeuropa«, doch beide sind nicht äquivalent, wie der Linguist Piotr Twardzisz mit Blick auf die Semantik des Begriffs »Osteuropa« erklärt: »There is relatively little of Eastern Europe in Eastern Europe itself. There is more of it in Western Europe, or in the West, generally.«[229] »Osteuropa« wird vor allem im Westen im Mund geführt und bezeichnet nicht nur eine geographische Lage, sondern eine bestimmte Auffassung des Raumes, die gekennzeichnet ist von »backwardness, bureaucracy,German influence,populism,reluctance to compromise,little progress«.[230] Diese Konnotation des Begriffs bringt es mit sich,dass Menschen im Osten Europas Twardzisz zufolge die Lokalisierung oft zurückweisen und sich stattdessen im Norden, in der Mitte, oder im Westen sehen.
Dem Begriff »Osteuropa« fehlt genau das, was terminologische Sprache auszeichnet: Er ist weder geographisch noch historisch genau definiert, doch gerade diese Unschärfe ist die Bedingung für seine Funktion im Diskurs. »Osteuropa« und »der Osten« sind Abgrenzungsbegriffe, die seit der Aufklärung[231] der Selbstverständigung Westeuropas dienen. Sie evozieren »mental images« des Gegenteils von dem, als was der Westen sich verstehen möchte, wie Richard Frucht schreibt: »Western Europa is democratic; Eastern Europe is backward and totalitarian«.[232] Diese Abgrenzungsfunktion korreliert mit dem Umstand, dass die Verortungen als »westlich« und »östlich« ausschließlich relational sind – anders als die an den geographischen Polen verankerten Begriffe »global South« und »global North«. Je nach Perspektive kann geographisch jeder Ort »im Westen« und »im Osten« liegen. Dass die Begriffe in politischen, öffentlichen und wissenschaftlichen Diskursen gleichwohl nicht solchermaßen flexibel gehandhabt werden, sondern als stabile Zuschreibungen gelten, verweist darauf, dass sie Teil einer »symbolische[n] Geografie« sind, der es nicht um geographische Orientierung geht, sondern um ideelle, das heißt um »Wertzuschreibungen« und relative »Minderwertigkeit«.[233] Diese symbolische Geografie hat einen zeitlichen Aspekt, wobei »der räumliche Gegensatz zwischen Ost und West mit einer zeitlichen Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Gegenwart bzw. Zukunft korrespondiert.«[234] Im Gegensatz zum Selbstbild des Westens als modern und progressiv wird dabei die »empfundene Rückständigkeit des Ostens«[235] unterstrichen, und seine soziopolitische Ungleichzeitigkeit zum Indikator eines »lack of Europeanness«.[236]
Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive wird dieser Abgrenzungsprozess des Ostens von Europa im Zuge der Selbstverständigung des Westens als orientalistisches »othering« beschrieben,[237] womit vor allem das Resultat –»der Osten« als Inbegriff des Nicht-Eigenen –in den Blick genommen wird. Die Dynamik des Abgrenzungsprozesses ist aus psychoanalytischer Sicht als Projektion beschreibbar, das heißt, wie Freud formuliert, als »Neigung […] solche innere Erregungen, welche allzugroße Unlustvermehrung herbeiführen […] so zu behandeln, als ob sie nicht von innen, sondern von außen her einwirkten, um die Abwehrmittel des Reizschutzes gegen sie in Anwendung bringen zu können.«[238] Der »Mechanismus der Projektion« besteht entsprechend darin das, »was im eigenen Innern Unlustanlaß wird«, von dem als eigen Verstandenen zu trennen und »von sich aus[zustoßen]«.[239] Unter diesem »Inneren« werden im Folgenden auch die Merkmale der Gemeinschaft(en) verstanden, zu der einzelne sich zählen, dem gegenüber »der Osten« ein Äußeres bildet. Gerade weil gesellschaftspolitisch unversöhnliche, vor allem rechtspopulistische Stimmen, Bewegungen und Parteien sich in Ländern des Osten wie des Westens Europas eines erheblichen Zulaufs erfreuen, kann es im Sinn eines Abwehrmechanismus entlastend für das Selbstverständnis einzelner Sprecher und Gemeinschaften wirken, Demokratiedefizite und Demokratiefeindlichkeit – statt sie als Schwierigkeiten vieler europäischer Gesellschaften zu beschreiben – rundweg in »den Osten« als rückständigen Teil Europas zu projizieren.
Die Abgrenzung des Westens gegen »den Osten« Europas fußt besonders auf den Erinnerungspolitiken und Geschichtsverständnissen beider Räume. Es kann von einer »asymmetry of memories in Europe« die Rede sein, da sich die Gewalterfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts unterscheiden: »th[e] ›double experience‹ of two totalitarian regimes […] constitutes a common feature that sets the whole region apart from the West of Europe«.[240] Diese manifesten Unterschiede sind keineswegs unbekannt,führen jedoch nicht selten zur Beschreibung des Ostens Europas als traumatisiertem Raum. Als die bekannteste dieser Beschreibungen kann Timothy Snyders Rede von »bloodlands« gelten, das heißt einer Region, die Gebiete Polens, Russlands, der Ukraine, von Belarus und der Baltischen Staaten umfasst, wo durch nationalsozialistische und sowjetische Massengewalt mehr als vierzehn Millionen Menschen getötet wurden.[241] »The bloodlands were no political territory, real or imagined; they are simply where Europe’s most murderous regimes did their most murderous work.«[242] Das Schlagwort soll einen »Erfahrungsraum«[243] zusammenfassen, übergeht dabei jedoch dessen politische, kulturelle und soziale Heterogenität,[244] um stattdessen die Inkommensurabilität zu betonen, die sich vom Standpunkt eines westlichen Beobachters aus ergibt:
Almost all if the worst acts of political violence in Europe in the twentieth century took place in lands that fell behind the Iron Curtain […] Precisely because these acts of violence took place in countries that returned to Soviet rule or became communist about 1945, they have been difficult to integrate into a general account of European history. […] The history of the Holocaust was written by survivors outside Eastern Europe; the history of the expulsions was written by Germans in West Germany. In this way, major events of the European twentieth century have been alienated from the main historical narratives. Simply because their scale was so massive, they should be at the very center of any telling of European history.[245]
Snyders Plädoyer ist ambivalent. Während er zu Recht für eine Integration historischer Gewalterfahrungen im Osten Europas in das Verständnis jüngster europäischer Geschichte argumentiert, reproduziert er zugleich ein Narrativ, das diese Integration verhindert: dass der traumatisierte Raum »Osteuropa« aufgrund seiner Gewalterfahrung und der folgenden politischen Repression stumm ist. Diese Annahme ist eine logische Voraussetzung für katastrophische Projektionen, die sehr heterogene Regionen in einem Schlagwort wie »bloodlands« zusammenfassen.EineProjektionsollundkannnichtsentgegnen.UmindeseineIntegration historischer Gewalterfahrungen im Osten Europas in das Selbstverständnis des gegenwärtigen Europas bewirken zu können, ist es nötig, Heterogenität einzuräumen und – als Voraussetzung dafür – nicht von der Stummheit, also der Erwiderungslosigkeit in der westlichen Beschreibung »des Ostens« auszugehen.
Osteuropäische Intellektuelle kritisieren eine übliche Auslegung des russischen Krieges in der Ukraine als »westsplaining«. Ihr Leitnarrativ besteht darin, aggressive Aktivität allein auf Seiten der NATO zu lokalisieren, auf Seiten Russlands lediglich defensive Reaktion und in »Osteuropa« den unversöhnlich-militaristischen Unwillen, die eigene Rolle als neutrale Pufferzone zu akzeptieren.[246] Indes ist dieses Narrativ, das dem »Osten« Aktivität und Selbstbestimmung abspricht,nicht allein im Westen zu lokalisieren. Christoph Seidlers psychoanalytische Formulierung ostdeutscher Erfahrung konstatiert 2015 zwar: »Krieg wird nicht primär durch Aggression verursacht, sondern durch Spaltungs- und Projektionsmechanismen«,[247] die »Länder, Nationen, Beziehungen, Seelen« durchziehen.[248] Jedoch nimmt Seidler selbst Teil an der Dynamik von Spaltung und Projektion, wobei er die Perspektive Russlands einnimmt: Russlands Präsident Vladimir Putin sei vom Westen zu einem »Feindbild« aufgebaut worden,[249] dabei werde die nationalistische und latent antisemitische »Heldengeschichte« übersehen, mit der »die ramponierten ehemaligen Ostblockstaaten« ihre »Geschichte der ›Bloodlands‹« beschönigten, damit sie erträglicher werde.[250] Diese Formulierungen mischen die Annahmen einer grundsätzlichen Passivität, Stummheit und Rückständigkeit »Osteuropas« unter jene Geschichtserzählung, mit der Vladimir Putin den Angriffskrieg auf die Ukraine 2022 rechtfertigt.[251] Dass Seidler das Bild »Osteuropas« reproduziert, obgleich er selbst aus der Perspektive des Ostens zu sprechen beansprucht, weist darauf hin, dass Diskursgeografie sich nicht an geografischer Logik bemisst, sondern auf der Projektion jeweils dessen fußt, was nicht im Selbstbild verortet werden soll.
Mit Blick auf den Osten Deutschlands adressieren Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschuggnall die Notwendigkeit des Einräumens von Heterogenität in dem Hinweis, »dass man mit dem Gebrauch von Begriffen wie dem des kollektiven Gedächtnisses […] Gefahr läuft, die Gruppe ›der West- und Ostdeutschen‹ wie ›der Deutschen‹ insgesamt zu homogenisieren.«[252] Ein vereinheitlichendes Erinnerungsnarrativ von der deutschen Teilung und Wiedervereinigung bringt gleichsam in einer Abstoßungsreaktion genau jene unversöhnlichen Stimmen hervor, die es zu unterbinden sucht.[253] Obgleich der Begriff »Ostdeutschland« anders als »Osteuropa« geographisch klar umrissen ist, gilt für ihn oft die gleiche Logik einer abwertenden Entgegensetzung, die der Selbstverständigung des Westens dient. Mit Blick auf die hier relevante Frage der Entgegnung in Form der Beschwerde hat dies die Rechtswissenschaftlerin Christiane Wilke gezeigt: »Bei vielen Rechtsproblemen, die sich mit der Vereinigung ergaben, beschwerten sich betroffene Ostdeutsche, die Maßnahmen und Praktiken […] seien eines Rechtsstaats unwürdig.«[254] Diese Beschwerden wurden meist als illegitim zurückgewiesen und der Rechtsstaat polemisch dem vergangenen östlichen Unrechtsstaat entgegengesetzt.[255] Dieser Rechtsstaatsdiskurs ist als Orientalismusdiskurs beschreibbar, das heißt als Selbstverständigung anhand eines Gegenmodells,[256] dem es nicht um die korrekte Beschreibung des anderen zu tun ist,sondern um die Formulierung des Eigenen. Dabei »wurden enttäuschte Gerechtigkeitserwartungen, Ungeduld und überhöhte Ansprüche an den Rechtsstaat oft ohne konkrete Beweise auf den Osten projiziert.«[257] Eine solche Abweisung von Beschwerden aus dem Osten Europas, sowie die Lokalisierung aller Unversöhnlichkeit im »Osten« als einem von mangelndem Rechts- und Demokratieverständnis gezeichneten Raum verstärkt nicht nur Unversöhnlichkeit. Sie verhindert auch eine differenzierte kritische Auseinandersetzung mit Stimmen und Bewegungen im geographischen Westen gleichwie Osten Europas, die dem Zusammenleben manifest abträglich sind.
Im nächsten Schritt ist zu zeigen, warum die Projektion »des Ostens« als dem je Nicht-Eigenen sich oft mit der Sprachform von Klagen und Beschwerden verbindet. Eine wesentliche Strukturverbindung liegt darin,dass die Begriffe »Osten« und »Osteuropa« relational sind,also im Bezug zu einem Westen formuliert werden, und auch die Sprache des Klagens hauptsächlich relational ist, also eine zweiteilige Kommunikationsform.
In Klagen steht im Mittelpunkt, was in der Betrachtung der Sprache meist als selbstverständlich implizit bleibt oder in die Rhetorik relegiert wird:DieRedeiststetsnichtnur von einemund über etwas,sondernauch an jemanden gerichtet, von dem sie gehört oder gelesen werden soll. Viele bedeutsame Sprechsituationen aber, vielleicht die bedeutsamsten, zeigen ein Bedürfnis nach Gehör gerade dann, wenn es unmöglich ist. In existentiellen Situationen ist die Rede in einem Dilemma gefangen: Gehört zu werden und Antwort zu erhalten ist dringend nötig und zugleich höchst unwahrscheinlich. Denn was immer Anlass zum Klagen gibt – seien es Schmerzen, Katastrophen, Hiobsbotschaften, Neurosen, Einsamkeit, Grausamkeit, der Tod oder anderes – zieht die Möglichkeit eklatant in Zweifel, Gehör zu finden und Antwort zu erhalten. Die aus dem Dilemma geborene Intention auf Gehör und Austausch, die in anderen Formen der Rede implizit bleibt, macht Klagen trostlos, bisweilen unversöhnlich und sogar gewaltsam. Denn Klagen insistieren auf Gehör, weisen jedoch meist konkrete Erwiderungen zurück, um auf Unbeantwortbarkeit durch metaphysische, politische, therapeutische oder andere Konzepte zu bestehen.
Diese Struktur macht Klagen lästig, bisweilen unerträglich. Anders als etwa Bitten oder Fragen antizipieren Klagen keine Antwort, was ihnen nicht selten den Vorwurf einträgt, ziel- oder sinnlos zu sein. Die Gleichzeitigkeit von Beharren auf Gehör und fehlender Vorgabe der erhofften Erwiderung ist Quelle eines veritablen Affekts gegen Klagen, der in verschiedenen Kontexten und mit verschiedenen Argumenten jeweils darauf zielt, sie zum Schweigen zu bringen. Die Zurückweisung gehört mit zur Strukturlogik der Sprache des Klagens. Denn die Zurückweisung bestätigt die Behauptung der Klage, es mangle ihr an Gehör. In der leicht unersättlich scheinenden Einklage von Gehör produziert alles Klagen einen Überschuss über jeden manifesten, verhandelbaren Sachgrund hinaus.
Die Äußerung von Klagen und die abweisende Reaktion darauf bilden einen kommunikativen Zusammenhang: Unersättlichkeit und Unversöhnlichkeit produzieren die Abweisung, die sich weiter beklagen lässt. Wegen dieses Zusammenhangs ist die Diskursgeografie, die Klagen im Osten lokalisiert, problematisch: Die Spaltung, die Klagen abweist, bestätigt sie, statt sie zu widerlegen, und leistet daher ihrem antidemokratischen Zweck Vorschub. Was nicht heißt, dass man ihnen Recht geben sollte, sondern darauf hinweist, dass es einen kommunikativen Sinn hat, dass sie so verfasst sind, dass ihnen nicht Recht gegeben werden kann.
Ich verstehe Beschwerden als Teil der Sprache des Klagens. Dabei orientiere ich mich an Grimms Wörterbuch, das Beschwerde als querela erläutert,und Klage unter anderem als querela.[258] Freilich hält sich die Beschwerde an eine (institutionelle) Sprech-Ordnung, gleiches gilt jedoch für rituelle, tragische, elegische und juridische Klagen. Die unversöhnliche Struktur der Sprache des Klagens ist nicht erst in jüngster Zeit eine politische Frage. Viele sozio-politische Modernisierungen wenden sich gegen rituelle Klagen: die Funeralgesetzgebung in der attischen πόλις[259] ebenso wie frühe Christianisierungen,[260] Kolonialisierungen,[261]Nationalisierungen,[262] gegenwärtig evangelikale Missionierung[263] und islamischer Fundamentalismus.[264] Ihnen allen erscheinen Totenklagen für das Gemeinwesen gefährlich, weil sie die Toten nicht ruhen lassen und (zu Recht oder Unrecht) auf die Unzulänglichkeit politischer und metaphysischer Gemeinschaftsordnungen bestehen.
Eine Reaktionsbildung darauf ist die Kennzeichnung ritueller Klagen als fremd und inferior, die sich in der attischen πόλις abzeichnet: wenn Kassandras Klage bei Aischylos vom Chor »barbarisch« genannt wird[265] und die Elegie bei Euripides »asiatisch«.[266] Während die Tragödie diesen Abgrenzungen performativ widerspricht, sofern die Klagen auf Griechisch vorgetragen werden, und im Rahmen der Tragödie als Teil des attischen Staatskults, findet sie sich in der Historiographie und Philosophie ungebrochen: etwa wenn Plutarch Solons Gesetze gegen Totenklagen referiert, die »hart, kunstlos und barbarisch« seien;[267] oder wenn Platon die Gesetze eines idealeren Staates als Athen formuliert und dabei über den Ausschluss »gemieteter Karierinnen« nachdenkt, die gewöhnlich mit Musik einen Leichnam begleiten, das heißt von Frauen von der östlichen Peripherie der griechischen Welt.[268] Die gender-Markierung von Klagen als weiblich und daher inferior ist ein antikes wie modernes Phänomen.[269] So schreibt Said in der Einleitung zu Orientalism: »as early as Aeschylus’s play The Persians the Orient is transformed from a very far distant and often threatening Otherness into figures that are relatively familiar (in Aeschylus’s case, grieving Asiatic women)«.[270] Tatsächlich ist es ein Chor persischer Männer, der in Aischylos’ Persern klagt. Saids Fehler weist darauf hin, wie geläufig Klagen mit einer marginalen und inferioren Position identifiziert werden, zu der geläufig die Lokalisierung im Osten zählt. Die exotistische Projektion findet sich nicht allein in politischen und medialen Diskursen, sondern auch in der Philologie, etwa im altphilologischen Topos, die Totenklage wurzle im Osten[271] – was unwahrscheinlich ist, da jede Gemeinschaft mit Tod und Trauer konfrontiert ist.
Die Identifizierung von Klagen und Beschwerden mit einer inferioren Position ist indes keine beliebig gewählte Form ihrer Zurückweisung, sondern erfasst ein wesentliches Moment. Aller Ritualität literarischer, neurotischer, juristischer, politischer und öffentlicher Klagen zum Trotz sind Klagen keine performativen Sprechakte.[272] Zumindest nicht gemessen an Butlers Begriff der Performativität: »performativity must be understood […] as the reiterative and citational practice by which discourse produces the effects that it names.«[273] Klagen zitieren und variieren historisch wie kulturell spezifische Diskursregeln. Doch das Gehör und die Erwiderung, auf die es Klagen zuallererst ankommt, sowie die bessere Behandlung und größere Aufmerksamkeit für die Belange von Klagenden, können gerade nicht von der Äußerung produziert werden – eben diese Unmöglichkeit ist Anlass von Klagen. Sofern sie nicht hervorbringen können, worauf es ihnen vor allem ankommt – Gehör und Erwiderung – sind Klagen im Diskurs tatsächlich inferior. In ihrem grundlegenden Moment ist die Sprache des Klagens daher nicht performativ, sondern relational. Es geht Klagen und Beschwerden also um das Miteinander, jedoch nicht in Harmonie, sondern in Dissens.
Darum sind euphorische Wertungen von Klagen als emanzipatorisches Engagement mit Vorsicht zu sehen. Solche Wertungen finden sich etwa bei der Altphilologin Helene Foley,die Totenklagen beschreibt als »a form of political or social resistance«, die an der Figur Antigones deutlich werde, denn an ihr zeige sich »the potentially revolutionary force of women’s role in rituals performed for the dead«.[274] Ähnlich bewertet der Philosoph Julian Baggini Beschwerden als emanzipatorisch, denn: »Complaint is a secular, humanist act. It is resistance against the idea, promulgated by religion, that suffering is our divinely ordained lot«.[275] Die Sprache des Klagens kann der Emanzipation und dem Widerstand dienen. Die Zurückweisung des Trosts durch politische, metaphysische oder andere Begriffe macht die Sprache des Klagens jedoch ungeeignet als Element einer sozio-politischen Agenda. Denn Unversöhnlichkeit, das (verständliche) Beharren, der eigene Schmerz und Verlust sei durch keine symbolische Substitution zu kompensieren, fügt sich nicht allein in progressive Stimmlagen ein. Das erläutert Nancy Ries für Alltagsklagen während der Perestroika: Sie verschmelzen »formal genres of Russian speech, the traditional lament (a strictly female genre), Orthodox church litanies, and the declamatory style of Russian poetry reading« zur Gattung von »conversational litanies«.[276] Und Ries konstatiert: »litany as a speech genre […] may have helped to sustain relative powerlessness and alienation from the political process at the same time as it lamented them.«[277] Klagen reproduzieren nicht selten genau diejenigen kommunikativen Strukturen, in denen sie ungehört und inferior bleiben. Als unversöhnliche, Trost zurückweisende Forderung nach Gehör und Aufmerksamkeit sind Klagen und Beschwerden – je nach Kontext und Perspektive – subversiv oder reaktionär.
Ich rede keinem Relativismus das Wort, sondern gehe auf den Umstand ein, dass demokratiefeindliche Stimmen die Position des legitimen Widerstands einnehmen und sich die Autorität konsensualer Positionen anzueignen suchen.
Links- und rechtspopulistische deutsche Parteien haben den Osten Deutschlands seit den 1990er Jahren als einen Raum ungehörter Klagen und unbeantworteter Beschwerden imaginiert. Dabei wird die Position kommunikativer Marginalität und Inferiorität explizit beansprucht, um die moralische Autorität der Opferposition für sich zu reklamieren,etwa in rechtsextremen Aufmärschen 2022 zum Jahrestag der Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945, die von einem »Bombenholocaust« sprechen.[278] Noch deutlicher wurde die Verbindung zwischen Klage, Polemik und Populismus beim so genannten Trauermarsch, den die AfD 2018 in Chemnitz durchführte, anlässlich der Tötung eines Deutschen durch zwei Asylbewerber. Auch bei einem »Schweigemarsch« fünf Tage später kam es zu Ausschreitungen gegen Gegendemonstranten, Migranten, ein koscheres Restaurant und Medienvertreter. Das Medienecho sah die angemeldete Trauer als Vorwand, um gegen Einwanderung zu demonstrieren. So schrieb die Deutsche Welle: »Von stiller Trauer keine Spur: Bei Schweigemärschen der AfD ist die Empörung in der Regel größer als die Trauer.«[279] Zweifel an den Zwecken der Märsche sind angebracht. Gleichwohl ist neben dem Marsch auch das Echo hier relevant, weil sich darin die politische Verwendung und Unterbindung öffentlicher Klagen in der attischen πόλις reproduziert. Die zitierte Medienantwort beruht auf einer verbreiteten Auffassung davon, was ernsthafte Trauer ist: privat und still. Das ist erstaunlich, weil nicht einmal der Diagnostische und sftatistische Leitfaden psychischer Störungen sich sicher ist, was pathologische von regulärer Trauer unterscheidet.[280]Doch darauf kommt es dem Medienecho natürlich nicht an, es geht darum, die populistischen, antidemokratischen Klagen zum Schweigen zu bringen. Die Krux ist, dass dies durch Zurückweisung nicht gelingen kann. Polemische Unversöhnlichkeit produziert Zurückweisung und bestätigt die reklamierte Opferposition, die sich weiter beklagen lässt. Diese kommunikative Logik des Klagens speist sich in die Strukturlogik des Populismus ein, die ebenfalls um Gehör und Erwiderung kreist.
Populismen lassen sich als Antwort auf Demokratiedefizite verstehen, als »illiberal democratic response to undemocratic liberalism«[281]wie die Austeritätspolitik der EU, des IWF und der Weltbank.[282] Populismus ist aber nicht lediglich als Antwort beschreibbar, sondern gibt sich auch selbst als Antwort: als Antwort auf einen als homogen vorgestellten Volkswillen, von dem politische Eliten absähen. Und das ist nicht ganz falsch, denn etablierte Parteien sind mit einem Konflikt konfrontiert zwischen »responsiveness and responsibility«:[283] zwischen der Antwort auf den Wählerwillen, den sie repräsentieren sollen, und der Verantwortung für internationale Verträge, die sie einhalten sollen. Auf diese komplexe Lage geben Populismen einfache Antworten basierend auf der Gegnerschaft eines als autochthon, authentisch und homogen imaginierten Volks-Wir, das mit gesundem Menschenverstand urteile, und korrumpiert-pervertierten Eliten. Die Schwierigkeit besteht darin, dass Populisten selbst bei begrenzten Wahlerfolgen gesamte Gesellschaften prägen, denn: »they play a notable role in terms of agenda-setting and policy impact«.[284] Wo Rechtspopulisten Immigration beständig zur Krise deklarieren, dort wird sie zum zentralen Wahlkampfthema auch etablierter Parteien. Ruth Wodak beschreibt diesen Effekt als »normalization of far-right ideologies, both in content and form«.[285]
Diese Normalisierung liegt nicht zuletzt in dem kommunikativen Zusammenhang zwischen polemischen populistischen Beschwerden und ihrer empörten Zurückweisung begründet. Beide formen einen Empörungszusammenhang, wie Jeffrey Alexander beschreibt, und dabei auf Sigmund Freuds Unbehagen in der Kultur verweist. Er sieht ein Behagen am Spektakel:
Pornography and violence are standards of popular culture. Extremist populism provides an opportunity for audiences to experience the thrill of evil, to »get beyond« what seems to many the boring and routine banality of the everyday.[286]
Populismus ist aufregend. Über kaum etwas kann man sich so gut und mit so gutem Gewissen hinsichtlich der eigenen Position aufregen wie über Rechtspopulismus. Das Gleiche gilt, aus Sicht der Anhänger des Rechtspopulismus, für die vorhersehbare Zurückweisung in der öffentlichen Debatte. Darin liegt eine wesentliche Strukturlogik: Der (verständliche) Versuch des Ausschlusses rechtspopulistischer Positionen aus der öffentlichen Debatte reproduziert genau die binäre Welt eines Volks-Wir gegen die Elite, die Populisten anprangern. Darum warnen Politikwissenschaftler vor der Exklusionsgeste der Pathologisierung von Populisten,[287] denn: »Strong warnings against extremist forces can backfire«.[288] Das heißt nicht,dass man ihnen Recht geben soll. Das Problem liegt in einem mimetischen Verhältnis: darin, dass auch die Zurückweisung ihnen Recht gibt, weil sie das mangelnde Gehör tatsächlich produziert, und weiters darin, dass die Ausschließung die populistische Diskurslogik des Wir-gegen-sie übernimmt.
Man kann darum von einer zweifachen Komplizenschaft sprechen: Klagen und Beschwerden (nicht nur, aber vor allem populistische) reproduzieren und verstärken die Gegnerschaft und das mangelnde Gehör, das sie anprangern. Politische, mediale und andere Antworten auf diese Klagen tragen bei zur Anschließungslogik und zur Rhetorik ungehörter Klagen, auf der populistische Beschwerden beruhen. Neben dem aufregenden Empörungsangebot spielt dabei auch das Angebot zur geographischen Auslagerung des Unangenehmen eine Rolle. Antworten auf berechtigte wie antidemokratische Beschwerden folgen dabei der Diskursgeografie, das Unangenehme rundweg im Osten zu situieren, etwa in der Gestalt des »Jammerossis«, aber auch auf europäischer Ebene. Eine solche Auslagerung im akademischen Diskurs findet sich ausgerechnet in einer Erläuterung der Rolle der Spaltung im Nachkriegsdeutschland. Die Psychotherapeutin Elke Horn schreibt 2021:
[The] cold war promoted splitting processes that already were in progress due to the deep guilt Germany had saddled itself with. The BRD became the successor of the ›Third Reich‹, taking the moral and financial burden of reparation, whereas the DDR claimed to be the successor of the anti-fascist resistance and the victims of National Socialism.[289]
Diese Unterscheidung eines verantwortungsvollen Deutschlands von einem prätentiösen anhand der Frage von Reparationen ist zutreffend in BezugaufEntschädigungszahlungenfürOpferderVernichtungspolitik, unzutreffend aber im Hinblick auf Reparationszahlungen an Alliierte. Die SBZ/DDR leistete bis 1953 Reparationen an die UdSSR hauptsächlich in der Form von Demontagen von Industrieanlagen,während diese Ausgleichsmaßnahmen in den Westzonen mit dem Marshallplan reduziert wurden. Das historiographische reenactment der psychischen Spaltung in der Frage deutscher Reparationen ist keine Marginalie, denn sie illustriert, wie sich die psychologische Spaltung in die populäre Geschichtsdarstellung einschreibt, vergangene Konflikte in gegenwärtige einträgt, und populistischen Spaltungen komplizenhaft verbunden ist.
Komplizenschaft, so muss dabei betont werden, ist ein Rechtsbegriff, der aber weder innerhalb noch außerhalb des Rechts Klarheit zeitigt: Im Rechtsdiskurs stellt Komplizenschaft eine Schwierigkeit dar, weil sie die Grundsätze autonomer Handlungsmacht und individueller Verantwortlichkeit unterminiert. Komplizenschaft, also Beihilfe, beschreibt gerade das Zusammenwirken von Menschen. Außerhalb des Rechts wird die Anklage der Komplizenschaft sehr breit erhoben – häufig im Zeichen des Engagements – angesichts von willentlicher wie unwillentlicher Teilhabe an problematischen Strukturen. Komplizenschaft ist dennoch analytisch sinnvoll, um problematische Teilhabe und Verstrickung zu markieren, die sich eindeutiger Strafbarkeit entzieht.[290] In solcher Weise unterscheidet etwa Mark Sanders einerseits »acting-in-complicity«,konkretes Handeln,das juridisch und moralisch beurteilt werden kann, von andererseits »responsibility-in-complicity«, einer allem Tun und Sprechen zugrundeliegenden Verbundenheit mit anderen, aus der Verantwortung erwächst, die erklärt, weshalb selbst Schweigen und Passivität anderen schaden können.[291] Verantwortung muss dabei wörtlich genommen werden in der Frage, wie auf Klagen und Beschwerden, Polemik und Provokation zu antworten ist. Dabei spielt nicht zuletzt das eine Rolle, was bisher zu kurz kam: Klagen als Form des Engagements.
Ein Moment, das Klagen, die Machtstrukturen reproduzieren, unterscheidet von Klagen, die solche Strukturen bisweilen erfolgreich ändern, ist die Sprache, die sie sprechen. Rechtspopulistische Klagen eignen sich das Vokabular der Aufarbeitung des Nationalsozialismus an, um eine Opferposition zu reklamieren. Sie bedienen sich eines etablierten Diskurses, den sie verzerren.[292] 2014 hat Elena Bogdanova gezeigt, dass sich offiziell eingereichte Bürgerbeschwerden an den russischen Präsidenten (in diesem Fall Dimitrii Medvedev) nicht allein der Amtssprache bedienen, sondern oft auch religiöser Rechtfertigungsgründe, etwa in folgendem Schreiben: »we Orthodox Christians, servants of God, sent to the Earth with a great mission: to preserve the natural resources, to live in peace, love, and work tirelessly for the good of the Motherland.«[293] Bogdanova versteht die religiösen Referenzen als Ausdruck nicht der Frömmigkeit der Autoren, sondern des »situated sense of justice«, das heißt: »the types of relevant justifications are restricted by the situation in which the persons are placed«.[294] Religiöse Sprache ist demnach in Beschwerden angebracht, weil sie den Appell an göttliche Gerechtigkeit verbinden mit dem Selbstverständnis des russischen Staates, der sich in enger Verbindung mit der russisch-orthodoxen Kirche als irdische Instanz göttlicher Gerechtigkeit versteht. Die Beschwerden affirmieren und reproduzieren also das Narrativ vom metaphysisch begründeten »Mutterland«, um die Chancen auf Gehör zu vergrößern. Andere Beschwerden, wie solche gegen den russischen Krieg in der Ukraine, sprechen dezidiert nicht die behördlich diktierte Sprache.
Zu sagen нет войне, »kein Krieg«, ist nicht lediglich wegen des Nein gefährlich, sondern weil die Vokabel »Krieg« untersagt ist.[295] Anders als polemische Proteste der AfD sind diejenigen, die diese Beschwerde vorbringen, tatsächlich in einer inferioren Position und werden Opfer von Polizeigewalt, weil sie nicht die Sprache des herrschenden Diskurses affirmieren.
Zum Abschluss möchte ich auf einen literarischen Text eingehen,der die Diskursgeografie reproduziert, in der Beschwerden im Osten verortet werden. Diese Projektion bestimmt auch die Koordinaten mit, in denen dieser Krieg verhandelt wird.
Valerie Fritschs Roman Herzklappen von Johnson & Johnson von 2021 schildert den Osten Europas als kaum bewohnte Ruinenlandschaft, in der sich die generationenübergreifenden körperlichen und psychosozialen Beschwerden der Täter des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges zeigen. Diese Beschwerden (wie die Unfähigkeit des Urenkels zum Schmerzempfinden) werden nicht in Klagen und als Trauer verbalisiert, sondern in Schweigen und Verleugnung bezeugt. Der Großvater der Erzählerin berichtet seine Geschichte dieses Krieges:
Sie klang immer falsch und war so verwirrend, dass man die Opfer und die Täter verwechseln konnte […] und klang, als wäre der Großvater kein aktiver Teil davon gewesen, als hätte er die beschwerlichen Zeiten nicht selbst gelebt und als wäre ihm der Krieg, der immer noch nicht richtig zu Ende schien, bloß zugestoßen.[296]
Die Erzählerin spiegelt die narrative Distanzierung des Großvaters: Zunächst, indem sie die emotionale Leere durch Identifizierung mit ihm füllt. Sie genießt, wie sie berichtet, die traurigen Kriegsgeschichten als »Ersatzschmerz, ein unbestimmtes Stellvertreterweh«,[297] das die ihr überlieferte emotionale Leere kompensiert. Sie träumt von der Zerstörung, für die der Großvater vermutlich verantwortlich ist, und von seinen Leiden in einem Kriegsgefangenlager in der kasachischen Steppe: »Weite Ebenen voller Menschen in einem Augenblick und leer im anderen.Von baumlosen Landschaften,deren Weite und Hoffnungslosigkeit einem ins Herz schnitt.«[298] Aus den Albträumen erwächst der Wunsch, die Orte zu sehen:
Sie […] begann davon zu träumen, weiter und weiter zu fahren, weiter in die Vergangenheit und weiter in den Osten, bis in den Krieg hinein, bis in die Gefangenschaft des Großvaters, bis in die kasachische Steppe. […] Sie wusste, dass es ein vermessener Wunsch war und ein maßloser, eine unmögliche Zeitreise, aber sie störte sich nicht daran.[299]
Problematischerweise stört sich weder die Erzählerin noch die Erzählweise an der Vermessenheit des Wunsches, die Raumzeit zu überbrücken. Auf der Reise wird die beunruhigende Distanzlosigkeit zwischen Großvater und Enkelin übersetzt in eine Wiederholung seiner Distanzierung von den Orten seiner Verbrechen. Katalysator dieser Übertragung ist der Auftrag,der Anstoß zur Reise gibt. Der Partner der Erzählerin, ein Fotograf, soll »eine große Bilderstrecke über verfallene Bauwerke und Industrieruinen in den Ländern des Ostens […] fotografieren,von der Ukraine bis nach Aserbaidschan«.[300] Sie finden, was sie suchen:
Auf ihrem Weg trafen sie auf verlassene Bauernhäuser, aufgelassene Tankstellen und aufgegebene Dörfer. Halb eingestürzte Kirchen, in denen Singvögel auf den morschen Bänken nisteten, kleine Gotteshäuser […] ohne Kreuz, ohne Gott. Industriekathedralen, kühl und still. […] und oft schienen ihnen nicht nur die Orte verlassen, aber auch die Menschen am Straßenrand, an denen man vorüberfuhr. Manche wirkten verfallen wie Häuser.[301]
Auch das Kriegsgefangenenlager in Kasachstan ist geschliffen, und so findetsichamEndedesTexts»nichts,wasdieVergangenheithinlänglich bezeugt hätte«.[302] Fritschs Text ist von der Kritik gelobt worden wegen seiner poetischen Darstellung der transgenerationalen Folgen von Täterschaft.[303] Diese Darstellung ist allerding sehr problematisch, denn der Text reflektiert an keiner Stelle, dass der ruinierte, größtenteils namenlose Raum, den die Erzählerin durchquert, eine geographisches Porträt ihres Erbes von Verschweigen,Verleugnung und emotionaler Distanzierung ist. Fritschs ruinierter Osten ist eine Seelenlandschaft im romantischen Sinn, das heißt die Spiegelung der Emotionen des Betrachters formt den Ort zur Landschaft. Doch exotistische Projektionen haben einen Preis, wie an anderen globalen Beispielen gezeigt worden ist. Der Blick auf Europas Osten, der dort nichts anderes sieht als das ruinöse eigene Erbe nationalsozialistischer Verbrechen und Verleugnung, verhindert jeden Dialog mit gegenwärtigen Bewohnern des Raumes. Die Identifikation mit den Gewaltfolgen der Vorfahren und das reenactment ihrer Distanzierung von den Orten ihrer Verbrechen gerät zur Komplizenschaft mit den vergangenen Verbrechen, sofern es die Einseitigkeit des Täterblicks fortschreibt.
Selbstredend argumentiere ich nicht für anthropologische Exaktheit von Literatur. Es geht mir um die angesprochene »responsibility-in-complicity«, also die Verantwortung, die sich daraus ergibt, dass Menschen ihren Vorfahren und ihren Mitmenschen verbunden sind. Bei Fritsch fehlt eine Antwort auf die problematische Verbundenheit mit der Vergangenheit und Distanzierung von der Gegenwart. Die dargestellte Logik der transgenerationalen Übertragung wird bei Fritsch an keiner Stelle reflektiert oder ästhetisch unterbrochen, daher erscheint Europas Osten als Raum, in dem man wörtlich seine Beschwerden erfährt.
Dieses geographische Klischee ist nicht neu. 2009 hat der tschechische Autor Jáchym Topol es in einem Roman über Theresienstadt (Terezín) satirisch damit kommentiert,dass nicht einmal eine Figur in Wladiwostok (am Pazifischen Endpunkt der Transsibirischen Eisenbahn) sich im Osten verortet wissen möchte: »Was für ein Osten, […], sind Sie übergeschnappt? Hier ist doch der Westen,das wahre Ende des Westens,hier hört Europa auf!«[304] In absurder mimetischer Partizipation am westlichen Diskurs löscht sich hier der Osten selbst aus.
Abb. 1: Macron, Emmanuel: Pressekonferenz mit Vladimir Putin, Fort Brégançon, 19. August 2019, https://www.youtube.com/watch?v=EYvrGKWChRI, 20:23 [11.03.2022]
Das wäre ein lustiges Ende, hätte nicht Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zehn Jahre später, 2019, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Russlands Präsident Vladimir Putin gesagt: »nous croyons dans cette Europe qui va de Lisbonne à Vladivostok«,[305] das heißt »wir glauben an dieses Europa, das von Lissabon bis Wladiwostok reicht«.
Diese Geste des Entgegenkommens verleibt Europa einen großen Teil Asiens ein, und löscht damit (wie Topols Figur) die Möglichkeit, einen Standpunkt im Osten von Europa einzunehmen. »Von Lissabon bis Wladiwostok« ist freilich eine eurasische Floskel, die Projektionen sowohl aus westlicher als auch aus östlicher Sicht erlaubt.2010 formulierte Putin sie in der Süddeutschen Zeitung mit Blick auf einen »Handelspakt zwischen Russland und Europa«.[306] Zur Diskussion dieser Projektion aus der Sicht Russland bedürfte es mindestens eines weiteren Artikels, ich bleibe beim westlichen Blick in den Osten.
Fritschs traumatische und Macrons politische Projektion räumen der östlichen Position keine Handlungsfähigkeit oder Stimme ein. Der russische Angriffskrieg in der Ukraine lässt vermuten, dass Putin Macrons in der »Wir«-Form geäußertem Ausgriff mit Blick auf andere Expansionspläne zugestimmt haben dürfte. Den Osten in einer Position, die sich in Abgrenzung davon als Westen versteht, zur Leinwand für traumatische oder politische Projektionen zusammenzufassen macht es unmöglich, auf gegenwärtige Stimmen und gegenwärtige Krisen zu antworten. Um dies zu unterbrechen, ist es nötig, die Spaltung zu unterbrechen durch Auseinandersetzung mit Ambivalenzen, wie es auch Pollmann angesichts der oft westlichen, besser aber demokratisch genannten Werte anmahnt. Eigene Destruktivität nicht allein einem anderen – im Osten – zuzuschreiben, sondern als eigene anzuerkennen,[307] befähigt dazu, dort nicht lediglich einer Funktion der eigenen psychischen Organisation zu begegnen, sondern einem tatsächlichen Gegenüber oder auch, leider, Gegner, und ihm zu antworten.
Aischylos: Orestie. Griechisch/deutsch. Übers. O. Werner. München 1984.
Alexander, Jeffrey C.: Introduction: The Populist Continuum from Within the Civil Sphere to Outside It, in: Jeffrey C. Alexander, Peter Kivisto & Giuseppe Sciortino (Hg.): Populism in the Civil Sphere, Cambridge 2021.
Alexiou, Margaret: The Ritual Lament in Greek Tradition, Oxford 2002.
Austin, Linda M.: The Lament and the Rhetoric of the Sublime, in: Nineteenth-Century Literature 53.3 (1998), S. 279–306.
Baggini, Julian: Complaint. From Minor Moan to Principled Protests, London 2008.
Bateman, Anthony W. und Holmes, Jeremy: Introduction to Psychoanalysis. Contemporary Theory and Practice. London 1995.
Beyrau, Dietrich: Snyders Geografie, in: Journal of modern European history 10.3 (2012), S. 306–314.
Bogdanova, Elena A.: Religious Justifications of Complaints Addressed to the President in Contemporary Russia, in: Laboratorium 6.3
(2014), S. 55–79.
Butler, Judith: Bodies that Matter. On the Discursive Limits of »Sex«, New York 1993.
Deutsche Welle: Trauermärsche – Markenzeichen der AfD? 01.08.2018 https://www.dw.com/de/trauerm%C3%A4rsche-markenzeichen-d er-afd/a-45321225 [11.04.2022].
Grimm,Johann und Grimm,Wilhelm: Deutsches Wörterbuch.Bearbeit. Johann Grimm, Rudolf Weigand und Karl Hildebrand. Nachdruck der Erstausgabe, München 1984.
Eckersley, Susannah: Between Appropriation and Appropriateness: InstrumentalizingDarkHeritageinPopulismandMemory?,in:Chiara De Cesari und Ayhan Kaya (Hg.): European Memory in Populism: Representations of Self and Other, London 2020, S. 210–238.
Euripides:IphigeniebeidenTaurern.Übers.PaulDräger.Stuttgart2011.
Falkai,Peter und Wittichen,Hans-Ulrich (Hg.): Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen. American Psychiatric Association 2013, Göttingen 2018.
Foley, Helene P.: Female Acts in Greek Tragedy. Princeton 2002.
Freud,Sigmund:JenseitsdesLustprinzips,in:Ders.:GesammelteWerke (Bd. 13), Frankfurt a.M. 2010, S. 1–69.
Freud, Sigmund: Triebe und Triebschicksale, in: Ders.: Gesammelte Werke (Bd. 10), Frankfurt a.M. 2010, S. 209–232.
Fritsch, Valerie: Herzklappen von Johnson & Johnson. Berlin 2020.
Frucht, Richard C. (Hg.): Eastern Europe. An Introduction to the People, Lands, and Culture, Oxford 2005.
Gobodo-Madikizela, Pumla: Empathic repair in the aftermath of mass violence and trauma: is it possible to repair the past?, in: Dies. (Hg.): History, Trauma and Shame. Engaging the Past Through Second Generation Dialogue, New York 2021, S. 19–37.
Hall, Edward: Inventing the Barbarian. Greek Self-Definition through Tragedy, Oxford 1989.
Hasebrink, Burkhard: »Ich kann nicht ruhen, ich brenne.« Überlegungen zur Ästhetik der Klage im Fließenden Licht der Gottheit, in: Manuel Braun et al. (Hg.): Das fremde Schöne. Dimensionen des Ästhetischen in der Literatur des Mittelalters, Berlin 2007, S. 91–107.
Holst-Warhaft, Gail: Dangerous Voices. Women’s Laments and Greek Literature, London 1992.
Horn, Elke: Group Phenomena in Working Through the Past, in: Pumla Gobodo-Madikizela (Hg.): History, Trauma and Shame. Engaging the Past Through Second Generation Dialogue, New York 2021, S. 149–186.
Hughes, Richard A.: Lament, Death, and Destiny, New York 2004.
Hühn, Helmut: Die Entgegensetzung von »Osten« und »Westen«, »Orient« und »Okzident« als begriffsgeschichtliche Herausforderung, in: Ernst Müller (Hg.): Begriffsgeschichte im Umbruch?, Hamburg 2004, S. 59–67.
Loraux,Nicole : L’invention d’Athènes.Histoire de l’oraison funèbre dans la »cité classique«, Paris 1981.
Kriza, Ildikó: The Rural Form of the Death Dirges, in: Jahrbuch für Volksliedforschung 39 (1994), S. 110–116.
Kuus, Merje: Europe’s eastern expansion and the reinscription of otherness in East-Central Europe, in: Progress in Human Geography 28.4 (2004), S. 472–489.
Macron, Emmanuel: Pressekonferenz mit Vladimir Putin, Fort Brégançon,19.08.2019.https://www.youtube.com/watch?v=EYvrGKWChR I, 20:23 [11.03.2022].
Mudde, Cas und Kaltwasser, Cristóbal Rovira: Populism. A very short introduction, Oxford 2017.
Mukta, Parita: The »Civilizing Mission«. The Regulation and Control of Mourning in Colonial India, in: Feminist Review 63 (1999), S. 25–47.
Müller, Jan-Werner: What Is Populism?, Philadelphia 2016.
Nenola-Kallio, Aili: Studies in Ingrian Laments, Helsinki 1982.
Nicolosi, Riccardo: Erniedrigte und Beleidigte. Vladimir Putins Affektrhetorik. 23.03.2022. https://geschichtedergegenwart.ch/erniedrig te-und-beleidigte-vladimir-putins-affektrhetorik/?fbclid=IwAR2F 8itU8f3k9ZOK1TzxVFAUOM5Uo8Nnxl5HDg-PbYiANzZzTvsuBQzS Ut8 [10.04.2022]
Nilsson,Martinus: Der Ursprung der Tragödie,in: Opuscula Selecta (Bd. 1.), Lund 1951, S. 61–145.
Ninoshvili, Lauren: »Wailing in the Cities«. Media, Modernity, and the Metamorphosis of Georgian Women’s Expressive Labor, in: Music and Politics 6.2 (2012), S. 1–15.
Platon: Werke in Acht Bänden. Griechisch/Deutsch. Hg. Gunther Eigler. Darmstadt 1990.
Plutarch: Vitae Parallelae (Bd. 1), hg. v. Claes Lindskog und Konrat Ziegler, Leipzig 1957.
Pollmann, Arndt: Es gibt keinen Grund für westliche Überheblichkeit. 06.03.2022.https://www.deutschlandfunkkultur.de/ukraine-westli che-werte-100.html [07.03.2022].
Prade-Weiss, Juliane: Scham und Spaltung Überwinden. Zur Transgenerationalen Übertragung der Folgen von Massengewalt. Buchessay zu P. Gobodo-Madikizela (Hg.): History, Trauma and Shame: Engaging the Past Through Second Generation Dialogue, New York 2021, in: Psyche: Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen 76.3 (2022), S. 265–275.
Prade-Weiss,Juliane:Guilt-trippingthe»ImplicatedSubject«:Widening Rothberg’s Concept of Implication in Reading Müller’s »The Hunger Angel«. Response to: Michael Rothberg, The Implicated Subject: Beyond Victims and Perpetrators (2019), in: Journal of Perpetrator Research 4 (2020), S. 42–66.
Prade-Weiss, Juliane: Language of Ruin and Consumption. On Lamenting and Complaining, New York 2020.
Putin, Vladimir: Von Lissabon bis Wladiwostok. Handelspakt zwischen Russland und Europa: Moskau will als Lehre aus der größten Krise der Weltwirtschaft seit acht Jahrzehnten wesentlich enger mit der Europäischen Union zusammenarbeiten. Süddeutsche Zeitung, 25.11.2010. https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/putin-plaedo yer-fuer-wirtschaftsgemeinschaft-von-lissabon-bis-wladiwostok-1 .1027908 [26.10.2023].
Ries,Nancy: Russian Talk.Culture and Conversation during Perestroika, Ithaca, New York 1997.
Said, Edward: Orientalism, New York 1994.
Sanders, Mark: Complicities. The Intellectual and Apartheid, Durham 2002.
Saunders, Rebecca: Lamentations and Modernity. Literature, Philosophy, and Culture, New York 2007.
Seidler, Christoph: Psychoanalyse & Gesellschaft. Ein Lehr- und Erfahrungsbuch aus Deutschlands Osten, Berlin 2015.
Sindbæk, Andersen, Tea und Törnquist-Plewa, Barbara: Disputed Memory. Emotions and Memory Politics in Central, Eastern and South-Eastern Europe, Berlin 2016.
Smoleński, Jan und Dutkiewicz, Jan (2022): American Pundits Can’t Resist »Westsplaining« Ukraine. The New Republic 03/04. https://histo rynewsnetwork.org/article/182609 [10.04.2022]
Snyder, Timothy: Bloodlands: Europe Between Hitler and Stalin, New York 2010.
Snyder, Timothy: The Historical Reality of Eastern Europe, in: East European Politics and Societies 23.1 (2009), S. 7–12.
Straughn, Jeremy Brooke: How Memory Divides. The Search for Identity in Eastern Germany, London 2021.
Straughn, Jeremy Brooke: Wo »der Osten« liegt. Umrisse und Ambivalenzen eines verschwindenden Landes,in: Sandra Matthäus und Daniel Kubiak (Hg.): Der Osten. Neue sozialwissenschaftliche PerspektivenaufeinenkomplexenGegenstandjenseitsvonVerurteilungund Verklärung, Wiesbaden 2016, S. 195–223.
Topol, Jáchym: Chladnou zemí, Prag 2009.
Topol, Jáchym: Die Teufelswerkstatt. Übers. Eva Profousová. Frankfurt a.M. 2010.
Twardzisz, Piotr: Defining »Eastern Europe«. A Semantic Inquiry into Political Terminology, Cham 2018.
Welz, Claudia: Vertrauen und Versuchung, Tübingen 2010.
Welzer,Harald,Moller,Sabine und Tschuggnall,Karoline: »Opa war kein Nazi«. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt a.M. 2002.
Wickett, Elizabeth: For the Living and the Dead. The Funerary Laments of Upper Egypt, Ancient and Modern, London 2010.
Wilce, James M.: Crying Shame. Metaculture, Modernity, and the Exaggerated Death of Lament, Chichester 2009.
Wilke, Christiane: Östlich des Rechtsstaats. Vergangenheitspolitik, Recht und Identitätsbildung, in: Sandra Matthäus und Daniel Kubiak (Hg.): Der Osten. Neue sozialwissenschaftliche Perspektiven auf einen komplexen Gegenstand jenseits von Verurteilung und Verklärung, Wiesbaden 2016, S. 169–191.
Wodak,Ruth:FromPost-TruthtoPost-Shame.AnalyzingFar-RightPopulist Rhetoric, in: Cynthia Gordon (Hg.): Approaches to Discourse Analysis, Washington DC 2021.
Wolff, Larry: Inventing Eastern Europe. The Map of Civilization on the Mind of the Enlightenment, Stanford 1994.
Fran Lebowitz in Martin Scorseses Pretend it’s a city
Linda Waack
Es gibt Beschwerden, die wollen nirgendwo hin. Das Gerede über Kollegen im Betrieb zum Beispiel oder über den Chef zielt nicht auf Veränderung; es will bleiben, wo es ist, in der Teeküche oder in der Raucherecke. Diese Form der Beschwerde dient sich selbst. Sie hinterlässt keine Dokumente oder Spuren. Sie ist, wenn sie sich nicht aufschaukelt zum Protest, bloß Schall und Rauch. Einen höheren Grad an Nachdruck und Nachweisbarkeit haben schriftliche Beschwerden, etwa Zettel von Nachbarn an den Türen von Gemeinschaftswaschküchen mit der Aufforderung dies oder das zu unterlassen. Man kriegt sie schwarz auf weiß mit einem leicht erhitzten Anliegen, oft anonym. Sie beziehen sich auf ein Regelwerk, das man kennen kann oder nicht, und stellen etwas klar in Sachen Lärm- oder Platzordnung. Hierarchisch gehen sie meist von unten nach unten. Anders artikulieren sich Beschwerden von unten nach oben: In Institutionen gibt es notwendige Beschwerden und dafür notwendige Beschwerdestellen gegen Diskriminierung, Übergriffe oder Machtmissbrauch. Bisweilen sucht solche Beschwerde noch den formalen Rahmen, auf den sie sich beziehen kann. Zuletzt gibt es offizielle Beschwerden, die einem geregelten juristischen Verfahren folgen, etwa die Verfassungsbeschwerde. Kurz gesagt: Beschwerden unterscheiden sich im Grad ihrer Formalisierung. Ob eine Beschwerde Erfolg hat oder nicht,hängt auch davon ab,wie und wo sie platziert wird.Im Restaurant zum Beispiel oder im Hotel kann die Beschwerde über ein kaltes Essen oder ein Zimmer zur falschen Seite hin schnell Verbesserungen für die Beschwerenden bringen. Sie kann ein Akt der Selbstfürsorge sein oder auch der Selbstverteidigung, wenn es darum geht, sich gegen unangemessenes Verhalten anderer zur Wehr zu setzen.
Dieser produktiven Seite der Beschwerde zum Trotz heben Ulrike Bergermann und Andrea Seier 2013 »die destruktive Dimension der Beschwerde« hervor.[308] Beschwerde ist für sie eine Form der Negation: »Die Performanz des Nicht-Einverstanden-Seins, der Ablehnung, der Distanz, des Nicht-Hinnehmens ist ihr Motor.«[309] Bergermann und Seier grenzen die Beschwerde in zwei Richtungen ab: gegen den Protest und gegen die von Institutionen schon liebgewonnene Kritik. »Protest klingt produktiver. Beim Beschweren kommt man nicht vom Fleck. Eine Beschwerde ist bestenfalls eine unangenehme Phase oder eine bürgerlich-administrative Seitenvariante eines richtigen Protestes.«[310]Diese Unterscheidung ist erstmal suggestiv: Wer sich auf die Straße klebt, um auf die Klimakatastrophe aufmerksam zu machen, beschwert sich nicht, der protestiert. Und wer sich ›nur‹ beschwert, sorgt nicht für manifesten Widerstand. Da ihr »tendenziell etwas Unreflektiertes, Affektives und Subjektives anhaftet«, sei die Beschwerde außerdem »das (verworfene) Gegenstück zur konstruktiven Kritik«.[311]
Im negativen Potential der Beschwerde sehen Ulrike Bergermann und Andrea Seier einen Grund für die Aufwertung des Begriffs. Wo Protestformen szenig abgegriffen und Kritik systemimmanent sind, könne die affektive, unbegründete und unsystematische Beschwerde neue Möglichkeiten eröffnen.[312] Im Zusammenhang der Beschwerde sprechen sie daher von einer Kunst der Beschwerde oder auch Beschwerdekunst:
Deutlich wird, dass die Beschwerde als eine Kunstform anzusehen ist, insbesondere, wenn sie ihr affektives und unbestimmbares und unvorhersehbares Potenzial bewahren will. Als spontane Nörgelei, die ihre konstruktiven und produktiven Anteile möglichst flach zu halten versucht, als intervenierende, verzögernde Haltung des Nicht-Einverstanden-Seins, die sich bereits etablierten Protestszenen und deren Ästhetiken versucht zu entziehen, erfordert die Beschwerde ein hohes Maß an Reflektion. Wird die konstruktive Kritik als gouvernementale Praktik längst erwünscht, so läge gerade in der Nutzlosigkeit der Beschwerde ihr Potenzial. Verzögern, Verweigern von Begeisterung, Nicht Mitmachen, Verschleppen, Meckern, Klagen.[313]
Dass die Beschwerdekunst, wie Bergermann und Seier hier feststellen, erstens destruktiv, zweitens reflexiv und drittens innovativ ist, ließ sich in filmischer Form zuletzt in Martin Scorseses siebenteiliger Netflix-Serie Pretend it’s City aus dem Jahr 2021 beobachten.[314] »Der Wille zum Beschweren« titelte entsprechend die Jungle World und klammert die Episoden unter einer Lust zum Räsonieren bzw. unter eine Liebe zur Beschwerde zusammen.[315] Die Beschwerde in Pretend it’s City ist tatsächlich zielstrebig ziellos unterwegs. Anders als Laura Poitras’ Dokumentarfilm All the beauty and the bloodshed, in dem die New Yorker Fotografin Nan Goldin im Kontext der Opioidkrise gegen die Familie Sackler und deren Unternehmen Purdue Pharma vorgeht, ist die Beschwerde in Pretend it’s City nicht auf Veränderung gerichtet. Sie mündet weder in Petitionen noch Protestaktionen; ist vielmehr eine sprach-künstlerische Angelegenheit und insofern destruktiv, als dass sie ›nur‹ auf die schwierigen Verhältnisse, nicht aber auf irgendeine Verbesserung zielt. Reflexiv ist die Serie, weil Scorseses Einstellungen dem Sprachwitz seiner Protagonistin einen Witz der Bilder unterschieben und so das Medium des Bewegtbilds wiederholt selbst thematisieren. Innovativ ist Pretend it’s City, indem die Serie ein ungleiches Paar – den Humor und die Beschwerde – miteinander verbündet. Dieser letzte Aspekt wirft die Frage auf, ob nicht der Humor die Beschwerde konterkarieren müsste. Wie Sara Ahmed in ihrem jüngsten Buch Complaint! gezeigt hat, haftet schließlich der Beschwerde etwas Beschwerliches an: »The word complaint derives from Old French, complaindre, ›to lament,‹ an expression of sorrow and grief. Lament is from Latin, lamentum, ›wailing, moaning; weeping‹.«[316] Während also Humor etwas Erleichterndes hat, ist die Beschwerde mit negativen Affekten verbunden: Verschleppen, Meckern, Klagen. Die lustige Beschwerde, wie sie in Pretend it’s City vorgetragen wird, sucht hingegen nach Strategien leicht und schwer zugleich zu sein. Ihnen widmet sich dieser Text.
1. Wem oder was nutzt Beschwerde?
Protagonistin der Serie Pretend it’s City ist die Kolumnistin, Schriftstellerin und Satirikerin Fran Lebowitz bzw. ihr Witz. Anlass zur Beschwerde ist ihr das Verhalten von Bewohner:innen und Besucher:innen der Großstadt New York City, die sich im Stadtraum bewegen, als wären sie allein auf der Welt. »Pretend it’s a City!« lautet ihre mit Nachdruck vorgebrachte Forderung, die der Serie den Titel gibt.
Mit Lebowitz trifft sich Scorsese zu Gesprächen im Theaterclub The Players oder er filmt sie bei zahllosen Gängen durch die Stadt, deren Hauptzweck darin zu liegen scheint, etwas zu reklamieren, sich zu ärgern oder – sich zu beschweren: Häufig über das, womit andere sich beschweren, etwa Autoreifen, die als Fitness-Geräte durch die Stadt gezerrt werden.»Does complaining ever change anything?«,fragt Scorsese die Freundin – »Not so far!«, die lakonische Antwort.
Will man die Beschwerdeführung von Lebowitz und Scorsese nachvollziehen, lohnt sich ein Seitenblick auf Sara Ahmeds Buch Complaint! von 2021, in dem sie die Beschwerde als queer-feministische Strategie beleuchtet. Ahmed geht es um Eigenschaften, Dynamiken und Aporien formaler, institutioneller Beschwerde, die sie in zahlreichen Fallgeschichten zwischen 2017 und 2019 zusammengetragen hat. Die Beschwerdeformen von Lebowitz und Scorsese stehen zu diesen Beobachtungen quer, handelt es sich nicht um rechtlich-formale Vorgänge, sondern um Gänge durch die Stadt. Dennoch können die von Ahmed entwickelten Überlegungen, auch wo sie von Lebowitz und Scorsese abweichen, zur Erhellung des Phänomens Beschwerde in Pretend it’s a city in drei Aspekten beitragen.
Erstens thematisiert Ahmed in ihrem Buch ein strukturelles Problem der Beschwerdeführung, nämlich die Identifikation derjenigen, die sich beschweren mit dem Gegenstand der Beschwerde: »To become a complainer is to become the location of a problem.« Zweitens fragt sie nach dem institutionellen Rahmen, der den Gang der Beschwerde erleichtert oder erschwert und die problematische Identifikation unter Umständen verschärft: »Where a complaint goes […] teaches us something about how institutions work.« Drittens geht sie auf den Aspekt Humor ein: Wenn sie schreibt, »Complaint is a killjoy genre,«[317]ruft sie die Frage auf den Plan, inwiefern sich Beschwerde und Humor vertragen, beziehungsweise ob es so etwas wie eine leichte Beschwerde, von der ich hier ausgehe, überhaupt gibt. Diese Gedanken sind aus Ahmeds Buch assoziativ herausgelöst und bilden weder das methodische Anliegen noch die Struktur von Complaint! ab. Auch folgen sie nicht der politischen Ausrichtung ihres Buchs. Mir geht es vielmehr um einen Dialog zwischen ihrer Argumentation und den Bewegtbildern von Lebowitz und Scorsese. Meine These ist, dass Scorseses Serie, indem sie filmische Mittel – etwa eine bewusste gewählte Mise en Scene – nutzt, Effekten einer unbewussten Identifizierung entgegenarbeitet und so Humor möglich macht.
In jeder der sieben Episoden von Pretend it’s a city gibt es einen bemerkenswerten location-shot. Er zeigt Fran Lebowitz im weltgrößten Architekturmodell, dem von Robert Moses 1964 für die Weltausstellung entworfenen Panorama der Stadt New York, das heute im Queens Museum im Flushing Meadows-Corona Park zu finden ist (Abb 1).
Abb. 1: Screenshot, Pretend it’s a City (R: Martin Scorsese, USA 2021).
Es handelt sich um ein Modell aller fünf Stadtteile New Yorks, die in einem Maßstab von 1:1200 wiedergegeben sind. Lebowitz kommentiert –im Modell stehend –Stadt- und Architekturgeschichte,aber auch das Panorama selbst: »It made you realize that if only Robert Moses had done everything in miniature, we wouldn’t hate Robert Moses.«[318]
Die Beschwerde bezieht sich auf die von Robert Moses verantworteten Monumentalbauten, etwa die großen Verbindungsstraßen, wie den Sheridan Expressway oder den Belt Parkway, die seit den 1960er Jahren das New Yorker Stadtbild prägen. Hätte sich Robert Moses, so die pointierte Aussage, wie bei dem Modell in Queens auf Miniaturen beschränkt, wären heute die Probleme der New Yorker Stadtplanung kleiner. Komplex wird dieser Witz dadurch, dass Lebowitz hier sowohl auf die städtische Infrastruktur referiert als auch auf die gängige Klage darüber, also die kollektive Beschwerde der New Yorker Bevölkerung gegen Robert Moses. Gegen diese häufig vorgetragene Beschwerde legt sie in der Szene selbst Beschwerde ein, klingt in ihrem Satz doch auch ein »we shouldn’t hate Robert Moses« durch.
Die Kritik an Moses gilt einer strukturell-rassistischen Infrastruktur: Angeblich hat Moses Brücken so niedrig gebaut, dass öffentliche Busse, die z.B. von der Schwarzen Bevölkerung genutzt wurden, die von ihm geplanten Straßen nicht passieren konnten. Die urbane Legende gehört zu den Standardsituationen amerikanischer Technikkritik.[319]Dass sie in der Zwischenzeit relativiert worden ist und historisch im Detail nicht standhält, ändert nichts an der Tatsache, dass der Stadtplanung von Moses wirklich funktionierende Gemeinschaftseinrichtungen weichen mussten. Es gibt also einen Anteil an der Geschichte, der die Beschwerde legitimiert. So lässt sich Sara Ahmeds Überlegung aus Queer phenomenology, dass sich in einer Welt »that is oriented around whiteness« der weiße Körper ausweiten und »more at home« fühlen kann, während nicht-weiße Körper in ihren Bewegungen gebremst werden,[320] auf diese Episode der New Yorker Stadtplanung beziehen. Am kollektiven Hass auf Robert Moses meldet Lebowitz Bemerkung jedoch Zweifel an, auch wenn die Beschwerde gegen eine Infrastruktur, in der sich solche Machtverhältnisse materialisieren, erstmal berechtigt ist. Indem sie den ›Dracula‹ der New Yorker Stadtplanung von seinem Modell aus kommentiert, entlarvt sie die Beschwerde an dem assimilierten jüdischen Bauunternehmer zugleich als Projektion: »if only Robert Moses had done everything in miniature, we wouldn’t hate Robert Moses«.[321] Wogegen sie sich hier ausspricht, ist die Verwechselung des Sach-Problems der Stadtplanung mit der Person des Stadtplaners. Wie Ahmed in ihrem Buch zeigt, kommt der Beschwerde eine problematische Ebene der Personalisierung zu. Wer ein Problem in einer Institution artikuliert und sich beschwert, an den heftet sich der negative Affekt, er oder sie wird Träger dieses Problems, bzw. mit dem Problem identifiziert. Dieser Aspekt gilt sowohl mit Blick auf die Beschwerdeführerin als auch mit Blick auf denjenigen, über den man sich beschwert. Die Beschwerde ist ihrem Gegenstand nicht äußerlich: »You can end up being made to feel that you are the problem, that the problem is you.«[322] Das Problem wird also nicht lokalisiert, es wird personalisiert: »To become a complainer is to become the location of a problem.«[323]
In der filmischen Form der Beschwerde von Lebowitz und Scorsese wird dieser Aspekt einer zweifelhaften Personalisierung umgangen, indem die Serie die Struktur offensiv reflektiert: Wenn Lebowitz und Scorsese versuchen, in der Miniserie die Probleme von New York zu lokalisieren, wählen sie dafür eine location, in der Fran Lebowitz aufgrund ihrer Körpergröße selbst zum Problem werden muss. In der Einstellung im Queens Museum beschwert sie sich nicht nur über New York und seine Veränderungen, sondern verkörpert die komplexe Beziehung zu ihrer Stadt bzw. die Probleme der location, indem sie im wörtlichen Sinne aneckt. Weil sie beim Dreh den Miniaturen von Robert Moses gefährlich nah rückt und z.B. mit einer New Yorker Brücke kollidiert, wird das destruktive Potential ihrer Beschwerde sichtbar: »I did knock over the Queensboro Bridge. The guy who’s in charge of that, the day we shot there, was in a panic the entire time. And I proved him right.« Die Anordnung suggeriert eine Destruktionsmacht – Lebowitz kann hier mühelos Bauten und Brücken zerstören – die allein der Film bzw. eine Drehgenehmigung in der Miniaturstadt ermöglichen. Durch die sorgfältig zum Schutz des Panoramas in blaue Plastiktüten eingepackten Schuhe wird die Modellhaftigkeit der Szenen unterstützt. 200-mal so hoch wie die Freiheitsstatue hat die übergroße Fran Lebowitz die Freiheit, New York umzugestalten. Filmhistorisch leuchten Klassiker wie Godzilla oder King Kong durch, was Tobias Rüther von der FAZ mit der Headline »Godzilla der Pointe« honoriert.[324]
Scorsese entscheidet sich außerdem für eine doppelte perspektivische Aufsicht, einen top-shot auf Lebowitz und das Architekturmodell, das die Stadt selbst bereits von oben in den Blick nimmt. Die Kameraperspektive unterstreicht die große Distanz, die Lebowitz und Scorsese zu ihrem Gegenstand halten. Sie lässt Fran Lebowitz zur Chronistin von oben werden und erinnert daran, dass Architekturmodelle im Film mit Größenvorstellungen einhergehen, die sich mit dem vermeintlichen Überblick verbinden.[325] Die Einstellungen übersetzen den Titel der Serie Pretend it’s a city filmisch, denn die Stadt wird hier nur figuriert – tut so, als wäre sie eine Stadt – wie auch die Erzählungen eine modellhafte Idee von New York entwickeln. Lebowitz und Scorsese blicken hinunter und sie blicken zurück auf ein New York, das anders war. Es ist eine Blickposition der Älteren. In die Standardbeschwerde – früher war alles besser – führt das aber nicht. Lebowitz wird vielmehr als triumphaler Störenfried, als höchster Wolkenkratzer New Yorks in Szene gesetzt. Sie wird inszeniert, als wäre sie die personifizierte Beschwerde und genau das sorgt dafür,dass die Beschwerde nicht subtil an ihr haften bleibt,wie es vielen Betroffenen ergeht, die Ahmed begleitet und beforscht hat.
Sara Ahmed bestimmt die Beschwerde als eine »Phänomenologie der Institution«.[326] Sie richtet ihr Augenmerk nicht nur darauf, wie und über was Beschwerde geführt wird, sondern auch wo sie geführt wird: »We need to remember that a complaint is a record of what happens to a person, as well as of what happens in institutions.«[327] Die Beschwerde hat für Ahmed eine räumliche Dimension. Sie geht davon aus, dass Wände und geöffnete oder geschlossene Türen über ihren Weg Auskunft geben. »Long corridors,locked doors,windows with blinds that come down […]; you acquire a sense of the institution through an experience of restriction. A complaint provides a phenomenology of the institution.«[328] Ahmed rekonstruiert dies im Rahmen von Interviews,die sie meist zu Hause führt, manchmal in der betroffenen Universität, selten im Café oder im Bus.
Die meisten Interviews in Pretend It’s a City wurden im The Players am Gramercy Park gedreht, einem Club aus dem 19. Jahrhundert, der nach dem Vorbild der britischen Gentlemen’s Clubs Künstler mit Industriellen und Bankiers zusammenbrachte. The Players ist nur Mitgliedern zugänglich – entweder man ist im Club oder nicht. Fran Lebowitz und Martin Scorsese sind im Club, sie sitzen für die Aufnahmen ihrer Beschwerden im Grill Room im Erdgeschoss, im Hintergrund kann man die Bar und Billardtische erkennen, bisweilen greift Lebowitz selbst zur Queue. »The location makes sense – it’s theatrical, it’s old New York.«[329] Der Club ist der Bezugsrahmen, in dem Lebowitz’ Beschwerde in der Serie rezipiert und verhandelt wird. Gehör und Reaktion verschafft ihr Martin Scorsese als unermüdlich lachender Zuschauer. Der Club ist eine Institution – für Gentlemen. Als jüdische, lesbische Frau scheint Lebowitz die Klaviatur dieser Institution spielen zu können – nicht zuletzt Billard.
Der Name des Clubs The Players ist doppeldeutig: Er bezieht sich auf die Schauspieler und Playwriter,aber auch die Billardspieler,die im Club residierten, allen voran Mark Twain, dessen berühmter Billardstock im Club über einem Gemälde des Autors ausgestellt hängt. Das Bild zeigt ihn mit Zigarre in der Hand. Sie deutet in dieselbe Richtung wie der Billardstock, der darüber aufgehängt mit ihr eine visuelle Allianz bildet. Beide Objekte erinnern an den Stift des Schriftstellers bzw. an Scorseses caméra stylo.
Lebowitz, die seit über 20 Jahren nach Metropolitan Life von 1978 kein Buch mehr geschrieben hat, gesellt sich nicht gerade als erfolgreiche Schriftstellerin zu diesem Bild von Mark Twain. Allein ihre körperliche Anwesenheit erscheint vor dem Hintergrund eines Interieurs, das ausschließlich auf Männer zeigt, wie eine Beschwerde, »die Diskursordnungen stören will.«[330] Denn diejenigen, die sich in Normativität nicht einrichten, die darin nicht wohnen können, tragen, wie Ahmed zeigt, ihre Beschwerde oft unwillkürlich, durch ihre reine Anwesenheit in den Raum.[331] Dass Lebowitz nicht meisterlich schreiben, dafür aber sprechen kann, lässt ihre Beschwerde noch näher am Körper anliegen. Aufmerksamkeit verdient dabei, dass Martin Scorsese sich im Club selbst als jener Zuschauer inszeniert, der Fran Lebowitz Gehör verschafft und ihre Rede durch schallendes Lachen affektiv verstärkt. Einerseits verspricht er damit ihrer Stimme Handlungsmacht zu geben – unterstützt ihre Schlussfolgerungen, Pointen und ihren Ärger – andererseits bindet die von ihm gewählte Mise en Scene ihre Rede zurück an die Systemlogik ihres Ausschlusses. Die Paradoxie solcher Beschwerdeführung, die schon Max Weber in seinen Überlegungen zu den Paria beschrieben hat,[332] wird im Players Club interessant in Szene gesetzt. Lebowitz passt in diesen Club besser als irgendein Besucher, allein schon, weil sie die Meisterin der Wortspiele (also auch ein Player) ist. Zugleich nennt sie das »Schreiben: Eine lebenslängliche Strafe«.[333] Damit erzeugen die institutionelle Umgebung des Players und ihre Aussagen eine gewollte Dissonanz. Ausschlusserfahrungen können, so schreibt Elisabeth Lenk, umschlagen in ein negatives Privileg, eine Souveränität, die darauf gründet, zum Heterogenen zu gehören. Lenk nennt dieses Umschlagen Pariabewusstsein und schreibt darüber als »einer gewissen Kontinuität im Bewußtsein von Frauen, […] die sich schreibend über ihre Situation geäußert haben«.[334] Lebowitz ist im Besitz dieses Pariabewusstseins; die Serie bildet es in ihrem Setting ebenfalls aus, wenn sie an einem exklusiven Ort Fragen der Exklusion verhandelt. Scorseses beständige Zustimmung ist dafür eher Ausdruck als Gegenbeweis. Aus ihrer Position der zugebilligten Insiderin thematisiert Lebowitz Momente des Ausschlusses: falsche Immobilienentscheidungen, den Zusammenbruch von Clubhäusern, die einst der Schwulenszene Raum boten, Verdrängung, Ausverkauf der Stadt. Die Unbezahlbarkeit New Yorks kommentiert Fran wieder im Modus der leichten Schwere und im vollständigen Bewusstsein solcher einschließenden Logik des Ausschlusses: »No one can afford to live in New York. But let me tell you, 8 million people do. How do we do this? We don’t know!«[335]
Ahmed verbindet die Beschwerde mit ihrem Programm des sogenannten Spielverderber-Feminismus (killjoy feminism). Zahlreiche Auszüge aus ihrem Buch Complaint! erschienen zunächst auf ihrem Blog feministkilljoys.com.Tatsächlich sieht sie im Bereich der Beschwerdeführung dieselbe Strukturlogik am Werk, die sie bereits für den killjoy feminism diagnostiziert hat: Wer auf problematische Aussagen hinweist, wird selbst zum Problem – und muss es werden. Die Feministin ist hier exemplarische Beschwerdeführerin. Sie verbindet sich mit der Position des Problemkinds, an das sich der negative Affekt heftet:
A complaint becomes part of you, part of who you become, that problem child, you can’t shed it; you can’t shed her, having done it, made it, that complaint, »you cannot go back.« Perhaps it is a promise: having become a complainer, you cannot unbecome a complainer.[336]
Lebowitz und Scorsese sind in die Jahre gekommene Problemkinder, doch weigern sie sich in Pretend it’s a city an der Beschwerde nur das Beschwerliche zu sehen. Damit treten sie in Abgrenzung zum Spielverderber-Feminismus, der Wut und Ärger als Werkzeuge gegen Komplizenschaft nutzt und sich so gegen falsche Allianzen immunisiert. Zwar resultiert die Wut von Lebowitz aus derselben Ohnmacht: »Wenn ich irgendetwas ändern könnte, wäre ich nicht so wütend«, sagt sie einmal. »Die Wut kommt daher, dass ich keine Macht habe, aber lauter Meinungen.«[337] Sie führt aber in einen anderen Umgang damit. In Pretend it’s a city stellt sich Lebowitz der merkwürdigen Aufgabe, Spielerin und Spielverderberin zugleich zu sein, joy und killjoy. Diese Strategie habe ich mit dem Begriff der leichten Beschwerde versucht zu beschreiben. Zwei Spielarten davon habe ich exemplarisch herausgegriffen: erstens führt Fran Lebowitz im Architekturmodell die Inszenierung einer personifizierten Beschwerde vor als Kritik an der Personalisierung eines strukturellen Problems; zweitens erscheint Fran Lebowitz als Beschwerdeführerin im Club The Players als eingeschlossene Ausgeschlossene im Raum der potenten Schreiberlinge. Der Beschwerde das Schwere zu nehmen, muss, so wollte ich mit diesen Beispielen zeigen, kein Einfallstor für falsche Freunde oder Freuden sein. Altmodisch könnte man sie eher als dialektisch bezeichnen. Definiert Ahmed die Beschwerde grundsätzlich als negativ: »To complain […] is to be stuck on being negative […] Complaint seems to catch how those who challenge power become sites of negation: to complain is to become a container of negative affect…«[338] – läuft die heitere Beschwerde von Lebowitz und Scorsese dem keineswegs zuwider. In Pretend it’s a city ist es vielmehr der Aspekt der humorvollen Verneinung, der die Performanz des Nicht-Einverstanden-Seins weiter antreibt.
Ahmed, Sara: Complaint!, Durham, NC University Press 2021.
Ahmed, Sara: The cultural politics of emotion, Edinburgh 2014.
Ahmed, Sara: Queer phenomenology, Durham, NC 2006.
Itzkoff, Dave: Fran Lebowitz and Martin Scorsese Seek a Missing New York in ›Pretend It’s a City‹, https://www.nytimes.com/2021/01/07/ arts/television/pretend-its-a-city-martin-scorsese-fran-lebowitz.h tml [rev. 14.03.23]
Joerges, Bernward: Die Brücken des Robert Moses: Stille Post in der Stadt- und Techniksoziologie, Leviathan, Vol. 27/1 (1999), S. 43–63.
Lebowitz, Fran: Schreiben: Eine lebenslängliche Strafe, in: dies.: New York und der Rest der Welt, Berlin 2022, S. 170–174.
Lenk, Elisabeth: Pariabewußtsein und Gesellschaftskritik bei einigen Schriftstellerinnen seit der Romantik, in: dies.: Kritische Phantasie. Gesammelte Essays, München 1986, S. 199–221.
Rüther, Tobias: Godzilla der Pointe, https://www.faz.net/aktuell/feuille ton/medien/pretend-it-s-a-city-fran-lebowitz-und-martin-scorses e-auf-netflix-17148313.html [rev. 13.03.23]
Saathoff,Dierk: Der Wille zum Beschweren.Die Schriftstellerin Fran Lebowitz nimmt kein Blatt vor den Mund, https://jungle.world/artikel/2022/32/der-wille-zum-beschweren [rev. 17.05.2023]
Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen 1980.
Young, Michelle: Filming Locations for »PRETEND IT’S A CITY« from Martin Scorsese & Fran Lebowitz, https://untappedcities.com/2021/01/15/filming-locations-pretend-its-a-city/ [rev. 13.03.2023]
All the beauty and the bloodshed (R: Laura Poitras, USA 2022)
Pretend it’s a City (R: Martin Scorsese, USA 2021)
King Kong (R: Merian Cooper, USA 1933)
Zur Beschwerlichkeit gegenwärtiger Verwaltungskritik
Burkhardt Wolf
Bürokratien geben Anlass zur Beschwerde. Wenn David Graebers (hier titelgebender) Befund zutrifft, dass von dieser Klage kaum jemand auszunehmen ist, mag das zunächst strukturelle Gründe haben. ›Die Bürokratie‹ nämlich ist, wie heutige Psychoanalytiker behaupten, das oder der große Andere, der uns nicht nur verwaltet, anweist oder auch bedient,sondern allererst als Subjekte konstituiert.Erst in der verwalteten Welt der ›Daseinsfürsorge‹ können Bürger auf den Gedanken verfallen, der Staat sei ihretwegen da und sie selbst seien ursprünglicher als die Macht. Wie Ben Kafka sagt, sind wir deshalb alle in ein (per definitionem unerfüllbares) Begehren des großen A, des Amts oder bürokratisch Anderen verstrickt: »The story of ›bureaucracy‹ –all of our jokes,anecdotes, complaints, even our occasional stories of triumph – is a story of this desire that is not reducible to a need or demand. It is the story of how paperwork, even when it works, fails us. We never get what we want.«[339]Zeitgenössische Verwaltungen (solche des Staats, aber auch der Wirtschaft) bestätigen diese Diagnose insofern, als sie unseren Beschwerden nicht nur abzuhelfen behaupten, sondern diese regelrecht einfordern. Was hierbei verworfen wird, ist freilich weniger ›die Bürokratie‹ mit ihren Umständlichkeiten und Ärgernissen als vielmehr deren politische Kritik. Genau deshalb hat man, was die heutige Symbiose von Verwaltung und Beschwerde angeht, von einer ›postdemokratischen‹ Tauschbeziehung gesprochen: von einem Austausch zwischen ›Experten‹ und ›hysterisierten‹ Subjekten.[340]
Was ›die Bürokratie‹ angeht, betrachten Kulturanthropologen weniger die psychostrukturelle Seite unseres Unbehagens als vielmehr die Seite der konkreten Verwaltungsstrukturen und ihrer ›Affordanzen‹: Die gegenwärtige Administration, schreibt David Graeber, sei aus der ›alptraumhaften‹ Fusion überkommener, weil autoritärer und rigider Bürokratien mit den neuen und hyperflexiblen Machtarrangements des neoliberalen Managements hervorgegangen. Gerade keine ›entbürokratisierte‹ Welt habe uns die Verbindung von Behördlichem und Betrieblichem, von Staat und Kapital beschert, sondern lediglich eine solche dauernder Selbstverwaltung, endlosen Paperworks und, nicht zuletzt, programmatischer Verdummung.[341] Gute Zeiten herrschen vielleicht für individuell motivierte und in diesem Rahmen verwaltungsfähige, ja verwaltungsstimulierende Beschwerden, schlechte jedoch sicher für jede fundamentale Verwaltungskritik. Denn solche Kritik scheint gegenstandslos, insofern sie gerade das angreift, was sich als Institution verflüchtigt hat, als Verfahrensproblem aber nunmehr in den eigenen Händen liegt. Dass ›Bürokratien‹ alten Zuschnitts weitgehend verschwunden sind; dass deren Bearbeitungsprozesse immer häufiger den verwalteten Subjekten selbst übertragen sind; und dass die Behörden individuelle Beschwerden nicht nur abwiegeln, sondern oftmals geradezu verlangen – dies erklärt vielleicht die Beschwerlichkeit heutiger Verwaltungskritik.
Ehe es überhaupt zu regelrechten Beschwerden über die Verwaltung und im Gegenzug zu ordentlich verwalteten Beschwerden kommen konnte, musste sich historisch eine einheitlich aufgebaute und normgeleitet operierende Verwaltung herausbilden. Bis zur Frühneuzeit gab es im Fürstenstaat (insbesondere des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation) unterhalb der Ebene der Kabinette und höheren Kollegialverwaltungen nur eine größtenteils wildwüchsige, zudem willkürlich und wenig ›aktenmäßig‹ agierende Administration. Der hauptsächliche Parteienverkehr war hier lokalen Obrigkeiten übertragen, die eher gegeneinander- als zusammenwirkten. Schon dadurch entstanden etliche Beschwerlichkeiten, etwa für den grenzüberschreitenden Handel, die als solche zu Beschwerde- oder Bittschriften Anlass gaben, welche wiederum den zuständigen Autoritäten oder Souveränen oftmals nicht zu Gehör kamen, sei es aufgrund verschlungener Amtswege, sei es durch einfache Unterschlagung. Inwiefern diese Lage der Dinge empörungsträchtig und, im schlimmsten Fall, dazu angetan war, Gewalt und Rebellion zu provozieren, hat Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas ausgemalt. Dieser 1808 und 1810 publizierten Erzählung hat man immer wieder attestiert, einen prototypisch ›bürokratiekritischen‹ Fall zu schildern, obwohl sie im mittleren 16. Jahrhundert angesiedelt ist, als es ›Bürokratien‹, dem Begriff wie der Sache nach, noch gar nicht gab. Wohl aber führt Kleists Novelle den etymologischen und systematischen Zusammenhang zwischen der ›Beschwerlichkeit‹, dem symptomatischen ›Graviertsein‹ durch einen gewissen, hier administrativen Missstand einerseits, der ›Beschwerde‹, dem ›Gravamen‹ oder ›Klagpunkt‹ andererseits, plastisch vor Augen; und worum sich ihre Handlung dreht, ist die Wirkungslosigkeit administrativ noch kaum formalisierter Beschwerden, denen als letztes Mittel nur die ›Supplik‹ blieb: das Gesuch oder die Bittschrift als demütige Adresse an den Souverän in der Hoffnung auf dessen Gnadenerweis.
Was zur verlässlichen Wirksamkeit des Supplizierens nötig schien, war ein System geregelter Artikulation: Beschwerden sollten nicht mehr durch persönliches Erscheinen und auch nicht mehr durch die persönliche Übergabe eines schriftlich niedergelegten ›Klagpunkts‹ ergehen, sondern auf dem reinen Schriftweg. Anders als beim persönlichen Auftritt mit seinen zufälligen und wechselhaften Umständen wurden sie damit schauplatzresistent und ermöglichten es zudem, die fragliche Beschwernis in aller ›Deutlichkeit‹ (und damit: in aller ›Gründlichkeit‹, ›Klarheit‹ und ›Kürze‹) darzulegen. Beschwerden sollten als demütige Gnadengesuche oder Bittschriften samt bestimmter rhetorischer Codes und Formeln verfasst sein. Diese ihre Anlage diente der rituell-affektiven Regulierung jener Situationen, die (wie im Fall Kohlhaas) leicht zur Empörung im doppelten Wortsinn führen konnten; denn nur jene Beschwerden, die den nunmehr eingeführten Kriterien der Indirektheit und Zeremonialität genügten, wurden überhaupt angenommen und bearbeitet. Zugleich ließ sie gerade die Suppliken zu einer wesentlichen Etappe auf dem Weg zur formalisierten Verwaltungskommunikation werden – ein administratives Paradox, weil der Sinn von Suppliken ja darin bestand, Verwaltungs- und Verfahrenswege zu umgehen, Gewogenheit an die Stelle des Gesetzes zu rücken und eine außer- oder metarechtliche Direktverbindung zwischen Regierten und Regenten herzustellen.
Nicht zuletzt im Preußen Kleists, das im Zuge seiner Reformbewegung – und damit erst lange nach Frankreich – eine einheitliche und monokratisch organisierte Verwaltung aufzubauen vermochte, bezweifelte man mehr und mehr den Sinn und die Funktionalität der Bittschriften und Gnadengesuche. Der fürstlichen Tradition des Supplikationsrechts standen hier nun die Ansprüche einer zusehends professionalisierten Verwaltung gegenüber. Und als die allgemein juristischen und im Besonderen verfahrensrechtlichen Regelungen immer zahlreicher und komplexer wurden, zeigte sich die Figur des Souveräns mit ihrer angeblichen Letztentscheidungskompetenz immer deutlicher als überfordert, obsolet und nur mehr repräsentativ, während die Verwaltung ihre wachsende Arbeitsbelastung als wachsende Zuständigkeit und Macht begriff. Der Souverän wurde zur bloßen Systemadresse, und Souveränität selbst wurde letztlich zur Verwaltungssache.[342] Entsprechend entfielen die submissiven und zeremoniös rhetorischen Codes der Beschwerde – die Supplik wurde zum Rekurs und die persönliche Beschwernis zu einem aufs Sachliche reduzierten Einzelfall, so dass man nicht mehr auf die Gunst des Zufalls, auf gute Beziehungen oder fürstliche Launen rechnen konnte, sondern einen festgelegten Parcours durch die Rechtsinstanzen nehmen musste, auch und gerade im außerordentlichen oder metarechtlichen Erledigungsprozess.[343] Weil unter den Vorzeichen dieser streng geregelten Öffnung eines sonst geschlossenen Rechts- und Verwaltungssystems[344] nicht-formalisierbare Gründe ausgelassen werden mussten; und weil von der ›Bürokratie‹, wie man nun sagte, anders als vom Fürsten keine einmaligen, außerrechtlichen Gnadenerweise mehr zu erwarten standen, entwickelte sich jene erwähnte Art des ›Amtsbegehrens‹, das sich an der Erwartung seiner Unerfülltheit nährt.
So beschwerlich es heutzutage scheint, eine regelrechte ›Kritik der Verwaltung‹ zu formulieren – vor zwei Jahrhunderten lagen die Dinge noch anders. Denn seit ihrem Aufkommen als Begriff und Sache war es ein Leichtes, ›die Bürokratie‹ zu kritisieren. ›Bürokratiekritik‹ ist letztlich ein Pleonasmus: Als Mitte des 18. Jahrhunderts, nach dem Aufbau einer zentralisierten Verwaltung im Frankreich Ludwigs XV., erstmals von ›bureaucratie‹ die Rede war, galt dieser Ausdruck als bloßer Spottbegriff. Der Physiokrat Vincent de Gournay, dem die Wortprägung zugeschrieben wurde, zielte mit ihr auf die verkappte Souveränität eigentlich subalterner Schreiber und auf deren kontraproduktive, weil den Handel sinnlos reglementierenden Übergriffe.[345] Ins Deutsche importierte den Terminus allerspätestens Johann Heinrich Campe mit seinem Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Wörter (1801–1813), in dem er ihn als anmaßende »Stellenherrschaft« und »Amtstubenherrschelei« übersetzte.[346] Wer ›Bürokratie‹ sagte, forderte also auch im Deutschen zugleich ihre Abschaffung oder wenigstens Reform. Denn Anlass zur Beschwerde oder vielmehr Fundamentalkritik bot sie allenthalben: Unter den »bevorzugten Ständen, namentlich bei den Standesherren und den ritterschaftlichen Gutsbesitzern« beschwerte man sich »über gesuchte oder natürliche Rücksichtslosigkeit in den Formen des amtlichen Verkehres«; »Gewerbetreibenden« stieß »[u]nnöthiges Vielregieren und unzweckmässiger Formenkram« ebenso auf wie die »Unkenntniss oder Missachtung der Bedürfnisse und Gewohnheiten des gewerblichen Verkehrs«; die »im öffentlichen Dienste stehenden oder mit öffentlichen Arbeiten beauftragten Techniker« sparten nicht an »Beschwerden über den Mangel an wahrer Einsicht, über die Erdrückung durch nutzlose Schreiberei und störende sowohl als nichtssagende Controle«; und die Vertreter der Gemeinden klagten »über selbstgefälliges Befehlen ohne Kenntniss der näheren Verhältnisse« sowie dauernde »Quälerei mit Schreiben, Anzeigen, Berichten«, so dass ihnen »tüchtiges Gemeindeleben und Bureaukratie« nur »als unversöhnliche Gegensätze« erscheinen konnten.[347]
Diesen Beschwerde-Katalog, der die bis heute immer wieder aufgerufenen Topoi von ›Bürokratiekritik‹ versammelt, erstellte 1846 der schwäbische Staatswissenschaftler und Politiker Robert von Mohl, nicht ohne eine sachliche Definition zu geben und damit zugleich eine grundsätzliche Kritik der »Bureaukratie« zu formulieren: Sie sei jene Einrichtung von Ministerien oder Verwaltungsbehörden, durch die »die Geschäfte nicht collegialisch berathen, sondern vom Vorstande an einzelne Referenten gegeben und von diesen für seine selbstständige Entscheidung vorbereitet werden«, was allererst die Herrschaft der Akten ermöglicht habe; damit aber erweise sie sich »als die falsche Auffassung der Staatsaufgabe, vollzogen durch einen zahlreichen, zum Theile aus sehr mittelmässigen Gliedern bestehenden, daher mit rein formellem Gebahren sich begnügenden und mit manchfachen [sic] persönlichen Unarten behafteten Organismus von gewerbsmässigen Beamten.«[348] Bei von Mohl ist Bürokratiekritik immer auch Medienkritik, schließlich werden in diesem administrativen System die Stimme, Aussprache und Beratung verdrängt,und zwar durch die Schrift,die Aktenversendung und Verordnung, ebenso wie hier »fehlende persönliche oder örtliche Kenntniss ersetzt werden soll durch Papiercontrolen«.[349] Überdies ist hier Bürokratiekritik eine Art Meta-Kritik: Nicht nur, dass sie das ›eherne Gehäuse‹ der Aktenherrschaft im Namen einer überpersönlichen Subjektivität angreift, die ›nicht dermaßen verwaltet zu werden‹ wünscht;[350] sie zielt auch auf die Zugänglichkeit der Bürokratie für Beschwerden, die im Namen einer Person und ihrer behördlich nachvollziehbaren ›Beschwer‹ eingereicht werden. Von Mohls Vorwurf lautet, dass sich die Beamtenkaste gegen alle Kritik verschließt und immunisiert, indem sie ihre Kerngeschäfte abseits öffentlicher Kontrolle betreibt; und dass den Beschwernissen, die sie dem Volk und öffentlichen Leben auferlegt, nicht mit Beschwerden zu begegnen ist, denen für die Verwaltung irgendein Gewicht zukommt. Auf dem Amtsweg findet die molestia durch die querela keine Linderung. Deshalb empfiehlt von Mohl jedem Bürger die »Beschwerdeführung bei höheren Behörden, schliesslich bei den Ständen«, ja er bezeichnet die »öffentliche Beschwerde« sogar als »Bürgerpflicht«.[351]
Von Mohls Aufruf war ein solcher zur Revolution – oder zumindest einer gegen die Restauration. Schließlich hatte 1789 das französische Munizipalgesetz erstmals jene Selbstverwaltung der Gemeinden festgeschrieben, welche die napoleonische Verwaltungsordnung von 1800 im Sinne einer strikt zentralistischen Bürokratisierung dann wieder beseitigte.[352] Die deutsch-österreichischen Verwaltungen waren dem zunächst gefolgt, ehe man im Vormärz, insbesondere in den südwestdeutschen Staaten, von liberaler Seite her eine ›volkstümliche‹ Selbstverwaltung verlangte und aus den Reihen der demokratischen Opposition die Maximalforderung nach der Abschaffung des Bürokratie-Systems insgesamt erhob. Die Minimalforderung betraf geregelte Beschwerdeverfahren auch für das Volk, nachdem bislang nur die Ständeversammlungen, der Landrat oder Bezirksbeamte das Recht der Vorstellung oder des Rekurses hatten. Gerade die mittlere Verwaltungsebene der Kreisregierungen mit ihrem Übermaß an Personal, ihrer umständlichen Administration und ihrem autoritären Gebaren nahm man dabei ins Visier. Und tatsächlich führte die vormärzliche Kritik, trotz der gescheiterten Revolution, zu grundsätzlichen Veränderungen, etwa zu Visitationen mit direkten, auch mündlichen Verhandlungen – und zur Etablierung geregelter Beschwerdeverfahren. Das Badische Verwaltungsgesetz von 1863 etwa beauftragte die Landeskommissäre damit, »fürsorglich die nötigen Anordnungen zur Abhilfe von Beschwerden und Mißständen sofort« zu erlassen.[353] Möglich geworden war also, wenn schon nicht die Abschaffung der Bürokratie, so doch die verfahrensrechtlich garantierte Beschwerde über dieselbe.
Während die einen – von Karl Marx bis hin zu Alfred und Max Weber – die ›Unentrinnbarkeit‹ der Bürokratie, ihres ›Apparats‹ und ›stahlharten Gehäuses‹ beklagen sollten, sprachen Verwaltungsexperten von einer ›Errungenschaft‹: Mit dem Bürokratieprinzip sei, anstelle bloßer Herrscherwillkür, erstmals die Verrechtlichung und Formalisierung des obrigkeitlichen Handelns garantiert, die Erledigung konkreter bürgerlicher Angelegenheiten ›ohne Ansehen der Person‹. Dafür allerdings, dass das Walten der Verwaltung selbst kontrollierbar wurde, garantierte erst das Rechtsmittel der Beschwerde. Im 19. Jahrhundert versuchte es die Verwaltung zunächst nach ihren Vorstellungen einzurichten, ehe der Widerstand gegen eine bloß interne ›Administrativjustiz‹ und die Forderung nach unabhängigen Instanzen die verwaltungsgerichtliche Kontrolle etablierte.[354] Die Fach- und Dienstaufsichtsbeschwerde und das – verwaltungsspezifische – Widerspruchsverfahren bieten seither Gelegenheit, sich von bürokratischer ›Beschwer‹ (durch gewisse Verwaltungsentscheidungen, verletzte Dienstpflichten oder persönliches Fehlverhalten der Bürokraten) per Klage zu befreien. Allerdings bleibt die Beschwerde auf schriftlich-formellem Wege eine wahrhaft bürokratische Angelegenheit: Sie ist dazu gezwungen, »ein bestimmtes Klageschema zu benutzen, vorgeprägte Themen und Begründungen zu wählen und die nicht-formalisierbaren Gründe des Konfliktes zu verschweigen.«[355] Nur wenn sich Verwaltungen dem Parteienverkehr zu öffnen haben, befassen sie sich auch mit informell gehaltenen oder auf Informelles zielenden Beschwerden. In der modernen Wohlfahrtsbürokratie etwa ist der interaktive Kontakt zwischen Behörde und Bürger, ist das ›Ansehen der Person‹ unvermeidlich. Und weil hier enttäuschte Ansprüche nicht selten spontane, unwillkürlich artikulierte Beschwerden nach sich ziehen, sind solche Ämter auf Distanzierung angelegt: Wartezonen und Barrieren, behördliche Terminregime, der Habitus des öffentlichen Funktionsträgers und dessen Gebrauch amtlicher Terminologie bewirken vorweg ein gewisses cooling out. Und kommt es trotzdem zu affektiv aufgeladenen Szenen der Klage und des Unmuts, ja zu regelrechten Dramen der Beschwerde – seien es versöhnliche Komödien, seien es unauflösliche Tragödien –, begegnen diesen die Bürokraten durch eingeübte Verhaltensskripte, oder sie regeln sie in allerletzter Instanz durch ›emotional labour‹.[356]
Ungeachtet der nach und nach konsolidierten Verwaltungs- und Beschwerderoutinen blieb jener Beschwerdekatalog oder vielmehr: jene Sammlung von Gemeinplätzen der Bürokratiekritik, die von Mohl Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt hatte, bis ins späte 20. Jahrhundert in Gebrauch. Die alten fundamental kritischen Motive wanderten dabei ein in eine politische oder populistische Rhetorik, die ›den Menschen‹ immer wieder ›schnelle und unbürokratische Hilfe‹ zukommen zu lassen verspricht. In diesem Zuge entstand der Begriff der ›Entbürokratisierung‹, der zu Zeiten der Weimarer Republik noch bloß die Verwaltungsvereinfachung, in der Nazizeit dann die Freiheit von alten Rechtsbindungen bedeutete. Seit den 1970er Jahren meinte er indes die ›überfällige‹ Antwort auf die angeblich drängende (empirisch aber nicht nachgewiesene) Unzufriedenheit ›der Menschen‹ mit ›der Bürokratie‹.[357] Zur Sache veranstalteten nun die CDU und SPD wissenschaftlich hochkarätige Konferenzen, deren Motive im ersten Fall wohl primär der Rückbau des Wohlfahrtsstaats, im zweiten die größere ›Bürgernähe‹ der Verwaltung gewesen sein mochten. Allemal jedoch bezog man den Vorwurf des Bürokratismus allein auf staatliche Behörden, vernachlässigte man also, wie weit administrative Verfahren auch neben der staatlichen Domäne Fuß gefasst oder Organisationskonzepte der Wirtschaft die des Staats geprägt hatten; und allemal konstruierte man einen fundamentalen Gegensatz zwischen dem reglementierenden, starren und bürokratischen Staat einerseits, der ›freien‹, aber immerzu unnötig strapazierten Wirtschaft und der ebenso gegängelten Gesellschaft andererseits. Länderkommissionen wurden eingerichtet und mit der ›Entbürokratisierung‹ ein neues Politik- und Professionalisierungsfeld geschaffen, das parasitäre Verwaltungen, nämlich umfängliche Entbürokratisierungsbürokratien heranzüchtete. Was dann mit der Ära Kohl als ›schlanker Staat‹ und mit der Regierung Schröder als ›aktivierender Staat‹ verkündet wurde, revidierte das klassische Verständnis des öffentlichen Diensts: als Gegengewicht zur Privatwirtschaft und der Marktdynamik, besonders wenn es um essentielle soziale Dienstleistungen geht.[358]
Die 1970er und 1980er Jahre mit ihrer ökonomischen Krise, dem steigendem Wettbewerbsdruck durch die Globalisierung und mit der Einführung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien reaktivierten die antietatistischen Motive des älteren Kapitalismus. Sie begünstigten ein Reinventing Government, das die Staatsbürokratien nach dem Muster neoliberaler Vordenker (wie Ludwig von Mises) an profitorientierten Unternehmen ausrichten und entsprechend reformieren wollte.[359] In dieser Perspektive erschienen Bürokratien als Unding: als Großunternehmen,diekaumzusteuernwarenunddeshalboffenbarauf die Maximierung des Budgets zielten; die auf ihrem Sektor der Dienstleistung ein absolutes Monopol besaßen; und denen nur ein Abnehmer, nämlich die Regierung, gegenüberstand. Deshalb unterstellte die halb verwaltungsreformerische, halb wirtschaftslobbyistische[360] Bewegung des New Public Management die öffentliche Verwaltung (mindestens) dreierlei Imperativen: Erstens die Einführung privatwirtschaftlicher Management-Methoden in den Dienst, etwa strikte Budgetdisziplin oder Leistungsvorgaben, die mittels Indikatoren zu kontrollieren sind, und damit verknüpft die Öffnung der Behörden für den ›freien Markt‹, besonders in Form von Beratungen oder des contracting-out (einer Auslagerung von Teilbereichen des Verwaltungsdiensts, also der Kommerzialisierung eigentlich hoheitlicher Aufgaben);[361] zweitens der Rollenwechsel vom Bürokraten zum Dienstleister und, komplementär, vom Bürger zum ›Kunden‹,[362] dessen (vermeintlichen) Ansprüchen, Wünschen und Vorstellungen das Verwaltungspersonal zu entsprechen hat; und drittens ein dauernder Reform- und Innovationsdruck, den man als Regime der neuen Steuerungsprogramme (mit ihren Leitbegriffen motivation und creativity) verstehen kann, als ökologisch reflektierte Fehler- und Lernkultur oder auch als laufende Rückkopplung mit den Bedürfnissen und Beschwernissen der eigenen ›Kunden‹.[363]
In privatwirtschaftlichen Betrieben ist das ›Complaint Management‹ ein Teil des ›Customer Relations Management‹ oder,in der Dienstleistungsbranche, des ›Customer Experience Management‹. Dieses Management dient nicht nur als ein Marketingmittel, das signalisiert, wie ernst das Unternehmen die ›Sorgen‹ seiner Kunden nimmt. Es liefert vor allem kostenlose ›Marktforschungsinformation‹, die weniger zur Revision der eigenen Marketing- oder Produktionspraktiken Anlass gibt, als dass sie Aufschluss verschafft über die Launen und damit das Konsumverhalten der eigenen Kunden. Bei auffällig hohen Beschwerdequoten erfolgt eine ›Schwachstellenanalyse‹. Doch auch bei niedrigen Quoten sind die Unternehmen wachsam, denn nur ein Bruchteil (vier Prozent, wie es heißt) der unzufriedenen Kunden reichen tatsächlich eine Beschwerde ein, beschweren sich aber informell bei weiteren (etwa zehn) Personen.[364] Fast jede beantwortete Beschwerde führt zu merklich höherer ›Kundenbindung‹, während der Aufwand, einen Neukunden zu gewinnen, fünfmal so hoch sein soll wie der zur Wahrung eines bestehenden Geschäftsverhältnisses. Angesichts dieser Zahlen ist der erste Schritt des Beschwerdemanagements die ›Beschwerdestimulierung‹, bei der jene ›Barrieren‹ beseitigt werden sollen, die die Artikulation etwaiger Unzufriedenheiten hemmen könnten, und bei der zugleich unterschiedliche (mündliche, schriftliche, telefonische, Online-)Beschwerdekanäle zu eröffnen sind. Was folgt, nennt sich ›Beschwerdeannahme‹, ›Beschwerdebearbeitung‹ und ›Beschwerdereaktion‹, ›Beschwerdeauswertung‹ und schließlich ›Beschwerdemanagement-Controlling‹.[365] Wenn man unbedingt will, kann man – um der Vergleichbarkeit von Unternehmen und Behörden willen – die Reklamationen im Konsumbereich mit den formellen Rechtsmitteln in der Verwaltung vergleichen. Letztlich indes befinden sich Verwaltungen in keiner Wettbewerbslogik, vertreiben sie keine Konkurrenzprodukte, zielen sie nicht auf Umsatzsteigerung, Produktoptimierung und Kundenbindung. Und wenn »Re-Budgetierungen und veränderte Vertragsbedingungen«[366] im öffentlichen Sektor angeführt werden, so sind dies keine zwangsläufigen, sondern durchaus gewollte oder programmatische und deshalb erzeugte Analogien zu Markt und Management.
Zwischen Behörden und Unternehmen hinken die Vergleiche. Wenn jedoch Budgetkürzungen den öffentlichen Dienst ereilen, verquickt sich hier leicht eine pseudokritische Rhetorik der ›Entbürokratisierung‹ mit einer pseudopolitischen der ›Bürgernähe‹, deren managerialistischer Verknüpfungspunkt in der Beschwerde liegt. In diesem Sinne verkündete etwa 2009 das deutsche Bundesland Niedersachsen in Gestalt seines Innenministers einen »Paradigmenwechsel vom hoheitlichen Anordnungsstaat hin zum Verhandlungsstaat« und berief sich damit allem Anschein nach auf ältere bürokratiekritische und emanzipatorische Motive.[367] Hinter der rhetorischen Fassade hatte man allerdings zuvorderst die Abschaffung des Widerspruchsverfahrens im Auge, die der Verwaltung Zeit und Kosten sparen, der Öffentlichkeit aber als deliberatives im Gegensatz zum bürokratisch-formalisierten Verfahren verkauft werden sollte. Weil im Zuge dieser Maßnahme den widerspruchswilligen Bürgern allein noch die gerichtliche Klageerhebung geblieben wäre, diese aber der Verwaltung noch höhere Kosten verursacht hätte, ging das Land in die Offensive, stellte den Kommunen den Verzicht auf Rechtsbehelfsbelehrungen und deren Fristen anheim,empfahl formlose Einigungsmöglichkeiten und zudem gezielte Öffentlichkeitsarbeit. Die Abschaffung der geregelten Widerspruchs- oder Beschwerdeverfahren sollte also durch informelle und unverbindliche Verhandlungen, durch die Möglichkeit, die Rechtsaufsicht ›anzuregen‹, und durch die Beteuerung der eigenen ›bürgerfreundlichen‹, nicht mehr nur ›anordnungsstaatlichen‹ Absichten kompensiert werden, die zuletzt in eine ›Verbesserung‹ der Verwaltungsbescheide münden werde.[368] Genau an diesem Punkt schlägt die Stunde des ›Beschwerde-‹ oder ›Anliegenmanagements‹, das von Rechtswegen und -garantien auf den Jargon der ›Qualität‹ und ›Partizipation‹ umschwenkt, der ›Kundenzufriedenheit‹ und ›Akzeptanz‹. Heißt es in solch einer ›neuen‹ Verwaltungskonzeption, im öffentlichen Sektor werde »die positive Wahrnehmung der Dienstleistungsqualität und damit nicht zuletzt deren Legitimität angestrebt«,[369] so wäre dieser pseudojuristischen Bestimmung Niklas Luhmanns apodiktischer Befund entgegenzuhalten:
Die Entscheidungen der Verwaltung sind für den Empfänger verbindlich, können also nicht durch ihn legitimiert werden. Die Verwaltung kann ihre Leistungen nicht, wie ein Produktionsunternehmen, in direkten Tauschbeziehungen mit einem Kreis von Kunden absetzen und sichaufdiesemWegeihreExistenzmittelverdienen.[…] EswirdeinEntscheidungshandeln zuwege gebracht, das für niemanden persönlich attraktiv, trotzdem aber im Gesamtinteresse sinnvoll ist. […] Das Publikum fühlt sich mit Recht abstrakt behandelt.[370]
Seiner Idee nach absorbiert das complaint management oder, positiver und barrierefreier formuliert, ›Anliegenmanagement‹ das formale Verfahren der Beschwerde ebenso wie die Topoi vormaliger Bürokratiekritik. Auf seiner Benutzeroberfläche zeigt es sich ansprechbar für alles, nur nicht für grundsätzliche Kritik. »Wir können und dürfen über alles diskutieren, aber nicht über das Betriebssystem der neuen Bürokratie.«[371] Letztlich soll auch die Beschwerde keine Störung sein, sondern Schmiermittel im Change- und Optimierungsprozess. Keinesfalls soll sie – im Gegensatz zur individualisierbaren Beschwerde mit ihrer persönlichen ›Beschwer‹ – ein kritischer, im Namen einer überpersönlichen Subjektivität und Sache vollzogener Sprechakt sein und als solcher Öffentlichkeit stiften.[372] Die Rolle des Kritikers oder auch nur anspruchsberechtigten Bürgers verflüchtigt sich im selben Maße zur Rolle eines Kunden und Konsumenten, wie das Formular die Beschwerde zur Anregung vorformatiert.[373] Wenn aber in Behörden ›Kundenbindung‹ nicht das Problem sein kann, was ist dann der tiefere Sinn des Beschwerdemanagements? ›Verbesserter Service‹, ›Akzeptanz‹ oder ›Partizipation‹? Hinter den Kulissen der Marketing-Parolen sind wohl eher die Vermeidung von Verfahrenskosten und überhaupt Einsparungen das Movens und – in diesem Sinne – eine bessere, durch die zusätzliche Controlling-Ebene der complaints und ihres ownings verdichtete Beaufsichtigung des Personals. Dass man im Übergang von der Bürokratie-Kritik zur Beschwerde, dann zur Anregung und zuletzt zum kreativen Feedback einen abnehmenden Grad von diskursiver Systemaversion beobachten kann; und dass die Verwaltung mit ihrer ›Kundenorientierung‹ vom Gegenstand und Adressaten diverser Beschwerden zuletzt zu deren Stimulator und Katalysator geworden scheint, ist jedoch vielleicht noch nicht das letzte Wort. Denn noch gibt es Beschwerden jenseits der behördlich gemanagten ›Beschwerdekanäle‹: Bürger, die nicht nur als Kunden sprechen wollen, suchen sich in Social Media zumindest eine Para-Öffentlichkeit, in der Kritik und Beschwerde ebenso zuverlässig gedeiht wie der unkanalisierte Affekt und das schamlose Ressentiment; die Angestellten des neuen Beschwerdemanagements beschweren sich über die Transformation ihrer Tätigkeit in »bullshit jobs«; und selbst in Unternehmen, die (wie Bertelsmann) an der Einführung des NPM maßgeblich beteiligt waren, kommt es zu Beschwerden über die eigene Abwicklungslogik von Beschwerden.[374]
[Anonymus]: Correspondance littéraire, philosophique et critique de Grimm et de Diderot, Bd. 4: 1764–1765, Paris 1829.
Ahmed, Sara: Complaint!, Durham and London 2021.
Argyriades, Demetrios: From Bureaucracy to Debureaucratization?, in:
Public Organization Review 10 (2010), S. 275–297.
Baecker, Dirk: Organisation und Störung, Berlin 2011.
Bartmann, Christoph: Leben im Büro. Die schöne neue Welt der Angestellten, München 2012.
Bogumil, Jörg und Werner Jann: Verwaltung und Verwaltungswissenschaft in Deutschland. Einführung in die Verwaltungswissenschaft, 2., völlig überarbeitete Auflage, Wiesbaden 2009.
Boucher, Geoff: Bureaucratic Speech Acts and the University Discourse: Lacan’s Theory of Modernity, in: Justin Clemens and Russell Grigg (Hg.): Jacques Lacan and the Other Side of Psychoanalysis. Reflections on Seminar XVI, Durham/London 2006, S. 274–291.
Brezina, Tadej, Günter Emberger und Wolfgang Rollinger: Vom Beschwerde- zum Anregungsmanagement im Österreichischen öffentlichen Verkehr. In: ÖZV 1–2 (2012), S. 10–15.
Brock, Christian u.a.: Der Bürger als Kunde. Anliegenmanagement im öffentlichen Sektor, in: Stephan A. Jansen, Eckhard Schröter und Ni-Deutschland wagen. Warum die administrative Belastung von Unternehmen gesenkt werden muss. Messverfahren übt über Kostenoffenlegung öffentlichen Druck aus (2005) – https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Presse/imported/downloads/xcms_bst_dms_17023_17024_2.pdf (letzter Aufruf 25.03.2022).
co Stehr (Hg.): Bürger.Macht.Staat? Neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe,Teilnahme und Arbeitsteilung,Wiesbaden 2012,S. 109–124.
Campe, Johann Heinrich: [Art.] Bureaucratie, in: Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke, Braunschweig 1813.
Cancik, Pascale: Selbst ist das Volk? – Der Ruf nach »Volkstümlichkeit der Verwaltung« in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Der Staat 43 (2004), S. 298–327.
Cancik, Pascale: Vom Widerspruch zum informalen Beschwerdemanagement.Siegt der ›Verhandlungsstaat‹ über den ›hoheitlichen Anordnungsstaat‹?, in: Die Verwaltung 43/4 (2010), S. 467–499.
Crouch, Colin: Postdemokratie, Frankfurt a.M. 2008.
Foucault, Michel: Was ist Kritik?, Berlin 1992.
Garot, Robert: »You’re not a stone«. Emotional Sensitivity in a BureaucraticSetting,in:JournalofContemporaryEthnography,33/6(2004), S. 735–766.
Graeber, David: Bullshit Jobs. A Theory, London 2018.
Graeber, David: The Utopia of Rules. On Technology, Stupidity, and the Secret Joys of Bureaucracy, Brooklyn/London 2015.
Grether, Thomas: Weniger Bürokratie in Deutschland wagen. Warum die administrative Belastung von Unternehmen gesenkt werden muss. Messverfahren übt über Kostenoffenlegung öffentlichen Druck aus (2005) – https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmi n/files/BSt/Presse/imported/downloads/xcms_bst_dms_17023_170 24_2.pdf (letzter Aufruf 25.03.2022).
Haas, Stefan: Die Kultur der Verwaltung. Die Umsetzung der preußischen Reformen 1800–1848, Frankfurt a.M. 2005.
Jakob, Rafael und Burkhardt Wolf: Der verwaltete Souverän. Kleists Michael Kohlhaas und die preußischen Reformen, in: Administory 8 (2023; im Erscheinen).
Kafka, Ben: The Demon of Writing. Powers and Failures of Paperwork, New York 2012.
Klikauer, Thomas: Managerialism. A Critique of an Ideology, Basingstoke/Hampshire 2013.
Krosigk, Rüdiger von: Bürger in die Verwaltung! Bürokratiekritik und Bürgerbeteiligung in Baden. Zur Geschichte moderner Staatlichkeit im Deutschland des 19. Jahrhunderts, Bielefeld 2010.
Luhmann, Niklas: Die Grenzen der Verwaltung, hg. v. Johannes F. K. Schmidt und Christoph Gesigora, Berlin 2021.
Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, 2. Aufl., Berlin 1972.
Mauerer, Esteban: Suppliken und Rekurse. Bayern im frühen 19. Jahrhundert, in: ders. (Hg.): Supplikationswesen und Petitionsrecht im Wandel der Zeit und im Spiegel der Publikationen der Historischen Kommission, Göttingen 2020, S. 59–83.
Meer,Frans-Bauke van der: New Public Management and Evaluation,in: Christopher Pollitt, Sandra van Thiel und Vincent Homburg (Hg.): New Public Management in Europe. Adaptation and Alternatives, Basingstoke/Hampshire 2007, S. 165–180.
Mohl, Robert von: Über Bureaukratie, in: Klaus von Beyme (Hg.): Politische Schriften. Eine Auswahl, Wiesbaden 1966, S. 276–310.
Palupski, Rainer: Marketing kommunaler Verwaltungen, München/ Wien 1997.
Schönig, Werner und Jutta Figgen: Beschwerdemanagement als Chance für eine ARGE. Ein Beispiel zur substantiellen Füllung des ›Kunden‹-Begriffs in der Sozialpolitik, in: Sozialer Fortschritt 4/2006, S. 95–99.
Schröter, Eckhard: New Public Management. In: Sylvia Veit, Christoph Reichard Göttrik Wewer (Hg.): Handbuch zur Verwaltungsreform, 5., vollständig überarb. Aufl., Wiesbaden 2019, S. 115–126.
Wesselmann, Stefanie und Bettina Hohn (Hg.): Public Marketing. Marketing-Management für den öffentlichen Sektor, 4., vollständig überarb. Aufl., Wiesbaden 2017.
RupertGaderer ist Akademischer Oberrat auf Zeit am Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum und Co-Leiter des Teilprojekts »Virtuelle Streitwelten. Foren und Tribunalisierungsdynamiken« am DFG Sonderforschungsbereich »Virtuelle Lebenswelten« der Ruhr-Universität Bochum. Forschungsschwerpunkte: Literatur- und Medienwissenschaft. Publikationen u.a.: Querulieren. Kulturtechniken, Medien und Literatur 1700–2000 (Heidelberg 2021); (zus. mit Friedrich Balke, Hg.): Medienphilologie. Konturen eines Paradigmas (Wallstein 2017); (zus. mit Wim Peeters, Hg.): Syndrome. Fiktionen und Pathologien (Hannover 2021).
Davide Giuriato ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. Forschungs- und Lehrtätigkeiten außerdem an den Universitäten Basel, München, Salzburg, Frankfurt a.M., Wien, Dortmund, Münster, Berlin, Cambridge MA, Hamburg. Publikationen u.a.: Mikrographien. Zu einer Poetologie des Schreibens in Walter Benjamins Kindheitserinnerungen (München 2006); »klar und deutlich«. Ästhetik des Kunstlosen im 18./19. Jahrhundert (Freiburg i.Br. 2015); (zus. mit Eckhard Schumacher, Hg.): Drastik. Ästhetik –Genealogie –Gegenwartskultur (Paderborn 2016); (zus. mit Christian Begemann, Hg.): Adalbert Stifter Handbuch (Stuttgart 2017); Infinitely Determinable. Children and Childhood in Modern German Literature (Zürich 2021).
Manuela Klaut ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur Kunst- und Kulturgeschichte der Bauhaus-Universität Weimar und Dozentin am Institut für Kultur und Ästhetik digitaler Medien in Lüneburg und an der HMT in Leipzig. Die Forschungsschwerpunkte der Medien- und Kulturtechniken des Rechts beschäftigen sie seit dem Studium in Weimar, wo sie gemeinsam mit Fabian Steinhauer das erste »Festival des nacherzählten Falls« veranstaltete. Aktuell arbeitet sie an einem Buch über die Verfahren digitaler Rechtsfindung und forscht zu filmischen und tatsächlichen Institutionsgeschichten. Publikationen u.a.: (zus. mit Claus Pias und Gottfried Schnödl, Hg.): Stimmen hören (für Wolfgang Hagen), (Berlin 2020); (zus. mit Ulrike Hanstein und Jana Mangold, Hg.): Reparaturwissen DDR (Zeitschrift für Medienwissenschaft 27, 2023); Kluges Fälle. Vorarbeiten zu Abschied von gestern (Leipzig, im Erscheinen).
Johannes F. Lehmann ist seit 2014 Professor für Neuere deutsche Literatur- und Kulturwissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Promotion in Freiburg mit der Arbeit Der Blick durch die Wand. Zur Geschichte des Theaterzuschauers und des Visuellen bei Diderot und Lessing (Freiburg i.Br. 2000); Habilitation in Duisburg-Essen: Im Abgrund der Wut. Zur Kultur- und Literaturgeschichte des Zorns, Freiburg i.Br. (Rombach 2012). Forschungsschwerpunkte: Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, kulturwissenschaftliche Fragen zur Genealogie der Moderne: Theater, Anthropologie, Lebenskraft, Recht, Zorn, Rettung, Gegenwart. Neueste Publikationen: (zus. mit Kerstin Stüssel, Hg.): »Gegenwart« denken. Diskurse, Medien, Praktiken (Hannover 2020); (zus. mit Alexander Kling, Hg.): Kafkas Zeiten (Würzburg, Forschungen der deutschen Kafka-Gesellschaft 7, 2023).
Juliane Prade-Weiss ist Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 2007–19 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität Frankfurt, wo sie zum Dr. phil. promoviert wurde. 2017–19 war sie als DFG-Forschungsstipendiatin an der Yale University, um ihre Habilitation abzuschließen, die erschienen ist unter dem Titel Language of Ruin and Consumption: On Lamenting and Complaining (Bloomsbury 2020). 2019–20 war sie EU Marie-Curie Fellow an der Universität Wien mit dem Projekt »Complicity: A Crisis of Participation in Testimonies of Totalitarianism in Contemporary German-language Literatures«.Ihre Arbeitsschwerpunkte umfassen unter anderem moderne deutsch- und englischsprachige Literatur, russische und tschechische Literatur, Ästhetik, Literatur und Psychoanalyse, Affekt- und Emotionstheorie sowie den Zusammenhang von Sprache und Gewalt.
Linda Waack ist Oberassistentin am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Nach dem Studium der Geschichte und Germanistik in Tübingen war sie Junior Fellow am Internationalen Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie (IKKM) in Weimar und von 2016 bis 2022 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Filmwissenschaft der Freien Universität Berlin. Publikationen u.a.: Der kleine Film. Mikrohistorie und Mediengeschichte (Paderborn 2020); (zus. mit Natalie Lettenwitsch, Hg.): Ein- und Ausströmungen. Medialität der Atmung (Bielefeld 2022).
Burkhardt Wolf ist Professor für Neuere deutsche Literatur unter besonderer Berücksichtigung von Literatur- und Medientheorie an der Universität Wien, zuvor Heisenberg-Stipendiat der DFG, Gastprofessor an der HU Berlin, IU Bloomington, LMU München, UC Santa Barbara. Forschungsschwerpunkte: Diskursgeschichte von Gewalt, Ökonomie und Gouvernementalität; Wissenspoetik des Affekts; Kultur- und Mediengeschichte der Seefahrt; Verwaltung und Archiv; Medienästhetik des Films; Publikationen u.a.: (zus. mit Peter Plener und Niels Werber, Hg.): Das Protokoll (Berlin 2023) und Das Formular (Berlin 2021); (zus. mit Roland Innerhofer, Hg.): Teilweise Musil. Kapitelkommentare zum »Mann ohne Eigenschaften« (Berlin 2022).
[1] Juliane Prade-Weiss: Language of Ruin and Consumption. On Lamenting and Complaining, New York 2020.
[2] Rupert Gaderer: Querulieren. Kulturtechniken, Medien und Literatur 1700–2000, Heidelberg 2021.
[3] Exemplarisch seien genannt: Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin 2017; Stephan Lessenich: Grenzen der Demokratie. Teilhabe als Verteilungsproblem, Ditzingen 2019; Charles Taylor, Patrizia Nanz und Madeleine Beaubien Taylor: Reconstructing Democracy. How Citizens Are Building from the Ground up, Cambridge, Mass. 2020.
[4] Aus der Vielzahl siehe Ernst-Wolfgang Böckenförde: Die Überlastung des Bundesverfassungsgerichts, in: Zeitschrift für Rechtspolitik 29.8 (1996), S. 281–284; Erhard Blankenburg: Die Verfassungsbeschwerde. Nebenbühne der Politik und Klagemauer von Bürgern, in: Kritische Justiz 31.2 (1998), S. 203–218.
[5] Robin M. Kowalski: Complaining, Teasing, and Other Annoying Behaviors, New Haven 2003, S. 25–51.
[6] Sally Weintrobe: Links between grievance, complaint and different forms of entitlement, in: The International Journal of Psychoanalysis 85 (2004), S. 83–96.
[7] Julian Baggini: Complaint: From Minor Moans to Principled Protests, London, S. 118.
[8] Johanna Ruusuvuori und Pirjo Lindfors: Complaining about previous treatment in health care settings, in: Journal of Pragmatics 41 (2009), S. 2415–2434, hier S. 2415.
[9] Kalina Yordanova: Melancholic response to war destruction and the emergence of a group assumption of post-ness, in: American Journal of Psychoanalysis 78 (2018), S. 53.
[10] Lauren Berlant: The Female Complaint. The Unfinished Business of Sentimentality in American Culture, Durham 2008.
[11] Prade-Weiss: Language of Ruin and Consumption, S. 209–241 und Gaderer: Querulieren, S. 269–284.
[12] Franz Kafka: Amtliche Schriften, hg. von Klaus Hermsdorf und Benno Wagner, Frankfurt a.M. 2004, S. 642–644.
[13] Aristoteles: Hermeneutik 16b 26-17a 3.
[14] Judith Butler: Bodies That Matter. On the Discursive Limits of »Sex«, New York, S. 2.
[15] Cas Mudde und Cristóbal Rovira Kaltwasser: Populism. A Very Short Introduction, Oxford 2017, S. 97–118.
[16] Lena Vöcklinghaus: Die Beschwerdefalle, in: Zeit online, 31.10.2017, https://ww w.zeit.de/kultur/2017-10/sexismus-sexuelle-belaestigung-frauen-beschwerde n/seite-3 (abgerufen am 01.08.2023).
[17] Christine Dössel: Seit wann ist Kunst ein Debattenbeitrag. »Hassrede gemeldet«: Thomas Melles »Ode« am Deutschen Theater Berlin ist eine Kulturbetriebsbeschimpfung und -befragung, in: Süddeutsche Zeitung, 24./25./26.12. 2019, S. 13.
[18] Thomas Melle: Ode, Hamburg 2019, S. 5. Künftig mit der Sigle »Ode« und Seitenangabe im Text.
[19] Luc Boltanski: Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft, Berlin 2013, S. 126–127.
[20] Maren Jäger, Ethel Matala de Mazza und Joseph Vogl: Einleitung, in: Dies. (Hg.): Verkleinerung, Berlin 2021, S. 1–12; Michael Gamper und Ruth Mayer: Erzählen, Wissen und kleine Formen, in: Dies. (Hg.): Kurz & Knapp. Zur Mediengeschichte kleiner Formen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bielefeld 2017, S. 7–22 und Sabiene Autsch und Claudia Öhlschläger: Das Kleine denken, schreiben, zeigen. Interdisziplinäre Perspektiven, in: Dies. (Hg.): Kulturen des Kleinen. Mikroformate in Literatur, Medien und Kunst, Paderborn 2014, S. 9–20.
[21] Johannes F. Lehmann: Zorn, Hass, Wut. Zum affektpolitischen Problem der Identität, in: Jürgen Brokoff und Robert Walter-Jochum (Hg.): Hass/Literatur. Literatur- und kulturwissenschaftliche Beiträge zu einer Theorie- und Diskursgeschichte, Bielefeld 2019, S. 139–166, hier S. 139–140.
[22] Aurel Kolnai: Ekel, Hochmut, Haß. Zur Phänomenologie feindlicher Gefühle, Frankfurt a.M. 2007, S. 100–101.
[23] Judith Butler: Haß spricht. Zur Politik des Performativen, Frankfurt a.M. 2006, S. 36.
[24] Thomas Melle: Clowns auf Hetzjagd, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.2019, S. 37.
[25] Ebd.
[26] Ebd.
[27] Ebd.
[28] Johannes Franzen: Die Fiktion der gesichtslosen Meute, in: ÜberMedien, 10.11.2020, abrufbar unter: https://uebermedien.de/54754/die-fiktion-der-ges ichtslosen-meute/ (abgerufen am 7.6.2023).
[29] Joseph Vogl: Kapital und Ressentiment. Eine kurze Theorie der Gegenwart, München 2021, S. 69.
[30] Jon Ronson: So You’ve Been Publicly Shamed, London 2015.
[31] Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten, Berlin 2017, S. 235 sowie Caja Thimm: Hate Speech und Shitstorms als digitale (Un-)Kultur. Politische und persönliche Reaktionsformen auf Hass im Netz, in: Merz. Zeitschrift für Medienpädagogik 61/3 (2017), S. 52–58.
[32] Elke Wagner: Intimisierte Öffentlichkeiten. Pöbeleien, Shitstorms und Emotionen auf Facebook, Bielefeld 2019, S. 122.
[33] Felix Maschewski und Anna-Verena Nosthoff: Netzwerkaffekte. Über Facebook als kybernetische Regierungsmaschine und das Verschwinden des Subjekts, in: Rainer Mühlhoff, Anja Breljak und Jan Slaby (Hg.): Affekt Macht Netz. Auf dem Weg zu einer Sozialtheorie der Digitalen Gesellschaft, Bielefeld 2019, S. 55–80, hier S. 61.
[34] Shoshana Zuboff: The Age of Surveillance Capitalism. The Fight for a Human Future at the New Frontier of Power, New York 2019.
[35] Nick Srnicek: Platform Capitalism, Cambridge 2016.
[36] Philipp Staab: Digitaler Kapitalismus: Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit, Berlin 2019.
[37] Michael Butter: »Nichts ist, wie es scheint«. Über Verschwörungstheorien, Berlin 2018, S. 179–218 und Nicola Gess: Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit, Berlin 2021, S. 31–48.
[38] Leif Kramp und Stephan Weichert: Haß im Netz. Strategien im Umgang mit Nutzerkommentaren, in: Tanja Köhler (Hg.): Fake News, Framing, Fact-Checking. Nachrichten im digitalen Zeitalter, Bielefeld 2020, S. 537–554.
[39] Thomas Melle: Dinosaurier in Ägypten, in: Raumforderung, Frankfurt a.M., S. 92–133, hier S. 101.
[40] Thomas Melle: Wuchernde Netze, in: Raumforderung, Frankfurt a.M. 2007, S. 144–166, hier S. 148.
[41] Thomas Melle: Bilder von uns, Stuttgart 2021, S. 26 u. S. 45–46.
[42] Ebd., S. 101.
[43] Thomas Melle: Das leichte Leben, Köln 2022, S. 70.
[44] Ebd., S. 47.
[45] Caroline Fourest: Generation beleidigt. Eine Kritik, Berlin 2020, S. 101.
[46] Hope Forsyth: Forum, in: Benjamin Peters (Hg.): Digital Keywords. A vocabulary of information society and culture. Princeton 2016, S. 132–139; Ute Frevert: Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht, Frankfurt a.M. 2017 und Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt a.M. 1994.
[47] Jan C. Suntrup: Einleitung. Über die rechtliche, kulturelle und literarische Bedeutung von Tribunalen, in: Werner Gephart, Jürgen Brokoff, Andrea Schütte und Jan C. Suntrup (Hg.): Tribunale. Literarische Darstellung und juridische Aufarbeitung von Kriegsverbrechen im globalen Kontext, Frankfurt a.M. 2014, S. 9–26.
[48] Cornelia Vismann: Medien der Rechtsprechung, Frankfurt a.M. 2011, S. 146–183.
[49] Zum Verfahren als Operation für institutionelle Entscheidungen siehe Niklas Luhmann: Legitimation durch Verfahren, Neuwied am Rhein 1969, S. 116.
[50] Michel Serres: Der Naturvertrag, Frankfurt a.M. 1994, S. 11.
[51] Bombing in Sacramento: The Letter. Excerpts From Letter by ›Terrorist Group,‹ FC, Which Says It Sent Bombs, in: The New York Times, 26. April 1995.
[52] »It may be just as well that failure of our bombs discouraged us from making any public statements at time. We were young then and our thinking was crude. Over the years we have given as much attention to the development of our ideas as to the developments of bombs, and we now have something to say. And we feel that just now the time is ripe for the presentation of anti-industrial ideas« (ebd.).
[53] Vgl. Lutz Dammbeck: Das Netz. Die Konstruktion des Unabombers, Hamburg 2004.
[54] Vgl. z.B. Dammbeck: Das Netz, S. 78 oder Theodore John Kaczynski: Technological Slavery. Volume One: Revised and Expanded Edition, Scottsdale AR 2019, S. 3: »I have to begin by saying that I am deeply dissatisfied with this book. It should have been an organized and systematic exposition of a series of related ideas. Instead, it is an unorganized collection of writings that expound the ideas unsystematically. And some ideas that I consider important are not even mentioned. I simply have not had the time to organize, rewrite, and complete the contents of this book.«
[55] Manfred Schneider: Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft, Berlin 2010.
[56] So Schneiders Hauptthese: »Das Schreiben ist eine Inskription der Absicht ins Psychische, aus dem sich der Schwung in die Tat ergeben soll« (ebd., S. 340).
[57] Kaczynskis Handschriften und die dazugehörigen FBI-Files werden in der Abteilung »Special Collections« der JosephA.LabadieCollection der University of Michigan Library aufbewahrt. In Teilen sind Kaczynskis Tagebücher online einsehbar in The Ted K. Archive: www.thetedkarchive.com.
[58] Als »lesender Terrorist« wird der Unabomber unter die Lupe genommen von Stefan Preis: Spuren eines Unsichtbaren. Der Fall Kaczynski als Bibliotheksphänomen betrachtet, Berlin 2015. Zu Kaczynskis Belesenheit vgl. zuletzt Sean Fleming: The Unabomber and the origins of anti-tech-radicalism, in: Journal of Political Ideologies 7 (2022), S. 207–225.
[59] Schneider: Das Attentat, S. 340.
[60] Michel Foucault: Der Mord, den man erzählt, in: ders. (Hg.): Der Fall Rivière. Materialien zum Verhältnis von Psychiatrie und Strafjustiz, Frankfurt a.M. 1975, S. 231–241, S. 232.
[61] Ebd., S. 234–235.
[62] Vgl. von den einschlägigen Buchpublikationen z.B. Joachim Schultz: Literarische Manifeste der »Belle Epoque«. Frankreich 1886–1909. Versuch einer Gattungsbestimmung, Frankfurt a.M. und Bern 1981; Wolfgang Asholt und Walter Fähnders (Hg.): »Die ganze Welt ist eine Manifestation«. Die europäische Avantgarde und ihre Manifeste, Darmstadt 1997; Friedrich Wilhelm Malsch: Künstlermanifeste. Studien zu einem Aspekt moderner Kunst am Beispiel des italienischen Futurismus, Weimar 1997; Hubert van den Berg und Ralf Grüttemeier (Hg.): Manifeste: Intentionalität, Amsterdam und Atlanta 1998; Johanna Klatt und Robert Lorenz (Hg.): Manifeste. Geschichte und Gegenwart des politischen Appells, Bielefeld 2011.
[63] Vgl. Schneider: Das Attentat, bes. S. 323–352.
[64] Martin Puchner: Poetry of the Revolution. Marx, Manifestos, and the Avant-Gardes, Princeton und Oxford 2006.
[65] Vgl. Juliane Prade-Weiss: Language of Ruin and Consumption. On Lamenting and Complaining, New York u.a. 2020.
[66] Vgl. [Art.] Manifest, in: Duden. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache, hg. von der Dudenredaktion, Mannheim, Wien und Zürich 1963, S. 420; Malsch: Künstlermanifeste, S. 30–31; Walter Fähnders: [Art.] Manifest, in: Gert Ueding (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 2001, Bd. 5, Sp. 927.
[67] Jacques Rancière: Das Unvernehmen. Politik und Philosophie, Frankfurt a.M. 2002, S. 14.
[68] Jacques Rancière: Die Aufteilung des Sinnlichen. Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien, 2., durchgesehene Auflage, Berlin 2008.
[69] Vgl. Jürgen Fohrmann: Das Manifest als (polemische) Öffentlichkeit. Adresse und Unadressierbarkeit, in: ders., Elke Dubbels und Andrea Schütte (Hg.): Polemische Öffentlichkeiten. Zur Geschichte und Gegenwart von Meinungskämpfen in Literatur, Medien und Politik, Bielefeld 2021, S. 99–118.
[70] Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste, Halle und Leipzig 1731–1754, Bd. 19 (1739), Sp. 966: »Manifest, Lat. Edictum, ist eine schrifftliche Erklärung eines Landes=Herrn oder einer freyen Republic über eine oder die andere Staats=Angelegenheit, worinnen derselben Recht oder Vorhaben, und die Ursachen desselben insgemein bekannt gemacht werden. Also heisset auch ein Aufgebot zum Kriege, darinnen ein Potentate die Ursache, warum er denselben führet, kund machet.« Vgl. zur lexikographischen Persistenz des Kriegsmanifests bis ins 19. und frühe 20. Jahrhundert auch die Ausführungen in van den Berg und Grüttemeier (Hg.): Manifeste, S. 18–25.
[71] Ein Faksimile des Manifests ist zu finden in: Richard von Kralik: Geschichte des Weltkriegs. Das Jahr 1914. Unveränderter Nachdruck der Originalausgabe 1915, Frankfurt a.M. 2022, S. 84. Vgl. Hubert van den Berg: Zwischen Totalitarismus und Subversion. Anmerkungen zur politischen Dimension des avantgardistischen Manifests, in: Asholt und Fähnders (Hg.): »Die ganze Welt ist eine Manifestation«, S. 58–80, S. 60.
[72] So die gängige Meinung, z.B. bei Malsch: Künstlermanifeste, S. 31–37, hier S. 34. Zur Geschichte des politischen Manifests in der Frühen Neuzeit vgl. ebd., S. 44–56.
[73] Vgl. dazu ausführlicher Schultz: Literarische Manifeste, S. 23–31; Malsch: Künstlermanifeste, S. 60–83.
[74] Im Blick auf moderne Manifeste fokussiert Puchner »a genre that must usurp an authority it does not yet possess, a genre that is more insecure and therefore more aggressive in its attempts to turn words into actions« (Puchner: Poetry of the Revolution, S. 12).
[75] Fohrmann: Das Manifest als (polemische) Öffentlichkeit, S. 109.
[76] Walter Fähnders: »Vielleicht ein Manifest«. Zur Entwicklung des avantgardistischen Manifests, in: Asholt und ders. (Hg.): »Die ganze Welt ist eine Manifestation«, S. 18–38, S. 21.
[77] Zu einem konstruktivistischen Gattungsverständnis vgl. dagegen: Rüdiger Zymner (Hg.): Handbuch Gattungstheorie, Stuttgart 2010; Werner Michler: Kulturen der Gattung. Poetik im Kontext (1750–1950), Göttingen 2015.
[78] Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in acht Bänden, Mannheim und Leipzig 1993–1995, Bd. 5, Sp. 2190.
[79] Karl Marx und Friedrich Engels hatten bekanntlich vom Bund der Kommunisten den Auftrag erhalten, ein »Glaubensbekenntnis« zu verfassen. Vgl. Karl Marx: Das Manifest der kommunistischen Partei. Kommentierte Studienausgabe, hg. von Theo Stammen und Alexander Classen, Paderborn 2009, S. 20.
[80] Hubert van den Berg: Das Manifest – eine Gattung? Zur historiographischen Problematik einer deskriptiven Hilfskonstruktion, in: ders. und Grüttemeier (Hg.): Manifeste, S. 193–225, S. 199.
[81] Benjamin Bühler: Manifest, in: ders. und Stefan Willer (Hg.): Futurologien. Ordnungen des Zukunftswissens, Paderborn 2016, S. 317–326, S. 319.
[82] Vgl. ebd., S. 323.
[83] Der Text das Manifests wird nach der deutschsprachigen Ausgabe von Lutz Dammbeck zitiert: Dammbeck: Das Netz, S. 77–185.
[84] Vgl. ebd., S. 79–80: »Die industrielle Revolution und ihre Folgen sind eine Katastrophe für die Menschheit. Zwar ist die Lebenserwartung derer, die in ›hoch entwickelten‹ Ländern leben, dadurch bedeutend gestiegen, gleichzeitig ist aber eine Destabilisierung der Gesellschaft eingetreten, das Leben bringt keine Erfüllung mehr, Menschen sind Demütigungen unterworfen, psychische Leiden sind weit verbreitet (in der Dritten Welt auch körperliche Leiden) und der Natur ist schwerer Schaden zugefügt worden. Die technologische Entwicklung wird die Lage weiter verschlimmern. Mit Sicherheit wird die Menschheit noch größere Demütigungen erleiden und die Natur noch mehr geschädigt werden […]. Je mächtiger aber das System sich entwickelt, desto katastrophaler werden die Folgen des Zusammenbruchs sein, so dass ein baldiger Zusammenbruch des Systems wünschenswerter ist als ein späterer.«
[85] Vgl. besonders die Absätze »Die Zukunft« und »Strategie«, ebd., S. 158–173.
[86] Das unterscheidet das Manifest von anderen Arten der Propaganda, die quantitativ nicht an einzelne Situationen gebunden sind. Vgl. dazu Malsch: Künstlermanifeste, S. 57–60.
[87] Vgl. zur rhetorischen »Kunst der Deutlichkeit« Verf.: »klar und deutlich«. Ästhetik des Kunstlosen im 18./19. Jahrhundert, Freiburg i.Br. 2015, S. 21–49.
[88] Schultz: Literarische Manifeste der »Belle Epoque«, S. 228.
[89] Catherine Prendergast: The Fighting Style. Reading the Unabomber’s Strunk and White, in: College English 72/1 (2009), S. 10–28.
[90] Ebd., S. 12.
[91] Vgl. ebd., S. 15.
[92] Vgl. die Absätze 33–44 des Manifests in Dammbeck: Das Netz, S. 91–97.
[93] Blanchot: Die Freundschaft, S. 128; zit.n. Puchner: Poetry of the Revolution, S. 22.
[94] Janet Lyon: Manifestoes: Provocations of the Modern, Ithaca 1999, S. 14.
[95] Prendergast: The Fighting Style, S. 15.
[96] Johanna Klatt und Robert Lorenz: Politische Manifeste. Randnotizen der Geschichte oder Wegbereiter sozialen Wandels?, in: dies. (Hg.): Manifeste, S. 7–45, S. 23.
[97] Dass politische Repräsentation nicht in bloßer Vertretung aufgeht, sondern wesentlich auf das Spiel in imaginären Ordnungen angewiesen ist, hat erstmals systematisch gezeigt: Cornelius Castoriadis: Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer politischen Philosophie, Frankfurt a.M. 1990.
[98] Dammbeck: Das Netz, S. 80.
[99] Puchner: Poetry of the Revolution, S. 1.
[100] In seiner Typologie zählt Searle die Deklarationen zu denjenigen Sprachhandlungen, die nur dann erfolgreich gelingen können, wenn die Sprechenden im Rahmen entsprechender Einrichtungen (z.B. Kirche, Rechtswesen oder sonstige staatliche Institutionen) tatsächlich befugt sind, den intendierten Zustand herbeizurufen (vgl. John R. Searle: Eine Taxonomie illokutionärer Akte, in: ders.: Ausdruck und Bedeutung. Untersuchungen zur Sprechakttheorie, Frankfurt a.M. 1982, S. 17–50, bes. S. 36–39).
[101] Puchner: Poetry of the Revolution, S. 5: »Political manifestos are texts singularly invested in doing things with words, in changing the world. They are ideal instances of performative speech in the sense used by J. L. Austin. Many avant-garde manifestos, by contrast, with their over-the-top statements and shrill pronouncement, are at home in avant-garde cabarets and theaters, where they were indeed declaimed with frequency. Yet, despite this difference, both performative intervention and theatrical posing are, to some degree, at work in all manifestoes. Political manifestoes frequently overcompensate for the actual powerlessness of their position with theatrical exaggerations, and their confidence is often feigned rather than grounded in real authority.«
[102] Puchner: Poetry of the Revolution, S. 5: »Theatricality and performativity thus describe two conflicting tendencies that informed all manifestoes.«
[103] Puchner: Poetry of the Revolution, S. 6.
[104] Vgl. Hanno Ehrlicher: Die Kunst der Zerstörung. Gewaltphantasien und Manifestationspraktiken europäischer Avantgarden, Berlin 2000.
[105] Vgl. Roland Barthes: Politische Schreibweisen, in: ders.: Am Nullpunkt der Literatur. Literatur oder Geschichte. Kritik und Wahrheit, Frankfurt a.M. 2006, S. 22–28.
[106] Vgl. zur Inszenierung des Autorenkollektivs im Wechsel von der Ich- zur Wir-Form zwischen Handschrift und Druck: Sandro Zanetti: Schreiben, zusammen. Kollektives Schreiben in Theorie und (avantgardistischer) Praxis, in: Daniel Ehrmann und Thomas Traupmann (Hg.): Kollektives Schreiben, Paderborn 2022, S. 50–69, bes. S. 59–62.
[107] Vgl. Thorsten Hahn: Avant-Garde als Kulturkampf. Das Manifest als Medium artistischer Politik, in: Hartmut Kircher, Maria Klanska und Erich Kleinschmidt (Hg.): Avantgarden in Ost und West. Literatur, Musik und Bildende Kunst um 1900, Köln u.a. 2002, S. 23–36.
[108] Vgl. Georges Sorel: Über die Gewalt, übersetzt von Ludwig Oppenheimer (1928), mit einem Nachwort von George Lichtheim, Frankfurt a.M. 1982; vgl. für den Übergang von einer Poesie der Revolution marxistischer Prägung zu einer Poesie des Krieges im Zeichen der reinen Aktion in Futurismus und Faschismus: Puchner: Poetry of the Revolution, S. 79–84.
[109] Filippo Tommaso Marinetti: Manifest des Futurismus, in: Hansgeorg Schmidt-Bergmann: Futurismus. Geschichte, Ästhetik, Dokumente, Reinbek bei Hamburg 2009, S. 75–80, S. 77.
[110] Marjorie Perloff: Violence and Precision. The Manifesto as Art Form, in: dies.: The Futurist Moment. Avant-Garde, Avant Guerre, and the Language of Rupture, Chicago und London 1986, S. 80–115.
[111] Marinetti an Gino Severini, Ende September 1913, in: Maria Drudi-Gambillo und Teresa Fiori (Hg.): Archivi del futurismo, Rom 1958, Bd. 1, S. 294–295.
[112] Giovanni Lista: Futurisme: manifestes, proclamations, documents, Lausanne 1973, S. 18–19; dt. Übersetzung zit.n. Malsch: Künstlermanifeste, S. 116.
[113] Vgl. Manfred Hinz: Die Zukunft der Katastrophe. Mythische und rationalistische Geschichtstheorie im italienischen Futurismus, Berlin und New York 1985, S. 130–160; Schmidt-Bergmann: Futurismus, S. 52–72.
[114] Vgl. Hannes Böhringer: Avantgarde – Geschichte einer Metapher, in: Archiv für Begriffsgeschichte 22 (1978), S. 96–102; Manfred Hardt: Zu Begriff, Geschichte und Theorie der literarischen Avantgarde, in: ders. (Hg.): Literarische Avantgarden, Darmstadt 1989, S. 145–171.
[115] André Breton: Die Manifeste des Surrealismus, Deutsch von Ruth Henry, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 56.
[116] Vgl. James M. Harding: Cutting Performances. College Events, Feminist Artists, and the American Avant-Garde, Ann Arbor 2010, S. 208–209.
[117] Schneider: Das Attentat, S. 419.
[118] Valerie Solanas: Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer S.C.U.M. Erweitert um einen Text von Andy Warhol: Nachdem sie mich niedergeschossen hatte, drehte sich Valerie um und schoß auf Mario Amaya, Augsburg 1996, S. 27.
[119] So Schneider: Das Attentat, S. 415–426, der die Schüsse auf Warhol in den Kontext der aufsehenerregenden politischen Attentate der 1960er Jahre stellt.
[120] Vgl. Davide Giuriato und Eckhard Schumacher (Hg.): Drastik. Ästhetik – Genealogien – Gegenwartskultur, Paderborn 2016.
[121] Dieser Logik folgt schon das titelgebende Akronym S.C.U.M, das auf die Frauenarmee zur Vernichtung der Männer durch ein Wortspiel auch als ›Dreck, Abschaum‹ referiert, ohne diese Konnotation jedoch pejorativ meinen zu können. Vielmehr geht es darum, das Verworfene der Gesellschaft als eine revolutionäre Kraft zu inszenieren. Zur Theorie des Abjekts vgl. Julia Kristeva: Powers of Horror: An Essay on Abjection, New York 1982.
[122] Solanas: Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer S.C.U.M., S. 68–69.
[123] Puchner: Poetry of the Revolution, S. 215.
[124] So James M. Harding: The Simplest Surrealist Act: Valerie Solanas and the (Re)Assertion of Avantgarde Priorities, in: The Drama Review 45/4 (2001), S. 142–162.
[125] Vgl. Avital Ronell: Deviant Payback: The Aims of Valerie Solanas, in: Valerie Solanas: SCUM Manifesto. With an Introduction by Avital Ronell, London 2004, S. 5.
[126] Vgl. Robert Stockhammer: Grenzwerte des Ästhetischen, Frankfurt a.M. 2002.
[127] Winfried Menninghaus: Ekel. Theorie und Geschichte einer starken Empfindung, Frankfurt a.M. 2002, S. 567.
[128] Alexander Kluge: Lernprozesse mit tödlichem Ausgang, 2. Auflage, Frankfurt a.M. 1974., S. 335, aus: Eine Kathedrale der Rechtsverdrehung.
[129] Ebd. S. 249.
[130] Alexander Kluge feat KHAVN de la Cruz, Happy Lamento, 2018.
[131] Ebd. S. 335.
[132] Ebd.
[133] Ebd. S. 250.
[134] Ebd. (Markierungen aus dem Original-Text übernommen).
[135] Durch die Sonne, in: Der Spiegel (16.1.1972), unter: https://www.spiegel.de/kult ur/durch-die-sonne-a-b62c8ce8-0002-0001-0000-000043018864 (29.5.2023).
[136] Alexander Kluge: Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte, in: Sämtliche Kinofilme 6 (2007).
[137] Ebd.
[138] Manuela Klaut: Arbeit am Zusammenhang – Kluges Poetik des Falls (2023) S. 159, unter: https://pub-data.leuphana.de/frontdoor/index/index/docId/1299 (23.6.2023).
[139] »Wir müssen den Leuten doch ganz schlicht und einfach irgendwelche Bilder aus dem Weltall vermitteln und diese Bilder müssen irgendwelche interessanten Ereignisse enthalten, die die Leute zu Hause auch erleben und auch in ihre Umwelt stellen können…«, in: Alexander Kluge: Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte, in: Sämtliche Kinofilme 6 (2007).
[140] Alexander Kluge: Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte, in: Sämtliche Kinofilme 6 (2007).
[141] Ebd.
[142] Oskar Negt und Alexander Kluge: Maßverhältnisse des Politischen. 15 Vorschläge zum Unterscheidungsvermögen, Frankfurt a.M. 1993, S. 2.
[143] Ebd. S. 197–198.
[144] Jürgen Weidemann: Die Stellung der Beschwerde im funktionalen Zusammenhang der Rechtsmittel des Strafprozesses, Berlin 1999, S. 22.
[145] Dorothea Walzer: Arbeit am Exemplarischen. Poetische Verfahren der Kritik bei Alexander Kluge, Paderborn 2017, S. 157.
[146] Ebd. S. 158.
[147] Verena Mund: Mädchenname, in: Christian Schulte (Hg.): Die Schrift an der Wand – Alexander Kluge: Rohstoffe und Materialien, Göttingen 2012, S. 363–389, S. 384.
[148] Hans Dahs: Die Revision im Strafprozeß. Bedeutung für die Praxis der Tatsacheninstanz, 6. Aufl., München 2001, S. 3. Die Revision passiert auch auf textlicher Ebene dieser Handbücher, in der 7. Auflage Die Revision im Strafprozess von Dahs heißt es im Vorwort: »Die Revision ist ein rechtliches Labyrinth, in dem sich schon viele verirrt haben, die nicht über einen zuverlässigen Leitfaden verfügten. Die Schwierigkeiten, eine formgerechte Revision auf die Beine zu stellen, sind seit der 6. Auflage nicht geringer geworden – im Gegenteil!« in: Hans Dahs: Die Revision im Strafprozeß. Bedeutung für die Praxis der Tatsacheninstanz, 7. Aufl., München 2008, S. 4. Hans Dahs resümiert zur Praxis der Revision, sie brauche eine »revisionsrechtliche Phantasie« und ein »feeling für den Blick des Schwachpunkts«. Man kann zusammenfassend sagen: Die Revision ist eine unklare Chance.
[149] Karin Harasser: Singularität und lange Dauer. Alexander Kluges idiosynkratische Filmtheorie der Geschichte, in: Christian Schulte und Alexander Kluge (Hg.): Die Frage des Zusammenhangs: Alexander Kluge im Kontext, Berlin: Vorwerk 8 2012. S. 64–81, S. 64.
[150] zit.n. Christoph Streckhardt: Kaleidoskop Kluge. Alexander Kluges Fortsetzung der kritischen Theorie mit narrativen Mitteln, Tübingen 2016, S. 402.
[151] Alexander Kluge: Das fünfte Buch – neue Lebensläufe: 402 Geschichten, Berlin, S. 99.
[152] Ebd.
[153] Amtsgerichtliche Personalakten über den Referendar Ernst Alexander Kluge, August 1953, Aktenzeichen I K176. Amtsgericht Wiesbaden, Verwaltungsabteilung.
[154] Hellmut Becker und Alexander Kluge: Kulturpolitik und Ausgabenkontrolle. Zur Theorie und Praxis der Rechnungsprüfung, Frankfurt a.M. 1961, S. 87.
[155] Ebd., Es gibt noch weitere Fälle für die Erörterung der möglichen Beanstandung in dem Buch, die fast einen humorvollen Beitrag zur Rechnungsprüfung der Kulturpolitik leisten – aus denen klar wird, woher die poetische Arbeit Kluges ihren Ursprung hat: In Beanstandungsfällen des Rechnungshofes. Als positives Gegenbeispiel der Nicht-Beanstandung argumentieren Becker und Kluge diesen Fall: »Ein Sinologe kauft in Hongkong von einem chinesischen Schwarzhändler wertvolle alte Schriften. Er bittet telegrafisch den leitenden Verwaltungsbeamten seiner Universität um Überweisung der nötigen Mittel. Nach dem Haushaltsrecht darf der Kurator nur an den Endesberechtigten, d.h. also an den chinesischen Schwarzhändler überweisen, was offenbar Unfug wäre. Der Beamte sendet daher das Geld unter Verstoß gegen die Haushaltsordnung an den Sinologen und legt die Gründe für sein Verhalten in einem ausführlichen Aktenvermerk nieder. Der Rechnungshof hat in diesem Fall nicht beanstandet; in einem ähnlichen Fall ohne Aktennotiz gab es Auseinandersetzungen. Eine freie Disposition muß unter den besonderen Verhältnissen, unter denen die Wissenschaft arbeitet, möglich sein. Allerdings bedürfen solche Abweichungen einer rationalen Erklärung.«
[156] Alexander Kluge: Deutschland im Herbst (1978) & Die Patriotin (1979), München 2016.
[157] Alexander Kluge: Abschied von gestern (1966) & Gelegenheitsarbeit einer Sklavin (1973), München 2020.
[158] Alexander Kluge: Chronik der Gefühle, 1. Aufl. Frankfurt a.M. 2004, Lebensläufe, S. 742.
[159] Jacques Derrida: Préjugés: Vor dem Gesetz, Wien 2010, S. 45–46.
[160] Ino Augsberg: Die Lesbarkeit des Rechts. Texttheoretische Lektionen für eine postmoderne juristische Methodologie, Weilerswist 2020, S. 192.
[161] Oskar Negt und Alexander Kluge: Geschichte und Eigensinn, Frankfurt a.M., S. 489.
[162] Alexander Kluge: Kriegsfibel 2023, Berlin 2023, S. 121.
[163] Alexander Kluge im Gespräch mit Rainer Stollmann: Sicherheitsarchitektur. Aufhebung struktureller Gewalt, in: Rainer Stollmann, Vincent Pauval, Gunther Martens (Hg.): Trauerarbeit. Maulwurf Krieg. (Alexander Kluge Jahrbuch, Band 8), Göttingen 2022, S. 318–322, hier S. 321.
[164] Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti, in: Ders.: Werke und Briefe in zwölf Bänden, Bd. 7: Werke 1770–1773. Hg. von Klaus Bohnen. Frankfurt a.M. 2000, S. 293.
[165] Andreas Würgler: Bitten und Begehren. Suppliken und Gravamina in der deutschsprachigen Frühneuzeitforschung, in: Cecilia Nubola und Andreas Würgler (Hg.): Bittschriften und Gravamina. Politik, Verwaltung und Justiz in Europa (14.–18. Jahrhundert), Berlin 2005, S. 17–52, S. 36.
[166] Vgl. hierzu Hans Ludwig Rosegger: Petitionen, Bitten und Beschwerden. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte moderner Verfassungen in rechtsvergleichender Darstellung, Berlin 1908, und Rupert Schick: Petitionen. Von der Untertanenbitte zum Bürgerrecht, Heidelberg 31996.
[167] Eberhard Isenmann: Gravamen (dt. Beschwer, Beschwerung, Beschwerde, engl. grievance; frz. doleance, ital. Gravame), in: Gert Ueding (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 3, Sp. 1183–1188, Sp. 1184.
[168] Ebd.
[169] Joseph von Pözl: Beschwerderecht, in: Johann Caspar Bluntschli und Karl Brater (Hg.): Deutsches Staats-Wörterbuch, Zweiter Band, Stuttgart und Leipzig 1860, S. 89–94, S. 89.
[170] Vgl. Marko Kreutzmann: Föderative Ordnung und nationale Integration im Deutschen Bund 1816–1848. Die Ausschüsse und Kommissionen der Deutschen Bundesversammlung als politische Gremien, Göttingen 2022, bes. S. 136.
[171] Artikel 17 GG.
[172] [Art.] Beschwerde, in: Wolfgang Pfeifer et al. (Hg.): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds. de/wb/etymwb/Beschwerde>, abgerufen am 26.04.2023.
[173] Isenmann: Gravamen, Sp. 1184.
[174] [Art.] Onus, in: Johann Heinrich Zedler (Hg.): Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschaften und Künste (1732–1754), Bd. 25, Graz 1994 (=Nachdruck der Ausgabe Halle 1740), Sp. 1485–1487, Sp. 1486: »Onus wird auch in denen Rechten bisweilen von uncörperlichen Dingen gesagt, als z.E. Onera Actionis, die Last oder Beschwerde einer Klage.«
[175] Johann Christoph Gottsched: Beobachtungen über den Gebrauch und Misbrauch vieler deutscher Wörter und Redensarten, Straßburg und Leipzig 1785, S. 166–167, S. 167.
[176] Im bereits zitierten Zedler-Artikel »Onus« heißt es: »Onus bedeutet überhaupt zwar sowol in denen alten Römischen Rechten, als auch bey andern Lateinischen Schrifft-Stellern, so viel, als eine iedwede Last oder Bürde, die man sowol Menschen als Vieh zu tragen auferlegt. […] und also auch im uneigentlichen oder verblümten Verstande alle und iede Arten derer öffentlichen Aemter und Bedienungen, welche mit einer gewissen Last oder Beschwerung verknüpffet sind.« (Zedler: [Art.] Onus, Sp. 1485–86). An anderen Stellen übersetzt Zedler Onus mit Beschwerde im Sinne einer zu tragenden Last. Vgl. [Art.] Munera, in: Johann Heinrich Zedler (Hg.): Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschaften und Künste (1732–1754), Bd. 22, Graz 1994 (=Nachdruck der Ausgabe Halle 1740), Sp. 819–829. Als »Beschwerde, onus expressum« bezeichnete man auch vertraglich geregelte »Beschwerden«, die unbeweglichen Gütern auferlegt wurden, wie zum Beispiel »Majorate, Fideikommisse, Dienstbarkeiten.« So Carl Krziwanek: Abhandlung über die dinglichen Dienstbarkeiten nach dem gemeinen Rechte, Wien 1799, S. 148.
[177] [Art.] Persönliche Beschwerden, in: Johann Heinrich Zedler (Hg.): Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschaften und Künste (1732–1754), Bd. 27, Graz 1994 (=Nachdruck der Ausgabe Halle 1740), Sp. 667.
[178] [Art.] Beschwerde, in: Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart, Bd. 1, Leipzig 1793, Sp. 908. Ebenso im Grimmschen Wörterbuch, das im Artikel Beschwerde als erste Bedeutung nennt: »1) onus, moles, molestia, last, mühe, schmerz, häufig im pl. gebraucht […].« ([Art.] Beschwerde, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Bd. 1, Leipzig 1853, Sp. 1602).
[179] Isenmann: Gravamen, Sp. 1183. Als dritte Bedeutung fügt Isenmann – jenseits der Metaphorik der Schwere – noch die »Beeinträchtigung von Rechten« hinzu.
[180] [Art.] Beschwerde, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Bd. 1, Sp. 1602: »2) querela: beschwerde führen, über oder gegen einen […].«
[181] Adelung: [Art.] Beschwerde, Sp. 908.
[182] Würgler: Bitten und Begehren, S. 24. Berühmt sind die »Gravamina der deutschen Nation«, mit denen die Stände sich während der Reformation gegen den päpstlichen Fiskalismus wendeten. Hier begegnet zum ersten Mal der aktivische Gebrauch des Wortes Gravamina im Sinne der Beschwerdeführung. Vgl. hierzu Heinz Scheible: Die Gravamina, Luther und der Wormser Reichstag, in: Ders., Gerhard May und Rolf Decot (Hg.): Melanchthon und die Reformation. Forschungsbeiträge, Mainz 1996, S. 393–410, S. 397–398.
[183] [Art.] Beschweren, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Bd. 1, Sp. 1606.
[184] Ebd.
[185] Vgl. hierzu Juliane Prade-Weiss: Language of Ruin and Consumption. On Lamenting and Complainig, New York 2020. Prade-Weiss stellt die Semantik der Klage als »sounds of pain« (S. 20) und das »Getting a hearing«, um andere zu bewegen, ins Zentrum. Vgl. vor allem den Abschnitt zur »Lamenting in Theory«, S. 5–16.
[186] Heinrich von Kleist: Robert Guiskard. Herzog der Normänner, in: Ilse-Marie Barth und Hinrich C. Seeba (Hg.): Heinrich von Kleist sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden, Bd. 1, Frankfurt a.M. 1991, S. 236–255, V. 4–6. Im Folgenden zitiere ich die Verszahl nach dieser Ausgabe.
[187] Giorgio Politi: Gravamina und besondere Charakteristika der europäischen Sozialgeschichte, in: Cecilia Nubola und Andreas Würgler (Hg.): Bittschriften und Gravamina. Politik, Verwaltung und Justiz in Europa (14.–18. Jahrhundert), Berlin 2005, S. 451–458, S. 452.
[188] LOI. Constitution francoise. Donnée à Paris, le 14 Septembre 1791, S. 5 : »Que toutes les contributions seront réparties entre tous les citoyens, également, en proportion des leurs facultés […].«
[189] Vgl. Reiner Sahm: Theorie und Ideengeschichte der Steuergerechtigkeit: Eine steuertheoretische, steuerrechtliche und politische Betrachtung, Wiesbaden 2019, besonders S. 94–96 und zur »Lastenverteilung« passim.
[190] Stefan Liebig: Modelle und Befunde der empirischen Gerechtigkeitsforschung in Deutschland am Beispiel der Einkommens- und Steuergerechtigkeit, in: Stefan Empter und Robert Vehrkamp (Hg.): Soziale Gerechtigkeit – eine Bestandsaufnahme, Gütersloh 2007, S. 111–135, S. 111 und passim.
[191] Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. Fünfte, revidierte Auflage, Besorgt von Johannes Winckelmann. Studienausgabe, Tübingen 1980, S. 211.
[192] Peter Wagner: Bauern, Junker und Beamte. Lokale Herrschaft und Partizipation im Ostelbien des 19. Jahrhunderts, Göttingen 2005, S. 141. Wagner bringt eine Fülle an Beispielen für Beschwerden aus dem dörflichen Kontext, in dem über die Verteilung von Lasten wie Steuern und Abgaben, Hand- und Spanndienste, Naturalienleistungen, Leistungen im Rahmen der Wegeinstandsetzung etc. gerungen wird.
[193] Georg Michael von Weber: Ueber die Repartition der Kriegsschäden, in juristischer und kammeralistischer Hinsicht nebst einer kritischen Darstellung aller bisher gemachten Vorschläge, Würzburg 1798, S. 1–2.
[194] Lastenausgleichsgesetz in der Fassung der Bekanntmachung vom 2. Juni 1993 (BGBl. I S. 845; 1995 I S. 248), das zuletzt durch Artikel 211 der Verordnung vom 19. Juni 2020 (BGBl. I S. 1328) geändert worden ist.
[195] Vgl. hierzu Benjamin Härte: Der Lastenausgleich im Spiegel der zeitgenössischen deutschen Presse 1949 bis 1979, Bonn 2010.
[196] Günter Grass: Deutscher Lastenausgleich. Wider das dumpfe Einheitsgebot. Reden und Gespräche, Frankfurt a.M. 1990, S. 9.
[197] Vgl. zur Beschwerde der Sprache des Ostens den Beitrag von Prade-Weiss in diesem Band. Vgl. auch Dirk Oschmann: Der Osten eine Erfindung des Westens, Berlin 2023, S. 198f., der zum Jammern ausführt, dass es der Westen sei, der die Klagen des Ostens, wie schon Helena in Kleists RobertGuiskard, als Lärm abqualifiziert: »Der Vorwurf des ›Jammerns‹ bildet nun die genaue Entsprechung zum Vorwurf des ›Lärms‹ im politisch sozialen Raum. […] ›Jammern‹ und ›Lärm‹ sind hier letztlich Synonyme beziehungsweise gleichgerichtete Beschreibungsmodi für die ›Sprache der Probleme‹, mithin für jene gesellschaftlichen Artikulationen, die in westdeutschen Ohren ungewohnt sind, die man nicht wahrhaben will, die in Ton und Verfahren als zunächst nur undifferenzierte Störgeräusche durch die ›Anteillosen‹ (Rancière) erscheinen, womöglich als Beschwerden über die vielfältigen Formen des Unrechts und der gesellschaftlichen Benachteiligung.«
[198] Vgl. [Art.] Beschwerde, in: Meyers Conversations-Lexicon, Bd. 4, Hildburghausen 1845, S. 707. Dem folgt die Ausgabe des Jahres 1874.
[199] [Art.] Beschwerde, in: Brockhaus Konversations-Lexikon, Bd. 2, Leipzig, Berlin und Wien 1895, S. 874–875.
[200] [Art.] Beschwerde, in: Meyers Großes Konversationslexikon (6. Auflage, 1905–1909), Bd. 2, S. 753. Und wie im Brockhaus durchläuft der Artikel verschiedene Zuständigkeiten, je nach Ordnung und Regelungskontext: Beschwerde in »bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten«, in »Strafsachen«, in der »Armee«.
[201] [Art.] Beschwerde, in: Meyers Enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden, Bd. 4, Mannheim, Wien und Zürich 1972, S. 19.
[202] Die entsprechende Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichts ist online einsehbar unter: https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pres semitteilungen/DE/2021/bvg21-031.html.
[203] So bezeichnet Kunz-Lübcke Kohlhaas als »Paradebeispiel für einen Querulanten […].« (Andreas Kunz-Lübcke: Dissidenten, Außenseiter und Querulanten. Literarische und historische Gestalten in religiösen Kontexten außerhalb des Normalen, Leipzig 2021, S. 14) Damit übernimmt er fälschlich die Perspektive einer Figur des Textes, namentlich der Dresdner Staatskanzlei, die angesichts von Kohlhaas’ »Beschwerde, ganz den Forderungen gemäß, verfaßt«, zum Schluss kommt, Kohlhaas sei ein »unnützer Querulant.« (Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas, in: Klaus Müller-Salget [Hg.]: Sämtliche Erzählungen, Anekdoten, Gedichte, Schriften, Frankfurt a.M. 2005, S. 11–142, S. 43 und 45) Bei der hier zurückgewiesenen Beschwerde handelt es sich um Kohlhaas’ zweite Beschwerde in dieser Sache. Schon aus diesem Grund ist es nicht plausibel, das Urteil des Querulanten zu übernehmen. Vgl. in diesem Sinne Gideon Stiening, der zurecht sagt: »Die – falsche – These von Kohlhaas als paradigmatischem Querulanten hat sich bis ins Feuilleton verbreitet.« (Gideon Stiening: Naturrecht, positives Recht und Staatsraison in Kleists ›Michael Kohlhaas‹, in: Frieder von Ammon, Cornelia Remi und Gideon Stiening [Hg.]: Literatur und praktische Vernunft, Berlin/Boston 2016, S. 501) Im Hinblick auf schriftmediale und machtbürokratische Voraussetzungen von Kohlhaas’ Rechtskampf als einem Informationskrieg sowie als zentrale Figur der Pathologisierung und Psychiatrisierung des Querulierens liest Rupert Gaderer die Novelle Michael Kohlhaas als »Geschichte eines Querulanten […].« (Rupert Gaderer: Querulieren. Kulturtechniken, Medien und Literatur. 1700–2000, Berlin 2021, S. 91–104).
[204] Kleist: Kohlhaas, S. 27.
[205] Arbeit im ursprünglichen Sinne von »mühevoller Last«. Herkner definiert noch 1908: »Man wird gut daran tun, als Arbeit nur die mit Beschwerde, Mühe und Last verknüpfte Tätigkeit anzusehen.« In: Ders.: Die Arbeiterfrage. Eine Einführung. Fünfte, erweiterte und umgearbeitete Auflage, Berlin 1908, S. 413. Vgl. zum Begriff der Arbeit auch Georg Jochum: Zur historischen Entwicklung des Verständnisses von Arbeit, in: Fritz Böhle u.a. (Hg.): Handbuch Arbeitssoziologie, Wiesbaden 2010, S. 81–126.
[206] Kleist: Kohlhaas, S. 17.
[207] Ebd.
[208] Davide Giurato: »Wolf der Wüste«. Michael Kohlhaas und die Rettung seines Lebens, in: Nicolas Pethes (Hg.): Ausnahmezustand der Literatur. Neue Lektüren zu Heinrich von Kleist, Göttingen 2011, S. 290–306. Vgl. auch Verf.: Kleists ›Michael Kohlhaas‹ und das Politische. Oder: vom Recht zur Macht (und zur Geschichte des Rechtsgefühls), in: Kleist-Jahrbuch (2021), S. 95–117.
[209] Vgl. Isenmann: Gravamen, Sp. 1183.
[210] Hermann Helmholtz: Über die Wechselwirkung der Naturkräfte. In: Ders.: Populäre wissenschaftliche Vorträge. Braunschweig 1865, S. 99–133, S. 105.
[211] Diese Perspektivenfülle erfasst der Zoologe, Anthropologe und Physiologe Gustav Jäger: Die menschliche Arbeitskraft, München 1878.
[212] Vgl. zur Arbeitskraft im Verhältnis zur Schwerkraft auch Christoph Ruths: Sonnenstrahl und Arbeitskraft der Menschheit. Ein Bild aus Naturwissenschaft und Industrie der Neuzeit, Dortmund 1879, bes. den Abschnitt »Arbeit durch Hebung oder Überwindung der Schwerkraft«, S. 8–9.
[213] Abraham von Szontagh: Über die Bedingungen der Grösse der Arbeitskraft mit Berücksichtigung einiger Hausthiere. Ein populärer Vortrag, Preßburg 1859. Neben allgemeinen Betrachtungen über Bewegungskraft und Schwere von Körpern und Lasten geht es Szontagh um die »Betrachtung der anatomisch-physiologischen Befähigung und der wirklichen Leistung der einzelnen Arbeitsthiere.« Ebd., S. 12. Lange Ausführungen betreffen verschiedene Rassen von Pferden.
[214] Vgl. hierzu Francois Vatin: Arbeit und Ermüdung. Entstehung und Scheitern der Psychophysiologie der Arbeit, in: Philipp Sarasin und Jakob Tanner (Hg.): Physiologie und industrielle Gesellschaft, Frankfurt a.M. 2009, S. 347–368. Vatin zeigt, dass dieses Scheitern mit einem Arbeitsbegriff zusammenhing, der auf Anstrengung und Nützlichkeit zielte und eben nicht ausreichend einrechnen konnte, dass der »Organismus immer in Tätigkeit ist«. Ebd., S. 366.
[215] Ich danke Alexander Kling für den Hinweis auf diesen Text.
[216] Louise Aston: Aus dem Leben einer Frau, Hamburg 1847, S. 114.
[217] Ebd., S. 134.
[218] Ebd., S. 117.
[219] Gerade im Hinblick auf Kleists Obsession für die Bewegung des Fallens, für Gravitation und nicht zuletzt den Sündenfall (und die biblische Verurteilung zu schwerer Arbeit und zur Gravidität), könnte man die Metaphorik des Lastens bis zum Begriff der »Sündenlast« (laut Grimm »eine der ältesten und gebräuchlichsten umschreibungen für sünde«) und der korrespondierenden Rede von Schuld und Schuldenlast weiterverfolgen. Vgl. [Art]: Sündenlast, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Bd. 20, Sp. 1150. Zum Sündenfall bei Kleist klassisch: Gerhard Neumann (Hg.): Heinrich von Kleist. Kriegsfall — Rechtsfall — Sündenfall. Freiburg i. Br. 1994.
[220] Zu denken ist hier natürlich an Schillers »Über Anmut und Würde« (1793) sowie an Kleists »Über das Marionettentheater« (1811). Vgl. hierzu Margarete Fuchs: Von Risiko, Schwindel und Balance. Circensische Äquilibristik, in: Eckart Goebel und Cornelia Zumbusch (Hg.): Balance. Figuren des Äquilibriums in den Kulturwissenschaften, Berlin/Boston 2020, S. 193–204.
[221] Johann Gottlieb Fichte: Reden an die deutsche Nation. In: Fichtes Werke. Hg. von Immanuel Hermann Fichte, Bd. 7: Zur Politik, Moral und Philosophie der Geschichte, Berlin 1971, S. 257–499, hier S. 64.. Noch die Nationalsozialisten feiern das Schwere und die ihm korrespondierende Kraft. So liegt für den Kunsthistoriker Alfred Stange das deutsche Wesen und seine Heldenkraft in der Achtung und der Verbundenheit mit der zu bewältigenden Schwere des Steins, um ihn »zum Ausdrucksträger solch kraftvoll-bodenständigen, solch machtvoll-heldischen Menschenthums machen zu können.« Vgl. Alfred Stange: Die Bedeutung des Werkstoffes in der deutschen Kunst, Leipzig 1940, S. 69–70.
[222] Kleist, Kohlhaas, S. 23.
[223] Arndt Pollmann: Es gibt keinen Grund für westliche Überheblichkeit. 06.03.2022. https://www.deutschlandfunkkultur.de/ukraine-westliche-w erte-100.html [07.03.2022].
[224] Helmut Hühn: Die Entgegensetzung von »Osten« und »Westen«, »Orient« und »Okzident« als begriffsgeschichtliche Herausforderung, in: Ernst Müller (Hg.): Begriffsgeschichte im Umbruch?, Hamburg 2004, S. 59–67, S. 59.
[225] Pumla Gobodo-Madikizela: Empathic repair in the aftermath of mass violence and trauma: is it possible to repair the past?, in: Dies. (Hg.): History, Trauma and Shame. Engaging the Past Through Second Generation Dialogue, New York 2021, S. 19–37, S. 30–31.
[226] Anthony W. Bateman und Jeremy Holmes: Introduction to Psychoanalysis. Contemporary Theory and Practice, London 1995, S. 39.
[227] Elke Horn: Group Phenomena in Working Through the Past, in: Pumla Gobodo-Madikizela (Hg.): History, Trauma and Shame. Engaging the Past Through Second Generation Dialogue, New York 2021, S. 149–186, S. 176–177.
[228] Juliane Prade-Weiss: Scham und Spaltung überwinden. Zur Transgenerationalen Übertragung der Folgen von Massengewalt. Buchessay zu P. Gobodo-Madikizela (Hg.): History, Trauma and Shame: Engaging the Past Through Second Generation Dialogue, New York 2021, in: Psyche: Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen 76.3 (2022), S. 265–275.
[229] Piotr Twardzisz: Defining »Eastern Europe«. A Semantic Inquiry into Political Terminology, Cham 2018, S. 1.
[230] Twardzisz: Defining »Eastern Europe«, S. 17–18.
[231] Larry Wolff: Inventing Eastern Europe. The Map of Civilization on the Mind of the Enlightenment, Stanford 1994.
[232] Richard C. Frucht (Hg.): Eastern Europe. An Introduction to the People, Lands, and Culture, Oxford 2005, S. ix.
[233] Jeremy Brooke Straughn: Wo »der Osten« liegt. Umrisse und Ambivalenzen eines verschwindenden Landes, in: Sandra Matthäus und Daniel Kubiak (Hg.): Der Osten. Neue sozialwissenschaftliche Perspektiven auf einen komplexen Gegenstand jenseits von Verurteilung und Verklärung, Wiesbaden 2016, S. 195–223, S. 196.
[234] Straughn: Wo »der Osten« liegt, S. 203.
[235] Ebd.
[236] Merje Kuus: Europe’s eastern expansion and the reinscription of otherness in East-Central Europe, in: Progress in Human Geography 28.4 (2004), S. 472–489, S. 473.
[237] Kuus: Europe’s eastern expansion, S. 473; Straughn: Wo »der Osten« liegt, S. 202; Twardzisz: Defining »Eastern Europe«, S. 17.
[238] Sigmund Freud: Jenseits des Lustprinzips, in: Ders.: Gesammelte Werke (Bd. 13), Frankfurt a.M. 2010, S. 1–69, S. 29.
[239] Sigmund Freud: Triebe und Triebschicksale, in: Ders.: Gesammelte Werke (Bd. 10), Frankfurt a.M. 2010, S. 209–232, S. 228.
[240] Tea Sindbæk Andersen und Barbara Törnquist-Plewa: Disputed Memory. Emotions and Memory Politics in Central, Eastern and South-Eastern Europe, Berlin 2016, S. 1–2.
[241] Timothy Snyder: Bloodlands: Europe Between Hitler and Stalin, New York, S. vii-viii.
[242] Ebd., S. xviii.
[243] Elena A. Bogdanova: Religious Justifications of Complaints Addressed to the President in Contemporary Russia, in: Laboratorium 6.3 (2014), S. 55–79, S. 308.
[244] Ebd., S. 308–309.
[245] Timothy Snyder: The Historical Reality of Eastern Europe, in: East European Politics and Societies 23.1 (2009), S. 7–12, S. 9–10.
[246] Jan Smoleński und Jan Dutkiewicz (2022): American Pundits Can’t Resist »Westsplaining« Ukraine. The New Republic 03/04. https://historynewsnetwo rk.org/article/182609 [10.04.2022]
[247] Christoph Seidler: Psychoanalyse & Gesellschaft. Ein Lehr- und Erfahrungsbuch aus Deutschlands Osten, Berlin 2015, S. 69.
[248] Smoleński und Dutkiewicz: American Pundits, S. 89.
[249] Ebd., S. 77.
[250] Ebd., S. 92–93.
[251] Riccardo Nicolosi: Erniedrigte und Beleidigte. Vladimir Putins Affektrhetorik, 23.03.2022. https://geschichtedergegenwart.ch/erniedrigte-und-beleidigte-vladimir-putins-affektrhetorik [10.04.2022]. Seidler nennt die Ukraine »ein Kunstprodukt des Versailler Vertrages« und verweist auf die nationalistische Verehrung Stepan Banderas (S. 93), mit der Putin die Behauptung der Notwendigkeit einer »Entnazifizierung« der Ukraine rechtfertigt. Vermutlich würde niemand Österreich oder Deutschland als »Kunstprodukt des Versailler Vertrages« bezeichnen. Christoph Seidler: Psychoanalyse & Gesellschaft, S. 93.
[252] Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschuggnall: »Opa war kein Nazi«. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt a.M. 2002, S. 172.
[253] Jeremy Brooke Straughn: How Memory Divides. The Search for Identity in Eastern Germany, London 2021, S. 3–29.
[254] Christiane Wilke: Östlich des Rechtsstaats. Vergangenheitspolitik, Recht und Identitätsbildung, in: Sandra Matthäus und Daniel Kubiak (Hg.): Der Osten. Neue sozialwissenschaftliche Perspektiven auf einen komplexen Gegenstand jenseits von Verurteilung und Verklärung, Wiesbaden 2016, S. 169–191, S. 170.
[255] Ebd., S. 187.
[256] Ebd., S. 171.
[257] Ebd., S. 188.
[258] Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Bearbeit. Johann Grimm, Rudolf Weigand und Karl Hildebrand. Nachdruck der Erstausgabe, München1984, 1:1606; 11:913. Zur terminologischen Breite der Begriffe des Klagens: Juliane Prade-Weiss: Language of Ruin and Consumption. On Lamenting and Complaining, New York 2020, S. 17–25.
[259] Nicole Loraux : L’invention d’Athènes. Histoire de l’oraison funèbre dans la »cité classique«, Paris 1981; Gail Holst-Warhaft: Dangerous Voices. Women’s Laments and Greek Literature, London 1992, S. 98–170.
[260] V.a. zur Patristik Richard A. Hughes: Lament, Death, and Destiny, New York 2004, S. 69–97; zu Byzanz Margaret Alexiou: The Ritual Lament in Greek Tradition, Oxford 2002, S. 24–35; zur koptischen Kirche Elizabeth Wickett: For the Living and the Dead. The Funerary Laments of Upper Egypt, Ancient and Modern, London 2010.
[261] Parita Mukta: The »Civilizing Mission«. The Regulation and Control of Mourning in Colonial India, in: Feminist Review 63 (1999), S. 25–47; Lauren Ninoshvili: »Wailing in the Cities«. Media, Modernity, and the Metamorphosis of Georgian Women’s Expressive Labor, in: Music and Politics 6.2 (2012), S. 1–15.
[262] Aili Nenola-Kallio: Studies in Ingrian Laments, Helsinki 1982; Ildikó Kriza: The Rural Form of the Death Dirges, in: Jahrbuch für Volksliedforschung 39 (1994), S. 110–116, S. 245–251.
[263] James M. Wilce: Crying Shame. Metaculture, Modernity, and the Exaggerated Death of Lament, Chichester 2009, S. 71–152.
[264] Wickett: For the Living and the Dead, S. 240–241.
[265] Aischylos: Orestie. Griechisch/deutsch. Übers. O. Werner. München 1984, 919; 1051.
[266] Euripides: Iphigenie bei den Taurern. Übers. Paul Dräger. Stuttgart 2011, 143–147 & 179–183.
[267] Plutarch: Vitae Parallelae (Bd. 1), hg. v. Claes Lindskog und Konrat Ziegler, Leipzig 1957, 12.8.15f.: τὸ σκληρὸν ἀφελὼν καὶ τὸ βαρβαρικόν.
[268] Platon: Werke in Acht Bänden. Griechisch/Deutsch. Hg. Gunther Eigler. Darmstadt 1990, 800e 1–3; vgl. 959a- 960a.
[269] Prade-Weiss: Language of Ruin and Consumption, S. 21–28.
[270] Edward Said: Orientalism, New York 1994, S. 21.
[271] Edward Hall: Inventing the Barbarian. Greek Self-Definition through Tragedy, Oxford 1989, S. 83: »the formal antiphonal dirge, though eastern in origin«; vgl. Alexiou 2002, S. 13; beide mit Verweis auf eine Fußnote in der sonst nicht zitierten Studie, in der es jedoch lediglich heißt: »Vorsänger und Klagechor finden wir in dem Orient wieder« mit Verweis auf Keilschriften (Martinus Nilsson: Der Ursprung der Tragödie, in: Opuscula Selecta [Bd. 1.], Lund 1951, S. 61–145, S. 78).
[272] So allerdings bei Linda M. Austin,: The Lament and the Rhetoric of the Sublime, in: Nineteenth-Century Literature 53.3 (1998), S. 279–306, S. 280; Burkhard Hasebrink: »Ich kann nicht ruhen, ich brenne.« Überlegungen zur Ästhetik der Klage im Fließenden Licht der Gottheit, in: Manuel Braun et al. (Hg.): Das fremde Schöne. Dimensionen des Ästhetischen in der Literatur des Mittelalters, Berlin 2007, S. 91–107, S. 105; Holst-Warhaft, Gail: Dangerous Voices. Women’s Laments and Greek Literature, London 1992, S. 10; Rebecca Saunders: Lamentations and Modernity. Literature, Philosophy, and Culture, New York 2007, S. 47; Claudia Welz: Vertrauen und Versuchung, Tübingen 2010, S. 28; Wilce: Crying Shame, S. 49.
[273] Judith Butler: Bodies that Matter. On the Discursive Limits of »Sex«, New York, S. 2.
[274] Helene P. Foley: Female Acts in Greek Tragedy. Princeton 2002, S. 33.
[275] Julian Baggini: Complaint. From Minor Moan to Principled Protests, London, S. 12.
[276] Nancy Ries: Russian Talk. Culture and Conversation during Perestroika, Ithaca, New York 1997, S. 112–125, S. 86.
[277] Ebd., S. 83. Vgl. S. 117: »It seems clear that […] citizens (and citizen activists) of democratizing societies need to move away from the kind of language […] that in subtle ways symbolically reaffirms the distance between rulers and ruled.«
[278] Jüdisches Forum, 15.02.2022, »›Bombenholocaust‹ & ›The White Race‹: Neonazis marschieren in Dresden am 13. Februar 2022« https://www.jfda.de/post/ne onazis-marschieren-in-dresden [konsultiert am 19.06.2023].
[279] https://www.dw.com/de/trauerm%C3%A4rsche-markenzeichen-der-afd/a-45321225 [14.03.2022]
[280] Peter Falkai und Hans Ulrich Wittichen (Hg.): Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen. American Psychiatric Association 2013, Göttingen 2018, S. 987–988: »Als Teil der Reaktion auf einen solchen Verlust können manche trauernden Personen Symptome entwickeln, die charakteristisch für eine Episode einer Major Depression sind – z. B. Gefühle von Traurigkeit und damit verbundene Symptome wie Schlafstörungen, Appetitminderung und Gewichtsverlust. Die trauernde Person betrachtet typischerweise die depressive Stimmung als ›normal‹, obwohl sie möglicherweise professionelle Hilfe aufsucht, um Symptome wie Insomnie oder Appetitlosigkeit zu lindern Dauer und Ausdrucksform einer ›normalen‹ Trauer sind in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich.«
[281] Cas Mudde und Cristóbal Rovira Kaltwasser: Populism. A very short introduction, Oxford 2017, S. 116.
[282] Ebd., S. 102.
[283] Ebd.
[284] Ebd., S. 98.
[285] Ruth Wodak: From Post-Truth to Post-Shame. Analyzing Far-Right Populist Rhetoric, in: Cynthia Gordon (Hg.): Approaches to Discourse Analysis, Washington DC 2021, S. 177.
[286] Jeffrey C. Alexander: Introduction: The Populist Continuum from Within the Civil Sphere to Outside It, in: Jeffrey C. Alexander, Peter Kivisto und Giuseppe Sciortino (Hg.): Populism in the Civil Sphere, Cambridge 2021, S. 10.
[287] Jan-Werner Müller: What Is Populism?, Philadelphia 2016, S. 16–17.
[288] Mudde und Kaltwasser: Populism, S. 122.
[289] Horn: Group Phenomena, S. 176–177.
[290] Juliane Prade-Weiss: Guilt-tripping the »Implicated Subject«. Widening Rothberg’s Concept of Implication in Reading Müller’s »The Hunger Angel«. Response to. Michael Rothberg, The Implicated Subject. Beyond Victims and Perpetrators (2019), in: Journal of Perpetrator Research 4 (2020), S. 42–66.
[291] Mark Sanders: Complicities. The Intellectual and Apartheid, Durham 2002, S. 8–11.
[292] Susannah Eckersley: Between Appropriation and Appropriateness: Instrumentalizing Dark Heritage in Populism and Memory?, in: Chiara De Cesari und Ayhan Kaya (Hg.): European Memory in Populism: Representations of Self and Other, London 2020, S. 210–238.
[293] Bogdanova: Religious Justifications, S. 66.
[294] Ebd., S. 57.
[295] https://www.aljazeera.com/gallery/2022/2/25/photos-hundreds-arrested-as-r ussians-protest-invasion-of-Ukraine [14.03.2022]
[296] Valerie Fritsch: Herzklappen von Johnson & Johnson. Berlin 2020, S. 16.
[297] Ebd., S. 94.
[298] Ebd., S. 23.
[299] Ebd, S. 138.
[300] Ebd., S. 138–139.
[301] Ebd., S. 145–146.
[302] Ebd., S. 176
[303] https://www.perlentaucher.de/buch/valerie-fritsch/herzklappen-von-johnson -johnson.html [27.02.2022].
[304] Jáchym Topol: Die Teufelswerkstatt. Übers. E. Profousová. Frankfurt a.M. 2010, S. 61. Vgl. Jáchym Topol: Chladnou zemí, Prag 2009, S. 43: »Jakej Východ, […], zbláznila ses? Tady je přece Západ, opravdickej konec Západ, tady je konec Evropy!«
[305] Emmanuel Macron: Pressekonferenz mit Vladimir Putin, Fort Brégançon, 19.08.2019. https://www.youtube.com/watch?v=EYvrGKWChRI, 20:23 [11.03. 2022], 20:23.
[306] Vladimir Putin: Von Lissabon bis Wladiwostok. Handelspakt zwischen Russland und Europa: Moskau will als Lehre aus der größten Krise der Weltwirtschaft seit acht Jahrzehnten wesentlich enger mit der Europäischen Union zusammenarbeiten. Süddeutsche Zeitung, 25.11.2010. https://www.sueddeuts che.de/wirtschaft/putin-plaedoyer-fuer-wirtschaftsgemeinschaft-von-lissabo n-bis-wladiwostok-1.1027908 [26.10.2023].
[307] Gobodo-Madikizela: Empathic repair, S. 31.
[308] Ulrike Bergermann und Andrea Seier: Wir kommen um uns zu beschweren und uns dabei zu beobachten, in: Ulrike Bergermann: Verspannungen. Vermischte Texte, Münster 2013, S. 269–278, hier S. 272.
[309] Ebd.
[310] Ebd., S. 269.
[311] Ebd., S. 271.
[312] Vgl. ebd., S. 272.
[313] Ebd. S. 275.
[314] Pretend it’s a City (R: Martin Scorsese, USA 2021).
[315] Vgl. Dierk Saathoff: Der Wille zum Beschweren. Die Schriftstellerin Fran Lebowitz nimmt kein Blatt vor den Mund, jungle.world [rev. 17.05.2023]
[316] Sara Ahmed: Complaint!, Durham 2021, S. 17.
[317] Ebd., S. 1–10.
[318] Dave Itzkoff: Fran Lebowitz and Martin Scorsese Seek a Missing New York in ›Pretend It’s a City‹, www.nytimes.com [rev. 14.03.23]
[319] Vgl. Bernward Joerges: Die Brücken des Robert Moses: Stille Post in der Stadt- und Techniksoziologie, Leviathan, 27/1 (1999), S. 43–63.
[320] Sara Ahmed: Queer phenomenology, Durham 2006, S. 138.
[321] Dave Itzkoff: Fran Lebowitz and Martin Scorsese Seek a Missing New York in ›Pretend It’s a City‹, www.nytimes.com [rev. 14.03.23]
[322] Ahmed: Complaint!, S. 16.
[323] Ebd., S. 3.
[324] Tobias Rüther: Godzilla der Pointe, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ medien/pretend-it-s-a-city-fran-lebowitz-und-martin-scorsese-auf-netflix-171 48313.html [rev. 13.03.23].
[325] Vgl. die knapp zweistündige Kompilation von Drehli Robnik und Gabu Heindl in ihrem Projekt Mock-ups in Close-up, die Modelle als Motive, sowie Zufallsfunde im Film versammelt.
[326] »I describe complaint as a phenomenology of the institution«, Ahmed: Complaint!, S. 19.
[327] Ebd., S. 38.
[328] Ebd., S. 41.
[329] Michelle Young: Filming Locations for »PRETEND IT’S A CITY« from Martin Scorsese & Fran Lebowitz, untappedcities.com[rev. 13.03.2023]
[330] Siehe hier die Einleitung zu diesem Band von Gaderer und Prade-Weiss.
[331] »Normativity is comfortable for those who can inhabit it«, Sara Ahmed: The cultural politics of emotion, Edinburgh 2014, S. 147.
[332] Vgl. Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen 1980, S. 536.
[333] Fran Lebowitz: Schreiben: Eine lebenslängliche Strafe, in: dies.: New York und der Rest der Welt, Berlin 2022, S. 170–174.
[334] Elisabeth Lenk: Pariabewußtsein und Gesellschaftskritik bei einigen Schriftstellerinnen seit der Romantik, in: dies.: Kritische Phantasie. Gesammelte Essays, München 1986, S. 199–221, S. 199.
[335] Fran Lebowitz in Pretend it’s a City (R: Martin Scorsese, USA 2021).
[336] Ahmed: Complaint!, S. 19.
[337] Tobias Rüther: Godzilla der Pointe, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/pretend-it-s-a-city-fran-lebowitz-und-martin-scorsese-auf-netflix-17148313.html [rev. 13.03.23]
[338] Ebd.
[339] Ben Kafka: The Demon of Writing. Powers and Failures of Paperwork, New York 2012, S. 78.
[340] Vgl. hierzu, mit Rekurs auf Jacques Lacan, Geoff Boucher: Bureaucratic Speech Acts and the University Discourse: Lacan’s Theory of Modernity, in: Justin Clemens and Russell Grigg (Hg.): Jacques Lacan and the Other Side of Psychoanalysis. Reflections on Seminar XVI, Durham/London 2006, S. 274–291.
[341] Vgl. David Graeber: The Utopia of Rules. On Technology, Stupidity, and the Secret Joys of Bureaucracy, Brooklyn/London 2015, S. 6. – Zur stupidity als administrativer Herrschaftstechnik im Sinne struktureller Gewalt, die jede ›außerbürokratische‹ Perspektive ausschließe, vgl. ebd., S. 57, 59, 66, 81.
[342] Hierzu und zur entsprechenden Einordnung von Kleists Novelle vgl. Rafael Jakob und Burkhardt Wolf: Der verwaltete Souverän. Kleists Michael Kohlhaas und die preußischen Reformen, in: Administory 8 (2023; im Erscheinen).
[343] Vgl. Esteban Mauerer: Suppliken und Rekurse. Bayern im frühen 19. Jahrhundert, in: Ders. (Hg.): Supplikationswesen und Petitionsrecht im Wandel der Zeit und im Spiegel der Publikationen der Historischen Kommission, Göttingen 2020, S. 59–83, S. 75–80.
[344] Vgl. Stefan Haas: Die Kultur der Verwaltung. Die Umsetzung der preußischen Reformen 1800–1848, Frankfurt a.M. 2005, S. 398–399.
[345] Vgl. hierzu : Correspondance littéraire, philosophique et critique de Grimm et de Diderot, Bd. 4 : 1764–1765, Paris 1829, S. 11, S. 326.
[346] Johann Heinrich Campe: [Art.] Bureaucratie, in: Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke, Braunschweig 1813, S. 161.
[347] Robert von Mohl: Über Bureaukratie, in: Klaus von Beyme (Hg.): Politische Schriften. Eine Auswahl, Wiesbaden 1966, S. 276–310, S. 280–283.
[348] Mohl: Bureaukratie, S. 286.
[349] Mohl: Bureaukratie, S. 294.
[350] In Abwandlung von Foucaults berühmter Definition einer kritischen Haltung: »Die Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden.« – Michel Foucault. Was ist Kritik?, Berlin 1992, S. 12.
[351] Mohl: Bureaukratie, S. 305–306.
[352] Vgl. Pascale Cancik: Selbst ist das Volk? – Der Ruf nach »Volkstümlichkeit der Verwaltung« in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Der Staat 43 (2004), S. 298–327, S. 324.
[353] Zit. n. Rüdiger von Krosigk: Bürger in die Verwaltung! Bürokratiekritik und Bürgerbeteiligung in Baden. Zur Geschichte moderner Staatlichkeit im Deutschland des 19. Jahrhunderts, Bielefeld 2010, S. 169.
[354] Vgl. von Krosigk: Bürger in die Verwaltung, S. 112, S. 142–143, S. 195.
[355] Niklas Luhmann: Funktionen und Folgen formaler Organisation, Berlin 1972, S. 249.
[356] Vgl. hierzu Robert Garot: »You’re not a stone«. Emotional Sensitivity in a Bureaucratic Setting, in: Journal of Contemporary Ethnography, 33/6 (2004), S. 735–766, S. 746, S. 754–755, S. 760. – Zum Begriff ›emotional labor‹ vgl. auch Arlie Russell Hochschild: The Managed Heart. Commercialization of Human Feeling, Berkeley/Los Angeles/London 2012, S. 8, passim.
[357] Vgl. hier und im Folgenden: Cancik: Zuviel Staat?, S. 9–10, S. 16–19.
[358] Vgl. Jörg Bogumil und Werner Jann: Verwaltung und Verwaltungswissenschaft in Deutschland. Einführung in die Verwaltungswissenschaft, 2., völlig überarbeitete Auflage, Wiesbaden 2009, S. 48–53, S. 337–338, S. 353.
[359] Vgl. hierzu Demetrios Argyriades: From Bureaucracy to Debureaucratization?, in: Public Organization Review 10 (2010), S. 275–297.
[360] Vgl. hierzu etwa Colin Crouch: Postdemokratie, Frankfurt a.M. 2008, S. 125.
[361] Vgl. Eckhard Schröter: New Public Management, in: Sylvia Veit, Christoph Reichard Göttrik Wewer (Hg.): Handbuch zur Verwaltungsreform, 5., vollständig überarb. Aufl., Wiesbaden 2019, S. 115–126.
[362] Zur betriebswirtschaftlichen ›Definition‹ vgl. Rainer Palupski: Marketing kommunaler Verwaltungen, München/Wien 1997, S. 180: »Der Begriff Kunde hat zwei relevante Dimensionen: zum einen kann ein Kunde als eine Person aufgefaßt werden, die etwas kundtut, zum anderen ist ein Kunde eine Person, die von einer Institution gekannt wird (werden sollte). Kunde kann jeder Tauschpartner einer Verwaltung sein.« Aus sozialpolitischer und ungleich differenzierterer Perspektive vgl. Werner Schönig und Jutta Figgen: Beschwerdemanagement als Chance für eine ARGE. Ein Beispiel zur substantiellen Füllung des ›Kunden‹-Begriffs in der Sozialpolitik, in: Sozialer Fortschritt 4/2006, S. 95–99. S. 95: »Ein Arbeitsloser hat sowohl Rechtsansprüche als auch die Hoffnung auf Teilnahme an Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik. Zudem ist die Arbeitsverwaltung verlängerter Arm der Obrigkeit und daher zu empfindlichen Sanktionen gegenüber Leistungsempfängern befugt. Diese entscheidenden Aspekte werden durch den Begriff verwischt. Ein ›Kunde‹ ist man nur dann, wenn man Alternativen hat.«
[363] Vgl. Dirk Baecker: Organisation und Störung, Berlin 2011, S. 58 und Frans-Bauke van der Meer: New Public Management and Evaluation, in: Christopher Pollitt, Sandra van Thiel und Vincent Homburg (Hg.): New Public Management in Europe. Adaptation and Alternatives, Basingstoke/Hampshire 2007, S. 165–180, S. 166.
[364] Zu diesen Zahlen vgl. Tadej Brezina, Günter Emberger und Wolfgang Rollinger: Vom Beschwerde- zum Anregungsmanagement im Österreichischen öffentlichen Verkehr, in: ÖZV 1–2 (2012), S. 10–15, S. 11.
[365] Vgl. etwa Stefanie Wesselmann und Bettina Hohn (Hg.): Public Marketing. Marketing-Management für den öffentlichen Sektor, 4., vollständig überarb. Aufl., Wiesbaden 2017, S. 188–193.
[366] Christian Brock u.a.: Der Bürger als Kunde. Anliegenmanagement im öffentlichen Sektor, in: Stephan A. Jansen, Eckhard Schröter und Nico Stehr (Hg.): Bürger. Macht. Staat? Neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe, Teilnahme und Arbeitsteilung, Wiesbaden 2012, S. 109–124, S. 122.
[367] Vgl. hierzu Pascale Cancik: Vom Widerspruch zum informalen Beschwerdemanagement. Siegt der ›Verhandlungsstaat‹ über den ›hoheitlichen Anordnungsstaat‹?, in: Die Verwaltung 43/4 (2010), S. 467–499, S. 467.
[368] Vgl. Cancik: Vom Widerspruch, S. 488–492.
[369] Brock: Der Bürger als Kunde, S. 109.
[370] Niklas Luhmann: Die Grenzen der Verwaltung, hg. v. Johannes F. K. Schmidt und Christoph Gesigora, Berlin 2021, S. 116, S. 118, S. 200.
[371] Christoph Bartmann: Leben im Büro. Die schöne neue Welt der Angestellten, München 2012, S. 163.
[372] Ähnlich wie im Falle von Beschwerden in administrativen Belangen wurden seit den berühmten Hawthorne-Studien (1924 und 1933 in der Hawthorne-Fabrik der Western Electric Company im US-amerikanischen Cicero) innerbetriebliche Beschwerden im Sinne des modernen Managerialismus und seiner ›empirischen‹ und ›wertfreien‹ Studien vor allem zum Zweck betriebsökonomischer Optimierung erhört. Auf ein ›sachliches‹ Klageschema reduziert, werden nicht-formalisierbare und nicht unmittelbar konkretisierbare Gründe einfach verschwiegen: »The universal character of workers’ statements is comprehensively eliminated in the translation executed by managerial researchers. This operation makes a managerial, therapeutic, if not cosmetic, treatment possible leaving the more fundamental pathologies of managerial regimes un touched. Workers remain utterly unaware of these processes. […] It individualises statements on the collective of workers made by workers. It annihilates the collective and class of working people.« – Thomas Klikauer: Managerialism. A Critique of an Ideology, Basingstoke/Hampshire 2013, S. 141–142.
[373] Sarah Ahmed zufolge kann die neutralisierende Wirkung dieses Managements so weit gehen, dass von (akademischen) Kritikern des ›Neoliberalismus‹ jede Form von Beschwerde als ›Konsumentenverhalten‹ verdammt wird. – vgl. Sara Ahmed: Complaint!, Durham and London 2021, S. 203–205.
[374] Vgl. David Graeber: Bullshit Jobs. A Theory, London 2018, S. 183 und (im Online-Forum der Bertelsmann-Stiftung) Thomas Grether: Weniger Bürokratie in Darin mag man zuletzt ein Lebenszeichen von Kritik und eine Regung ihres Geists der Schwere erkennen: dass zwar nicht alle Leute, aber doch auf allen Seiten verstreute Kollektive sich beschweren – und zwar über das Beschwerdemanagement.